Wechsel in Handwerksbetrieben:

Wenn der Chef die Kommandobrücke verlässt

Rund 25 Jahre nach der Wende haben viele Betriebsgründer in der Region die Grenze zum Rentenalter erreicht. die örtliche Wirtschaft steht vor einem Generationswechsel, doch der ist nicht immer einfach zu bewältigen.

Von der "Kommandobrücke" in seinem Betrieb tritt Wolfgang Horn ab. Er übergibt das Unternehmen an zwei seiner Meister.
Georg Wagner Von der "Kommandobrücke" in seinem Betrieb tritt Wolfgang Horn ab. Er übergibt das Unternehmen an zwei seiner Meister.

Eigentlich wollte er sich schon ab Neujahr zurücklehnen, doch nun wird es noch ein wenig länger dauern. In etwa vier Wochen wird der Demminer Unternehmer  Wolfgang Horn in den Ruhestand wechseln. In einem der ersten Betriebe, die sich im Gewerbegebiet zwischen Woldeforster Straße und Klänhammerweg ansiedelten, steht damit ein Wechsel an der Spitze an. Doch die rund 20 Beschäftigten des Unternehmens für Sanitär- und Heizungsbau sowie Dachklempnerei schauen deshalb nicht in eine ungewisse Zukunft. Weil sich bei Horn vor rund ein bis zwei Jahren der Gedanke festigte, sich aus dem Unternehmen zurückzuziehen, blieb ihm genügend Zeit, dessen Zukunft zu regeln. Die beiden erfahrenen Meister Gerald Barkow und Mike Friedrichs, sagt er, werden den Betrieb übernehmen und als Gesellschaft des bürgerlichen Rechts (GbR) weiterführen.

Viele Firmen sind davon betroffen

Solche Schritte werden in nächster Zeit wohl bei vielen der regionalen Unternehmen folgen, insbesondere im Handwerk. 220 Mitgliedsbetriebe zählt die Kreishandwerkerschaft Müritz-Demmin in ihren Innungen, rund 1800 Handwerks- und handwerksähnliche Betriebe gibt es laut Geschäftsführerin Marlies Händschke insgesamt in den beiden Altkreisen Demmin und Müritz. Mit durchschnittlich je vier Beschäftigten zählen sie zum Rückgrat der Wirtschaft zwischen Peene und brandenburgischer Grenze.

Die Inhaber indessen sind mittlerweile häufig in die Jahre gekommen. Denn viele der Unternehmen gehen auf die Gründungswelle nach der Wende zurück. „Damals waren sie, wie man so sagt, in den besten Jahren. Jetzt sind sie 25 Jahre älter geworden“, sagt Marlies Händschke. Viele der Unternehmer haben das Rentenalter erreicht. Die Wirtschaft in der Region steht vor einem Generationswechsel und bei weitem nicht immer kann in den Familienbetrieben der Nachfolger aus der Familie selbst rekrutiert werden. Oft genug gehen die Kinder eigene berufliche und private Wege, wie es auch Wolfgang Horn erlebt hat.

Die Töchter wollten nicht

Seine beiden Töchter leben heute im Schwarzwald. Eine von ihnen, die eigentlich den Betrieb übernehmen sollte, lernte beim Studium in Stuttgart ihren Mann kennen und blieb. In manchen anderen Betrieben erlebten die Kinder die Höhen und Tiefen, die Schwierigkeiten und ständigen Risiken der Selbstständigkeit hautnah mit und ließen sich davon abschrecken. „Eine Weile lag das Image des Handwerks weit unten und die Jugend wollte sich das nicht antun“, weiß Marlies Händschke. Jetzt sei zwar das Ansehen wieder gestiegen, aber oft genug kam das für die Übernahme zu spät.

So bleiben letztlich nur zwei Möglichkeiten. Die eine: „Man schließt und meldet den Betrieb ab.“ Das macht nach Marlies Händschkes Kenntnis aber nur eine Minderheit. „Die meisten Handwerker haben noch eine besondere Berufsehre und machen es bis zum bitteren Ende.“ Dann aber können plötzlich Probleme auftreten. „Man will jetzt an erfahrene Mitarbeiter übergeben“, sagt Marlies Händschke. Doch dafür sollte auch ausreichend Zeit bleiben. Denn zuvor ist Vieles zu regeln. „Das ist immer mit Verwaltungsrecht, Erbrecht, Firmenrecht verknüpft. Jedes einzelne Rechtsgebiet blättert eine eigene Variante auf. Wenn man sich für eine Variante beim Arbeitsrecht entscheidet, muss auch das Vertretungsrecht passen. Dazu kommt die steuerliche Seite. Das sind Dinge, die man nicht in vierzehn Tagen oder vier Wochen abarbeiten kann.“

Deshalb sei ausreichend Zeit notwendig, so wie sie sich Wolfgang Horn genommen hat. Er blickt beruhigt in die Zukunft und seine Nachfolger sind gleichfalls zuversichtlich. „Das“, ist Mike Friedrichs sicher, „schaffen wir schon.“

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