Diebstahl-Prognosen im Test:

Programm durchschaut Einbrecher

Nicht nur das Wetter, auch Kriminalität kann vorhergesagt werden. Die Algorithmen dafür kommen aus dem Ruhrgebiet und könnten in Zukunft noch mehr Dieben das Handwerk legen.

So sieht es aus wenn die Polizei in Nordrhein-Westfalen Dieben noch vor dem Einbruch mithilfe der Prognosesoftware „Precobs“ auf der Spur ist.
Bernd Thissen So sieht es aus wenn die Polizei in Nordrhein-Westfalen Dieben noch vor dem Einbruch mithilfe der Prognosesoftware „Precobs“ auf der Spur ist.

Der schwarze Kreis auf dem digitalen Stadtplan ist ein Alarm. In diesem Gebiet mit einem Radius von 500 Metern wird in den nächsten zwei bis sieben Tagen ein Einbruch geschehen – mit einer Wahrscheinlichkeit von 85 Prozent. Die zuständige Polizei-Dienststelle wird informiert. Das ist keine Hollywood-Science-Fiction, sondern in Zürich schon Polizei-Alltag. Die alarmierende Prognose hat „Precobs“ („Pre Crime Observation System“) errechnet, ein Computerprogramm aus dem Ruhrgebiet.

„In zehn Jahren wird das Standard sein“, prophezeit der Sozialwissenschaftler Thomas Schweer. Der Wissenschaftler trägt ein kariertes Hemd und Turnschuhe. Er gilt als Erfinder von „Precobs“ und ist ein gefragter Mann – Polizei-Verantwortliche aus ganz Europa klopfen bei ihm an.

Einbrüche gehen zurück

Wenn eine Handvoll Polizisten in Zürich das System mit den neuesten Verbrechensdaten gefüttert haben, spuckt es mit den Algorithmen aus Oberhausen jeden Morgen seine Prognosen aus. In ihnen spiegelt sich das Verhalten von Profi-Einbrechern wider: „Menschen hinterlassen Muster“, sagt Schweer. Um 14 Prozent sind die Einbrüche seither in Zürich zurückgegangen – in den Gebieten, die „Precobs“ beobachtet, sind es sogar 30 Prozent.

„Bei einem Alarm gibt es zwei Möglichkeiten: Abschrecken durch sichtbare Präsenz oder auf die Lauer legen durch unauffällige Fahndungstrupps“, sagt Schweer. Je besser die Prognose, desto eher lohnt sich der deutlich höhere Aufwand von Fahndungstrupps: Vor Kurzem seien dabei drei Täter auf frischer Tat ertappt worden. Oft enden damit Tatserien von 100 Einbrüchen und mehr.

Software ist Langfingern auf den Fersen

Tatzeit, Tatort, Beute und Art der Tatbegehung, mehr braucht „Precobs“ nicht zu wissen, um Einbruchsserien zu erkennen. Die Software ist Profi-Einbrechern auf den Fersen, Beschaffungskriminalität und Gelegenheitseinbrüche fallen buchstäblich durch das Raster. „Wenn Sie Opfer eines Einbruchs werden, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Ihnen das nochmal passiert, um das Fünffache“, sagt Schweer: „Der Täter lässt Ihnen nur etwas Zeit, um wieder aufzurüsten – die gestohlene Uhr, den Ring, das Smartphone.“

Jahrelang war der Sozialforscher mit der Polizei in Duisburg unterwegs, auch nachts auf Streife, hat den Polizisten für wissenschaftliche Studien über die Schultern schauen dürfen. Er hat dabei beobachtet, wie die Kriminalbeamten sich täglich durch einen Wust von Berichten quälen auf der Suche nach Ansätzen, der Kriminalität Herr zu werden. „Ich bin der Duisburger Polizei dafür bis heute dankbar“, sagt Schweer.

Denn dadurch kam ihm jene Idee, für die sich die Polizei nun brennend interessiert. Schweers Institut hat inzwischen zehn Mitarbeiter und sitzt unscheinbar in einem Bürohaus in Oberhausen. Es hat keinen hippen Namen wie die Internet-Startups, sondern einen eher spröden: „Institut für musterbasierte Prognosetechnik“.

Kein Problem mit Datenschützern

Datenschützer haben sich sein Programm aufmerksam angeschaut: „Mit denen haben wir überhaupt kein Problem, weil wir keine personenbezogenen Daten verwenden und auch keine Daten sammeln, die die Polizei nicht schon ohnehin gesammelt hat“, sagt Schweer. Eine Sprecherin des Datenschutzbeauftragten von Nordrhein-Westfalen bestätigt das: Grundsätzliche Vorbehalte gebe es nicht. Die Behörde will allerdings noch prüfen, ob der Verzicht auf personenbezogene Daten auch tatsächlich eingehalten wird.

In Nordrhein-Westfalen werden noch Tausende Polizisten aufgeboten, um in aufwendigen Großaktionen Einbrecher zu suchen wie die berühmte Nadel im Heuhaufen. Doch nachdem Bayern bereits erste Fahndungserfolge mit „Precobs“ meldet, will man in diesem Jahr auch in Nordrhein-Westfalen entsprechende Programme in Duisburg und Köln testen – und wissenschaftlich überprüfen lassen, ob sie halten, was sie versprechen, sagt der Chef des nordrhein-westfälischen Landeskriminalamts, Uwe Jacob.

Vorausschauende Polizeiarbeit

„Predictive Policing“ heißt das neue Zauberwort der Kriminalisten – vorausschauende Polizeiarbeit. Schweer schaut derweil noch weiter voraus: Nicht nur für Einbrüche, auch für Kfz-Delikte oder Brandstiftungen könne es bald Vorhersagen geben.

Steven Spielberg hat das in seinem Film „Minority Report“ von 2002 schon vorausgeahnt. Dort heißen die Kriminalitäts-Orakel allerdings „Precogs“ und sind Hellseher – keine Computer. Er habe den Film gesehen, sagt Schweer und grinst. Die Namensähnlichkeit sei kein Zufall.

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