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Einmal um die halbe Welt an das Grab des Vaters

Lange 68 Jahre hat Michael Sachsse auf das Wiedersehen mit seinem Vater gewartet: Nun steht vor einer bronzenden Plakette in der Gedenkstätte Fünfeichen. ...

Auf einer Bronze-Plakette sind die Namen der Toten zu lesen: Werner Sachsse ist auch darunter.

Lange 68 Jahre hat Michael Sachsse auf das Wiedersehen mit seinem Vater gewartet: Nun steht vor einer bronzenden Plakette in der Gedenkstätte Fünfeichen. Auf der Platte sind zahlreiche Namen alphabetisch aufgelistet. Darunter auch der seines Vaters. Behutsam legt der 71-Jährige eine rote Rose nieder, seine Ehefrau Rosalyn tut es ihm gleich. Michael Sachsse hält seine schluchzende Frau fest im Arm, sein Blick ist fest auf die Platte gerichtet.

Werner Sachsse: einer von 5000

Auf dem Südfriedhof, der sich dahinter erstreckt, liegt Werner Sachsse – in einem Massengrab. „5000 starben in Fünfeichen“, sagt Gedenkstätten-Leiterin Rita Lüdtke, insgesamt 15000 Kriegsgefangene unterschiedlicher Nationalitäten waren dort untergebracht. Doch wo genau auf dieser grün leuchtenden Wiese Vater Werner Sachsse liegt, weiß keiner mehr. Seinen Sohn stört das nicht. „Ich bin erleichtert, dass ich nun weiß, wo er ist.“

Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg durch die dichten Baumkronen, Vogelzwitschern ist von allen Seiten zu hören. „Wenn mein Vater irgendwo sein sollte, dann hier. Ich kann mir keine schönere Stelle vorstellen“, sagt Sachsse.

Mitgliedschaft in der NSDAP wird zum Verhängnis

Jahrzehntelang vermutete die Familie, der Vater sei in Bautzen umgekommen. Erst seit Kurzem ist bekannt, dass Fünfeichen der Schicksalsort ist. Darauf stößt Michael
Sachsses Cousin Folker Thiele, ein leidenschaftlicher Familienhistoriker, der die rätselhaften Todesumstände aufdeckt: Einst besaß Werner Sachsse ein großes Rittergut, außerdem übernahm er eine Familienfabrik. Als NSDAP-Angehöriger erhoffte er sich Vorteile für den Betrieb. Doch als besonders aktives Mitglied galt er nicht. „Aber genau diese Mitgliedschaft sollte ihm zum Verhängnis werden“, betont Familienforscher Folker Thiele. Nach Kriegsende nahmen die Sow-jets, so Thiele, den jungen Vater von drei Kindern vor den Stufen seines Hauses fest. Zuerst gelangte er in ein Lager in Bautzen, dann in ein weiteres Speziallager in Ketschendorf unweit von Berlin. Die Spur verliert sich. Doch Folker Thiele bleibt an seiner Recherche dran, stößt auf den Namen Fünfeichen.

Nach und nach kommt Licht ins Dunkel

Er fragt bei Leiterin Rita Lüdtke nach, die sämtliche Namenslisten in ihrem Archiv hat. Der Name Werner Sachsse taucht auf, allerdings in der Liste mit nur einem „s“. Ein Fehler in der russischen Schreibweise, erklärt Lüdtke. Mehr Details über den Vater gelangen ans Licht: Aus Ketschendorf kommen viele Kriegsgefangene nach Fünfeichen, Werner Sachsse wurde im Januar 1947 dorthin gebracht. Stark geschwächt – bis dahin gab es nur wenig Brot und Wassersuppe zu essen – lebte er nur noch wenige Monate. Im Sommer 1947 starb er an Herzversagen. Doch die Familie ahnte davon zu diesem Zeitpunkt noch nichts, die Hoffnung blieb. „Wir haben jeden Tag gebetet: Lieber Gott, bring uns unseren Vater zurück“, erinnert sich Michael. Erst 1950 ereilte die Familie die traurige Nachricht. Zwei Jahre später wanderte die junge Witwe mit ihren drei Kindern nach Australien aus.

An seinen Vater erinnert sich Michael Sachsse kaum, er kennt ihn nur von Fotos und aus Erzählungen. „Ich sehe ihm sehr ähnlich“, sagt der gebürtige Deutsche. Einen Stein packt Michael Sachsse in seine Hosentasche – als Erinnerung an die Ruhestätte seines Vaters.