Linksfraktion. Gregor Gysi und Genossen laden nach Bad Doberan zu öffentlichen Anhörungen. Jeden Tag, so heißt es, wäre die „Bude“ voll gewesen.
Von Thomas Beigang
Bad Doberan. Der Landesvorsitzende der Linkspartei in Mecklenburg-Vorpommern, Peter Ritter, steht inmitten Bad Doberans vor einem großen Zelt und reibt sich die Hände. Seit Sonntagabend lädt die Linkspartei hierher nur wenige Kilometer von dem G8-Tagungsort Heiligendamm entfernt zu öffentlichen Anhörungen ein. „Und jeden Tag ist die Bude voll“, freut sich Ritter. Und als gestern Vormittag Heike Hänsel, Mitglied der Bundestagsfraktion von Die Linke, auch Schüler einer zehnten Klasse des hiesigen Gymnasiums im Zelt begrüßt, die kurzerhand ihren Sozialkundeunterricht verlegt haben, brandet freundlicher Beifall auf. Nachwuchsgewinnung eben.
Und das Thema der gestrigen Anhörung sollte nach dem Willen der Veranstalter auch ein dringendes Thema für Gegenwart und nahe Zukunft sein: Kriege um Ressourcen und das Ende des fossilen Zeitalters. Eingeladen waren kundige Gesprächspartner. So unter anderem Thomas Seifert, Journalist aus Wien und Autor des Buches „Schwarzbuch Öl. Eine Geschichte von Gier, Krieg, Macht und Geld“. Seifert bereiste mehrfach den Irak und berichtete während des Irak-Krieges aus Bagdad. Ein anderer vorn auf dem Podium Andreas Zumach, der über „Die kommenden Kriege“ geschrieben hat. Und Gregor Gysi, Fraktionsvorsitzender Die Linke im Bundestag.
Seifert startete mit dem Thema, mit dem er sich am besten auskennt: dem Irak-Krieg. Diese Auseinandersetzung, so der Autor, ist jedoch nur eines der zahlreichen Beispiele dafür, welches demonstriert, wie die Interessen der Industrieländer nach Ressourcensicherung mit militärischen Mitteln durchgesetzt werden. Aber: In den nächsten Jahrzehnten werde es aufgrund des steigenden weltweiten Bedarfs an fossilen Brennstoffen bei gleichzeitig schwindenden Ressourcen zu einer immer härteren Konkurrenz um die verbleibenden Rohstoffquellen kommen, prophezeit er. Für den Frieden in vielen Regionen, so die Einschätzung der Linken, werde diese Entwicklung eine wachsende Bedrohung darstellen sowohl innerhalb einzelner Staaten als auch international.
Themen wie dieses, so die Bundestagsabgeordnete Hänsel, vermisse sie aber während des Treffens der „Mächtigen“ in Heiligendamm. Dabei gebe es durchaus Alternativen. Buchautor Zumach zählt auf: Man verfüge heute schon über notwendige und verfügbare Technologien, die Effizienz der Energienutzung zu erhöhen und den Pro-Kopf-Verbrauch an Rohstoffen zu senken und man könne auch jetzt schon viel mehr tun, fossile Energieträger wie Öl oder Kohle durch Alternativen zu ersetzen. Stichworte: Sonne und Wind. Dafür jedoch, so Zumach, müsste der politische Wille nicht nur vorhanden, sondern durchgesetzt werden.
Das Argument, rohstoffreichen Entwicklungsländern durch den Import von Öl zu helfen, weisen die Veranstalter von sich. Das Beispiel Nigerias spreche eine beredte Sprache: Im vergangenen Jahr hätte das afrikanische Land durch den Export von Öl 18 Milliarden Dollar Gewinn gemacht. Und dennoch müssten hier über 50 Prozent der Menschen Hunger leiden, hieß es.
So richtig vom Leder zog Gregor Gysi. Nach seiner Ansicht führen die „Mächtigen“ lieber Kriege um Erdöl statt in alternative Energien zu investieren. Während der Veranstaltung in Bad Doberan forderte Gysi deshalb gestern zum Protest gegen das Gipfeltreffen in Heiligendamm auf.
„Ich finde es richtig, dass es diese Protestbewegung gegen G8 gibt“, sagte er. Schließlich werde sich der Streit um die verbleibenden fossilen Energien noch verschärfen. „Es ist schwierig, den Chinesen zu erklären, dass sie nicht alle Auto fahren dürfen, weil wir gerne alle ein Auto behalten wollen“, sagte der Politiker der Linkspartei. Man müsse aufpassen, sich nicht mit der Existenz von Gewalt abzufinden. „Es ist eine Zeit, die einen depressiv und traurig machen kann“, sagte Gysi. „Der tägliche Krieg macht einen gleichgültig.“
Deshalb sei es wichtig, wenn Demonstranten den G8-Gipfel nutzten, um ihren Unmut über die Politik der führenden sieben Industrienationen und Russlands (G8) deutlich zu machen. Die Frage der Energieversorgung spiele dabei eine zentrale Rolle. „Die Antwort darf nicht Atomenergie sein, sondern es geht um Wasser, um Wind und um Sonne“, forderte Gysi. Seit Sonntagabend diskutierten die Mitglieder der Linken-Bundestagsfraktionen, unter ihnen am Eröffnungstag auch Oskar Lafontaine, um „Ursachen und Folgen kapitalistischer Globalisierung“, um „Alternativen zur herrschenden Weltwirtschaftspolitik“ sowie um „Globale soziale Rechte“.
Die Jugendlichen der zu Beginn so freundlich begrüßten Schulklasse aus dem Bad Doberaner Gymnasium gehören zu den letzten, die das große Zelt im Zentrum der Kreisstadt verlassen. Nachdenklich sehen die meisten aus. Beim Rausgehen greifen viele nach Info-Material. Und nach roten „Pfeffis“. Denn die, so steht es drauf, erfrischen und begeistern.