Geheimniskrämerei gibt es hier nicht
Im unabhängigen Medienzentrum in Rostock
sind die internationalen Radiojournalisten
schon fleißig: Maka aus den USA (links)
lässt sich von Koordinator Falk Schlegel
die Technik erklären. Daneben arbeiten
Mauricio de los Santos aus Uruguay und
Alejandro Linares aus Argentinien (rechts).
Foto: Tumm
Medienzentrum. Während in Kühlungsborn die Arbeits-
plätze für Journalisten abge-
schottet sind, ist in Rostock eine für alle offene Alterna-
tive eingerichtet.

Von Mario Tumm

Rostock. Die alte Plattenbauschule in der Rostocker Friedrichstraße 23 hat ihre besten Jahre schon hinter sich. Farbe platzt ab, durch die Fensterrahmen pfeift der Wind, die Wände sind bunt bemalt. Doch in den nächsten Tagen kommt das Gemäuer noch einmal groß heraus.

Dort hat der Bundesverband Freier Radios gemeinsam mit dem Institut für neue Medien ein unabhängiges Medienzentrum zum G8-Gipfel eingerichtet – und das Beste daran: dieses steht im Gegensatz zum offiziellen Medienzentrum der Bundesregierung in Kühlungsborn allen Interessierten offen. Und davon gibt es eine ganze Menge. „Wir erwarten 400 bis 500 Berichterstatter“, blickt Falk Schlegel als Koordinator voraus. Sie werden nicht nur vom Alternativgipfel in der Hansestadt, sondern auch vom offiziellen Treffen berichten.

Noch ist aber einiges vorzubereiten. Pausenlos schleppen meist junge Leute Computertechnik heran, ziehen Kabel, stellen Schreibtische auf. Schilder werden gemalt. Spanische und englische Wortfetzen vermischen sich mit deutschen Anweisungen. Die ersten Berichte gehen aus Rostock über das Internet auf die Reise zu freien Radiostationen in Argentinien, Uruguay, Mexico und die USA. Neben deutschen Jugendlichen haben sich weitere Interessenten aus Afrika, Indien und Japan angemeldet.

In Kühlungsborn dagegen sieht es eher nach einem Wettstreit im Verschanzen aus. Polizisten haben den Ort fest im Griff. Das erste Fernsehprogramm verstaut Container voller Technik hinter blauen Zäunen und hat sich ein eigenes Medienzentrum eingerichtet – natürlich abgeschottet. Das offizielle Medienzentrum ist dagegen noch nicht fertig, aber auch schon aufwändig umzäunt. Derzeit läuft die Ausgabe der Sonderausweise. Nicht jeder ist erwünscht, wie die Berliner Tageszeitung „taz“ spüren musste. Ihr langjähriger Redakteur Felix Lee wurde nach Aussagen des stellvertretenden Chefredakteurs nicht akkreditiert. Es gebe Einwände des Verfassungsschutzes, hieß es.

Dass die freie Berichterstattung behindert werden soll, wies das Bundespresseamt allerdings zurück. Es verteidigte die Kontrollen. Von 4700 Anträgen seien lediglich 20 abgelehnt worden, sagte ein Regierungssprecher. Für Falk Schlegel ist allein schon die Ortswahl für das offizielle Medienzentrum ein Ansatz von Zensur. Es sei schade, dass die ersten Ideen mit dem Rostocker IGA-Park nicht gereift sind, sagt er. Dann wären die Journalisten auch beim Protest direkt dabei.

Wer nun in Kühlungsborn sitze, komme zwangsläufig eher mit offiziellen Nachrichten in Berührung, als mit dem Protestgeschehen in Rostock – auf der anderen Seite der Hochsicherheitszone Heiligendamm. Das unabhängige Medienzentrum verstehe sich deshalb auch als Gegengewicht. Täglich um 21 Uhr wird es im Internet eine Nachrichtensendung geben. Jeder könne zudem Berichte und Fotos hochladen oder in der Friedrichstraße den Medienmachern direkt über die Schulter schauen.

www.radioforum.fm
www.g8-tv.org
www.indymedia.org

(Nordkurier, 01.06.2007)

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