Dampfross wird Journalisten-Shuttle
G8-Gipfel Die Vertreter von Presse, Funk und Fernsehen sollen mit der historischen Schmalspurbahn zum Tagungsort nach Heiligendamm gebracht werden.

Von Andreas Frost

Heiligendamm. Rauchend und schnaubend zieht die 75 Jahre alte Dampflok die rot-beigen Wagen aus dem Bahnhof in Kühlungsborn und zuckelt oberhalb der Steilküste an den gelb blühenden Rapsfeldern vorbei Richtung Heiligendamm. Während die 900-Millimeter-Schmalspurbahn für gewöhnlich von dort weiter nach Bad Doberan fährt, wird Heiligendamm in der ersten Juni-Woche zur Endstation für den "Molli". Die Touristenattraktion mutiert zum Journalisten-Shuttle auf dem Weg ins Innere des G8-Gipfels in Deutschlands ältestem Seebad. Einen anderen Weg wird es für Medienvertreter in die Hochsicherheitszone nicht geben.

Aus Holz, Stahl und Segeltuch wächst in Kühlungsborn bereits das zweigeschossige provisorische Medienzentrum für bis zu 3000 Medien-Mitarbeiter. Wenige Meter weiter wird am Gleis des "Molli" ein provisorischer Bahnhof errichtet, damit die sowieso beschränkte Zahl an Berichterstattern nicht zur regulären Station laufen muss.

Nur wer einen Sicherheits-Check durchlaufen hat, darf über die Plattform in die Wagen zweiter oder dritter Klasse mit ihren polierten Lattenholzbänken, möglicherweise aber auch in den Salonwagen einsteigen.

In Heiligendamm verlegt die Bäderbahn-Gesellschaft ein rund 200 Meter langes neues Gleis und errichtet einen neuen Bahnsteig, um die Wege zu den Pressekonferenzen im ebenfalls provisorischen "Briefing-Center" für die Pressekonferenzen der Staats- und Regierungschefs zu verkürzen und besser überwachen zu können. Weichen und Signale wurden nach historischem Vorbild gebaut, schließlich steht die 121 Jahre alte Bahnlinie unter Denkmalschutz. Da im G8-Gipfel-Ort die Bürgersteige verbreitert wurden, musste auch die einzige Schranke im Ort durch eine größere ersetzt werden. Hindernisse bei den Bauarbeiten wurden ungewöhnlich unbürokratisch beseitigt, heißt es in Heiligendamm.

Frei bewegen können sich Journalisten während der G8-Tage in Heiligendamm oder gar im Tagungshotel nicht. Nur unter Aufsicht von Sicherheitskräften werden sie an die Promenade gelangen, wo eine Tribüne für die Foto- und Fernsehjournalisten entsteht. Auf ihrem Standplatz wurde im Januar eine der sieben zum historischen Ensemble gehörenden weißen Strandvillen abgerissen, die bis dahin als denkmalgeschützt eingestuft, aber angeblich nicht mehr zu retten war. Der Blick von der Kamera-Tribüne auf die Kulisse des weißen klassizistischen Hotel-Komplexes, vor der unter anderem das obligatorische Gruppenfoto entstehen soll, ist nun umso freier.

Um trotz der Einschränkungen eine umfangreiche Berichterstattung aus Heiligendamm zu ermöglichen, werden die ARD und das ZDF zusammen mit n-tv, N24 und der Deutschen Welle einen sogenannten Pool bilden, aus dessen Tönen und Bildern sich sämtliche anderen weltweiten Medien bedienen können. 54 Live-Kameras werden in Heiligendamm installiert, rund

30 Kilometer Kabel verlegt, zahlreiche Übertragungswagen und Schnittmobile in Heiligendamm und Kühlungsborn stationiert. Die Ankunft der Staatsoberhäupter in Rostock-Laage wird von neun weiteren Kameras eingefangen. 810 ARD-Mitarbeiter werden im Gipfel-Einsatz sein, so ein NDR-Sprecher. Auch die ARD-Auslandskorrespondenten aus Moskau und Washington reisen als Experten für internationale Politik an die Ostsee. In Kühlungsborn wird unterdessen ein Hotel mit einem kleinen Hörfunkstudio ausgerüstet, um auch im Notfall weiterarbeiten zu können.

Während die Journalisten in der historischen Dampfeisenbahn von den Pressekonferenzen in Heiligendamm zurück nach Kühlungsborn zuckeln, sind die Bilder und Töne längst im Pressezentrum in Kühlungsborn. Sieben Kilometer Glasfaserleitung wurden dafür angeblich verlegt. Die 20 Minuten Bahnfahrt reicht jedoch nicht, um eine Ausbildung zum Ehrenlokführer zu machen. Die dauert auf der "Orenstein & Koppel"-Lok eine Woche und kostet 800 Euro. Die Bäderbahn hofft, dass der eine oder andere Berichterstatter dafür als Tourist zurück an die Ostsee kommt.

(Nordkurier, 2. Mai 2007)

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