"Haben demokratischen Widerstand zu bieten"
Monty Schädel
Foto: Frost
Demonstration. Monty Schädel, regionaler Koordinator für die Proteste gegen den G8-Gipfel, will zeigen, dass die Region mehr vorzuweisen hat, als Natur und Neo-Nazis.

Von Andreas Frost

Rostock. Monty Schädel hat sich die "100.000" vor knapp einem Jahr ausgedacht. Als er eines Nachts Ende Mai 2006 den Antrag ausfüllte, um eine Großdemonstration gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm bei der Stadt Rostock anzumelden, musste er die Zahl der zu erwartenden Teilnehmer eintragen. In der Abwägung zwischen Hoffnung und Realität kam jene sechsstellige Zahl heraus, die Schädel nun Kopfzerbrechen bereitet.

Der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Friedensgesellschaft (DFG) ist regionaler Koordinator für die Proteste, Demonstrationen und Veranstaltungen, die Anfang Juni parallel zum G8-Gipfel in der Region stattfinden sollen. "Wir wollen ein angenehmes Klima für den Protest schaffen und zeigen, dass Mecklenburg-Vorpommern mehr zu bieten hat als schöne Landschaften und Rechtsradikale, sondern auch demokratischen Widerstand", sagt Schädel, der von 1998 bis 2002 für die PDS im Landtag saß. Drei organisatorische Schwierigkeiten hat er 45 Tage vor dem Tag X allerdings noch nicht gelöst.

Den Globalisierungskritikern fehlen immer noch "Camps", in denen sie ihre Zelte aufschlagen können. Schädel glaubt, dass bis zu 25 000 Demons-
tranten bis zu einer Woche in der Region bleiben werden. Bislang sind nur zwei Areale mit 10 000 Plätzen im Fischereihafen Rostocks und in einem fast leeren Gewerbegebiet in Reddelich so gut wie fest gebucht. Ein drittes Gelände, das von einem DGB-nahen Veranstalter in Bützow angeboten wird, liegt laut Schädel "viel zu weit weg vom Geschehen". Er wirft der Polizei und den kommunalen Verwaltungen vor, Camps in der Nähe Heiligendamms verhindern zu wollen. Zwar werde ihm von vielen Seiten Unterstützung zugesichert, dann aber die Verantwortung jeweils abgeschoben.

Auch dem "Alternativ-Gipfel", auf dem die Globalisierungskritiker in 100 Workshops ihre Vorstellungen einer Weltordnung diskutieren wollen, stößt in Rostock auf Vorbehalte. "Die Universität verweigert uns wegen angeblicher Sicherheitsbedenken Säle. Zum Glück helfen die Kirchen mit Gemeinderäumen", sagt Schädel. Universitätssprecher Wolfgang Peters räumte "Sicherheitsbedenken" ein, bestreitet aber, dass die Zusammenarbeit mit den Gipfelgegnern endgültig sei.

Wenn Schädels nächtliche Eingebung der 100.000 wahr werden sollte, "dann kommen am 2. Juni bis zu 1000 Reisebusse nach Rostock". Das sei für die Hansestadt durchaus ein logistisches Problem. Wo sie die Demonstranten ausladen, wo sie parken und wo sie ihre Fahrgäste nach der Demonstration wieder einsammeln, sei noch nicht gelöst.

Schädels Rostocker Mitstreiter kommen aus Gewerkschaften, Kirchen, Jugendverbänden der Parteien und Gruppen des linken Spektrums. Sie beschränken sich aufs Organisieren. Über inhaltliche Facetten des Anti-G8-Protestes zu diskutieren, so Schädel, hätte die Gruppe wahrscheinlich längst gesprengt. Aber anders als in manchen Großstädten könne man sich die Bündnispartner jedoch mangels Personal nicht aussuchen. Aber von Auswärtigen wollten sich die Rostocker auch nicht das Heft aus der Hand nehmen lassen.

In Reddelich sieht Bürgermeister Erhard Rünger den G8-Gegnern mit gemischten Gefühlen entgegen. "Hauptsächlich gelassen und mit zehn Prozent Bammel", umschreibt er die Stimmungslage im Dorf. Er habe von der Genehmigung des Camps im Gewerbegebiet nur durch Zufall erfahren, berichtet Rünger. Nun hofft er, "dass das gesittet über die Bühne geht" und das Dorf von Randalen verschont bleibt. "Aber die kommen ja auch nicht, um gegen Reddelich zu protestieren." Und vielleicht fällt einem der Gäste nebenbei auf, dass im Gewerbegebiet günstige Flächen leer stehen.

Am Wochenende übten unterdessen 200 Demonstranten Blockaden am
13 Kilometer langen Zaun, den die Polizei um Heiligendamm hat errichten lassen. Noch lächelten die Beamten über die als riesige Bolzenschneider kostümierten Aktivisten. Ab Ende Mai kommt nach Heiligendamm nur noch, wer erfasst ist und einen Passierschein hat. In der Region werden
16.000 Polizisten stationiert sein.

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