G8-Gegner leben in eigener Wohnwelt
Das Camp in Reddelich war ges-
tern trotz der Blockadeaktionen
vor Heiligendamm alles andere als
menschenleer. Fotos: Zarnekow
Camp. Im Zeltlager in Reddelich haben sich einzelne „Dörfer“ gebildet. Es herrscht ein hoher Grad an Organi-
siertheit.

Von Hartmut Zarnekow

Reddelich. „Das war schon eine anstrengende Nacht“, sagt Silke Kargl vom Anti-G8-Bündnis Köln im Camp Reddelich, knapp vier Kilometer vom Gipfelort Heiligendamm entfernt. Ein Hubschrauber habe in der Nacht zum Donnerstag 20 Minuten lang das mit 5000 Menschen voll belegte Camp überflogen, Polizei sei im ganzen Ort und auf den Zufahrtsstraßen nach Reddelich aufgezogen. „Wir waren sehr aufgeregt und dachten, die Polizei will das Camp stürmen“, sagt die Lehrerstudentin. Inzwischen sei die Stimmung aber eher wieder so, dass sich die G8-Gegner ihrer Stärke bewusst sind.

„Wir haben die Möglichkeit, diesen G8-Gipfel zu blockieren. Wir sind genügend Leute. Wir haben genug Erfahrung. Wir wissen, wie Blockaden funktionieren“, erklärt die Kölnerin. Gerade in jenem Moment, in dem gestern am frühen Nachmittag publik wird, dass es G8-Gegnern gelungen ist, die Zufahrtsstraßen nach Heiligendamm zu blockieren. Im Camp Reddelich herrscht zu diesem Zeitpunkt dennoch erstaunlich reges Treiben – und vor allem ebenfalls ein hohes Maß an Organisiertheit. An den Zugängen wird mit Argusaugen darauf geachtet, dass kein Journalist unbemerkt das Camp betritt.

Jeder, der auch nur annähernd nach Presse aussieht, bekommt sofort einen Begleiter an die Seite gestellt. „Das hier ist unser Wohnzimmer“, erklärt Jo Smith aus Birmingham zur Begründung. Zudem habe es im Vorfeld für die Presse den Tag des offenen Zeltes gegeben. Man habe sich nun darauf geeinigt, Fotografieren im Camp nur noch in Ausnahmefällen und nach Absprache zuzulassen.

Der Satz mit dem Wohnzimmer fällt fast wortgleich etwas später auch aus dem Mund eines Pressebegleiters, der sich Carlos Camper nennt, gegenüber einer Fotografin, die eine Bilderserie über den Gipfel plant. „Wir wollen keine Bilder, die uns beim Zähneputzen zeigen“, sagt Carlos Camper energisch. Außerhalb des Camps könne sie ja so viel fotografieren, wie sie möchte.

Vor dem Haupteingang erzählt Simona aus Berlin, dass ihrer Meinung nach schon kleine Schritte die Welt ein wenig besser machen könnten. „Beispielsweise müssen hier im Land produzierte Waren nicht um die ganze Welt gefahren werden“, sagt die 33 Jahre alte freischaffende Künstlerin aus Berlin. Sie sei nicht wegen der Demonstrationen hier, sondern erhoffe sich vom alternativen Gipfel in Rostock Antworten auf die Probleme der Welt. „Hoffentlich komme ich von Reddelich aus da hin“, hofft Simona.

Camp-Bewohnerin
Silke Kargl vor einem
Plakat in Reddelich
Silke Kargl erklärt wenig später, dass sich im Camp einzelne „Dörfer“ zusammengefunden haben. „Da klappt das Zusammenleben, weil man eine politische Kultur entwickelt hat, wie man sich abstimmt und zu einer Konsensentscheidung kommt – eben wie was laufen kann, das alle mittragen“, sagt Kargl. Schließlich würden hier Leute zusammenarbeiten, die durchaus unterschiedliche politische Ansichten haben. Die einen wollten beispielsweise den Kapitalismus völlig abschaffen, die anderen ihn nur reformieren. „Wie wir hier miteinander kommunizieren, das sehe ich schon als kleines Wunder an“, meint die Kölnerin.

Zu den Kulturtechniken im Camp zählt offenbar ebenfalls das Reimen: „Revolution am Ostseestrand. Wir grillen für den Widerstand“, steht an einem aus Holzbalken zusammengezimmerten Grillstand, an dem die Bratwurst für einen Euro zu haben ist.

(Nordkurier, 07.06.2007)

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