Den Clowns gegen Armut und Hunger vergeht Lachen
Eine als Clown kostümierte Demonstrantin
steht in Rostock vor zwei Wasserwerfern
der Polizei. Foto: ddp
Demonstration. Ob 25 000 oder 80 000 Teilnehmer: Auf alle Fälle waren die Protest-
züge ein machtvolles Be-
kenntnis gegen die G8-Politik. Bis zum bitteren Ende.

Von Thomas Beigang

Rostock. Die Kirche St. Marien in der Hansestadt. Tausende Menschen, viele mit großen roten Luftballons, treten wieder ins Freie. Gleich soll es so weit sein. Der Demonstrationszug aus vielen Zehntausend Menschen soll in der Langen Straße in Rostock an der Kirche vorbeiziehen – die Teilnehmer der Ökumenischen Andacht wollen sich einreihen. „Hoffentlich haben sie für uns noch Platz gelassen“, ruft jemand lachend. Die Zeit, bis die Protestkarawane St. Marien erreicht, vertreiben sich viele singend.

Zuvor hatten sich viele Rostocker und ihre Gäste unter dem Dach des Gotteshauses versammelt, um für eine bessere Welt zu beten. Gäste aus Afrika beschrieben das Leben in ihrer Heimat und forderten Chancengleichheit. Vor- aussetzung dafür sei, betonten viele Redner, dass den Entwicklungsländern die drückenden Schulden gestrichen werden müssten. Die meisten Verbindlichkeiten seien illegitim, da sie ohne Zustimmung der Bevölkerung zustande gekommen wären und den Menschen in den betroffenen Ländern keinen Nutzen gebracht hätten.

Jetzt ist es so weit. Die Spitze der bunten Karawane erreicht St. Marien. Die Männer, Frauen und Kinder mit den roten Luftballons reihen sich ein. Gemeinsam mit den vielen anderen marschieren die G8-Kritiker aus der Kirche herunter zum Stadthafen – dem zentralen Kundgebungsort der Demonstranten. Viel Fantasie ist im Spiel, während des einige Kilometer langen Zuges: Pappfiguren der Mächtigen, die sich ab Mittwoch in Heiligendamm versammeln, bunte Clownsriegen und Hunderte Transparente. Frauen und Männer mit Kinderwagen sind darunter, ganze Familien und Gruppen, die teilweise von weit her hier nach Rostock gekommen sind. Die Stimmung ist fröhlich.

Stunden zuvor in der Hansestadt. Die ansonsten so belebten Einkaufsstraßen in der Ostsee-Metropole gähnen vor Leere. Nur ganz wenige Geschäfte und Cafés haben geöffnet. Die anderen sind verriegelt und verrammelt. Viele Ladenbesitzer haben – aus Angst vor Randale – ihre Geschäfte mir Brettern zugenagelt. Polizisten dösen in Seitenstraßen oder sitzen beim Frühstück in ihren Mannschaftswagen. Auf dem Hauptbahnhof laufen Züge aus Richtung Neubrandenburg und Güstrow ein. Teilnehmer der Demonstration aus dem Osten Mecklenburg-Vorpommerns reihen sich auf dem Bahnhofsvorplatz in die Menge ein.

Stunden später, nachdem die während des Zuges so friedliche Demonstration auf dem Gelände des Stadthafens in einer Gewaltorgie endet, sind bereits die meisten der zehntausend Teilnehmer vom Ort des Geschehens geflüchtet. Mit Tränen in den Augen sehen viele das Ansinnen der Proteste in den Schmutz getreten. Panikartig haben zuvor Familien Absperrungen an den Kais überwunden, um sich in Sicherheit zu bringen. Hilflose Argumentationsversuche Einzelner, der Gewalt Herr zu werden, fruchten nichts. Herrenlos liegen große rote Luftballons herum.

Demonstranten gegen den G8-Gipfel werfen
am Sonnabend in Rostock Steine auf Polizis-
ten. Foto: ddp














(Nordkurier, 04.06.2007)

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