| Die gelackmeierten Fänger im Roggen |
|||||
präsenz gelingt es Tausenden Gipfelgegnern, den Tagungsort Heiligendamm von seinem Umfeld abzuschneiden. Von Thomas Beigang Admannshagen/Rethwisch. Rentner Joachim Eisner steht vor seinem Hoftor in Admannshagen (Landkreis Bad Doberan) und kommt aus dem Staunen nicht mehr raus: „Wo kommen die denn alle her?“. Gemeint sind Tausende, vor allem junge Leute, die sich gestern früh auf der Festwiese des Dörfchens, nur wenige Kilometer Luftlinie vom G8-Tagungsort Heiligendamm entfernt, treffen. Aus allen Richtungen seien sie nach Admannshagen geströmt, erzählt der alte Mann. Das Ziel der Versammelten hat er aber erfragt. „Die wollen an den Zaun und die Zufahrten nach Heiligendamm blockieren.“ Gestern wurde Wirklichkeit, was die in der Kampagne Block G8 vereinten Gipfelgegner seit Monaten vorbereitet haben: die Tagung der acht Staats- und Regierungschefs behindern. Das Ziel, die Zufahrten in den Tagungsort dicht zu machen, ist erreicht. Schon am frühen Nachmittag geht nichts mehr. Wie auf ein geheimes Zeichen setzen sich Stunden zuvor alle auf der Festwiese in Admannshagen Versammelten in Bewegung. Quer über Wiesen, Roggen- und Gerstefelder ziehen mehrere Züge in Richtung Rethwisch. Das sieht Rentner Eisner mit Kopfschütteln: „Jetzt trampeln sie das Korn nieder.“ Das werde den Pächter nicht freuen, denkt er. Aber sonst, beeilt er sich zu versichern, stimme er mit den Gipfelgegnern schon überein: Mit der Politik der sogenannten G8 könne ein vernünftiger Mensch nicht einverstanden sein. Nach mehreren Kilometern über Stock und Stein treffen sich die Demonstrationszüge wieder an der Straßengabelung in Richtung Rethwisch. Nichts geht mehr an dieser Stelle. Jetzt zeigt die Polizei massive Präsenz: Grüne Ketten an roten Mohnfeldern. Die Demonstranten werden aufgefordert, den Weg frei zu machen. Wasserwerfer sind aufgefahren. Nur wenige lassen sich stoppen. Die Marschierer teilen sich erneut auf und eilen wieselflink über die Wiesen und Felder weiter. Eine Gruppe wird nassgespritzt und hält kurz inne, die anderen sind längst verschwunden. Hilflos muss die Polizei hinterhersehen. Mit ihren Mannschaftswagen und dem schweren Gerät sind sie nicht in der Lage, die wendigen Blockierer aufzuhalten, die Meter für Meter ihren Zielen, dem Sicherheitszaun und den Zufahrten nach Heiligendamm, näher rücken. Das „Getrennt-Marschieren“-Prinzip der Kampagne funktioniert.
Weiter marschieren alle in Richtung Heiligendamm. An anderer Stelle, bei Börgerende, blockieren Tausende die Zufahrt unmittelbar an der Küste. Auch hier geht nichts mehr, der Verkehr liegt still. Der „Molli“, die Bäderbahn zwischen Bad Doberan, muss ebenfalls „Rauchpause“ machen: Ihre Schienen sind blockiert. Christoph Kleine, einer der Sprecher der Kampagne Block G8, freut sich bei der Hitze wie ein Schneekönig: „Wir konnten ohne Behinderung über die Felder gehen, die Polizei war nicht gut aufgestellt.“ Ein Debakel für die Ordnungshüter. Später gelingt es Demonstrationsteilnehmern sogar zu Hunderten, bis in die „verbotene Zone“ unmittelbar am zwölf Millionen Euro teuren Sicherheitszaun vorzudringen. Jetzt brennen auf beiden Seiten Sicherungen durch. Die Polizei setzt wieder Wasserwerfer, Tränengas und Schlagstöcke ein. Entschieden weist dagegen die Kampagne Berichte zurück, nach denen aus ihren Reihen einige Vermummte Steine geworfen hätten. „Das stimmt definitiv nicht“, bestätigen alle in den unterschiedlichen Blockaden befindlichen Presse- und Aktionssprecher von Block G8. Solange es geht, fährt ein Wagen vom Roten Kreuz aus dem Landkreis Ostvorpommern den Blockierern hinterher. Bisher habe man nicht die wirklich schlimmen Sachen behandeln müssen, sagt ein „Sani“: „Kreislaufzusammenbrüche bei einigen jungen Mädchen und so das übliche.“ Eine Frau liegt noch neben dem Sanitätsfahrzeug. Ein kühner Sprung über den Straßengraben war zu viel. Sie hat sich den Knöchel gebrochen und muss jetzt den anderen den Vortritt lassen. (Nordkurier, 07.06.2007) |
|||||
| << zurück | |||||