Friedliches Ökodorf beherbergt auch "Chaoten"
Erfahrung. Im schottischen Stirling schlugen die G8-Gegner ihre Zelte während des Gipfels in Gleneagles auf.

Von Wiebke Klumker

Stirling. Die Kleinstadt Stirling ist Kämpfe und Gewalt gewöhnt: Kein Geringerer als der schottische Freiheitskämpfer William Wallace hat hier im Jahr 1297 mit einer Armee von Highlandern bei der Schlacht auf der Stirling Bridge die Engländer geschlagen. Nach kurzer Belagerung nahm er damals das Schloss von Stirling ein.

Eine Belagerung anderer Art hat die Stadt im Süden Schottlands im Sommer 2005 erlebt: Während des G8-Gipfels vom 6. bis 8. Juli haben die Gipfelgegner am Rand der 45.000-Einwohner-Stadt ihr Camp aufgeschlagen. Das sogenannte Eco village (Ökodorf) sollte ein Beispiel für ökologisch nachhaltiges Leben sein. Mit Solarmodulen und Biodiesel-betriebenen Generatoren. „In den ersten Tagen war die Stimmung zwischen Stadtbewohnern und Campern sehr gut“, erinnert sich Iain Howie, Redakteur bei der lokalen Tageszeitung „Stirling Observer“. „Die G8-Gegner haben die Menschen aus der Umgebung ins Camp eingeladen, es gab Konzerte und Vorträge.“

Erst Mitte Juni 2005 hatte sich die Verwaltung von Stirling dafür entschieden, die G8-Gegner aufzunehmen. „Man hatte sich in der Region lange dagegen gesperrt, ein solches Camp zuzulassen, aber letztlich hatte man zu viel Angst davor, dass die Demonstranten wild campierten und so nicht kontrollierbar wären“, erinnert sich Howie. Auf einer Wiese am Fluss Forth, 30 Kilometer entfernt vom Gipfelort Gleneagles, durften sich 5000 G8-Gegner niederlassen – streng bewacht von der Polizei. „Wir haben einen Zaun um das Camp errichtet und den Eingang mit Kameras bewacht“, sagt Andrew Walker, Pressesprecher der Zentralschottischen Polizei.

Während andere Protest-Aktionen während des Gipfels 2005 friedlich verliefen, kam es in Stirling zu Ausschreitungen. Am Mittwoch, dem ersten Tag des G8-Treffens in Gleneagles, verließen über 300 Menschen gegen drei Uhr früh das Camp und schlugen in einem Einkaufszentrum die Scheiben eines Burger-King- und eines Pizza Hut-Imbisses ein. Es kam zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. Danach blockierten die Demonstranten Straßen, darunter die nahegelegene Autobahn, und randalierten weiter. Am schlimmsten traf es den Stadtteil Bannockburn.

Lauren Lafferty lebt dort und erinnert sich gut an den 6. Juli 2005. Gegen sechs Uhr morgens sei sie durch Lärm geweckt worden. „Was ich bei einem Blick aus dem Fenster sah, war beängstigend: Demonstranten und Polizisten lieferten sich eine Straßenschlacht, Autoscheiben wurden eingeschlagen“, erzählt sie. Und auch die Menschen in den anderen Ortsteilen Stirlings bekamen den Protest zu spüren. „Der Bahnhof war gesperrt, die Straßen ebenfalls, ich kam zwei Stunden zu spät zur Arbeit und war dann als Erster dort – die anderen steckten immer noch im Stau“, berichtet Iain Howie.

Am Tag nach den Ausschreitungen in Stirling verübten islamistische Terroristen in London mehrere Bombenanschläge auf U-Bahnen und Busse. Das beendete den Protest schlagartig. „Viele der G8-Gegner waren geschockt, wie alle Menschen in Großbritannien, und wollten danach einfach nur nach Hause“, erzählt Iain Howie. „Ohne die Anschläge wäre der Protest hier in Stirling wahrscheinlich noch schlimmer geworden.“

Die Organisatoren des „Eco village“ zeigten sich nach den Ausschreitungen betroffen und distanzierten sich von den Protesten. Sie hätten vorher nicht gewusst, dass einige Campbewohner gewaltbereit gewesen seien. „Wir können zwar eine funktionierende Komposttoilette bauen“, schrieben sie in einem Brief an die örtliche Verwaltung, „aber trotz aller Anstrengung wissen wir bis heute nicht, wie man es bei tausenden Menschen in einem solchen Camp schaffen kann, dass alle friedlich und verantwortungsvoll handeln.“

(Nordkurier, 19.05.2007)

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