| Volkshochschule der Globalisierung geöffnet |
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kritiker gehen in Rostock mit der Politik der G8 scharf ins Gericht. Zu den Hauptthemen zählt die Gerech- tigkeit beim Klimaschutz. Von Jörg Spreemann Rostock. Reinhard Wegener schleppt noch ein paar Klappstühle heran. Rund 40 meist junge Leute im besten studentischen Alter diskutieren im überfüllten Gewölberaum der Petrikirche, ob die Staatschefs auf dem G8-Gipfel überhaupt das Recht haben, über die Probleme der Menschheit zu sprechen. Damit alle sitzen können, verteilt Wegener die zusätzlichen Stühle. Als Mitglied des Kirchenrats der evangelisch-lutherischen Innenstadtgemeinde hat er extra Urlaub genommen, um bei der Organisation helfen zu können. Er hält es für selbstverständlich, den G8-Alternativgipfel zu unterstützen. „Leute, die diskutieren, schmeißen keine Steine“, ist sich Wegener sicher. Allein in der Petrikirche in der östlichen Rostocker Altstadt stehen dem Workshop-Marathon vier Räume offen. Die jungen Leute im Gewölberaum hängen Ana Esthercecena förmlich an den Lippen. Die Professorin aus Mexiko gilt hier als Koryphäe unter den Globalisierungskritikern. „Die G8 diskutieren Themen, die wir nicht wollen“, bezieht sie klare Position. Die Staatschefs seien auch deshalb nicht legitimiert, weil sie von den Konzernen stark beeinflusst würden. Dafür erntet die Mexikanerin keinen Widerspruch. Der Alternativgipfel bietet über 120 Workshops in der Rostocker Innenstadt an. 40 regierungsunabhängige Organisationen (NGO) haben ihre Ideen eingebracht. So reicht das Themenspektrum von „Zinsfreies Banking für alle“, „Feminismus und Widerstand“ bis „Che Guevara Revolutionär und Internationalist“. Koordiniert wird der Alternativgipfel vom Berliner Verein Weltwirtschaft, Ökologie und Entwicklung. „Es wird bei uns im Gegensatz zum G8-Gipfel keine Abschlusserklärung geben“, erklärt Jan Tilman Günther als Ansprechpartner für die Öffentlichkeit. Dazu sei die Zahl der Teilnehmer und Themen viel zu groß. „Unser Ziel ist es, beim Alternativgipfel Konzepte vorzustellen und Aktivisten wie Experten zusammenzubringen“, sagt er. Dadurch könnten die NGOs Strategien für die Zukunft schmieden und Themen für die nächsten Jahre tanken. „Wir verstehen den Alternativgipfel auch als Volkshochschule der Globalisierung“, betont Günther. Teilnehmer und Zuhörer des Alternativgipfels stehen bei der Polizei nicht im Verdacht, Gewalttaten zu planen oder Ziel von Attacken zu werden. In unregelmäßigen Abständen fahren Streifenwagen durch die idyllische Altstadt immer zwei im Konvoi. Kirchenratsmitglied Wegener glaubt nicht, dass ständige Bewachung nötig sein wird. „Da müsste es schon schlimm kommen“, denkt er. Allerdings macht ihm die Randale vom Wochenende noch zu schaffen. „Da hat unser Protest seine Naivität verloren“, sagt Wegener. Die frisch gebackene Politikwissenschaftlerin Evelyn Bahn verteilt vor der Petrikirche aus einem Bauchladen heraus Orangensaft und bittet im Gegenzug um Spenden für INKOTA. Hinter diesem Namen verbirgt sich das nach eigenen Angaben weitverzweigteste entwicklungspolitische Netzwerk im Osten Deutschlands. Evelyn Bahn ist immer noch sauer, „dass 500 Gewalttäter den Protest von 50 000 friedlichen G8-Gegnern missbraucht haben“. Aus ihrer Sicht sind die Entscheidungen des Gipfels in Heiligendamm längst getroffen. „Ich bin glücklich, dass wir über den Alternativgipfel die Öffentlichkeit erreichen und selbst motiviert werden, weiter zu machen“, freut sie sich. INKOTA prangere in Rostock die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in Asien an und stelle die eigene Kampagne „Saubere Kleider“ vor. Wenige Hundert Meter von der Petrikirche entfernt beginnt gegen Mittag mit dem Klimaforum einer der Höhepunkte des Alternativgipfels. „Zäune schützen nicht vor Treibhausgasen“, heißt es auf dem Transparent in der Nikolaikirche. Aus der Nähe von Aschaffenburg (Bayern) angereist ist mit dem Wohnmobil Heinz Klein. Der 59-Jährige gehört der lokalen Attac-Gruppe an und ist Mitglied einer heimischen Bürgerinitiative gegen ein Kohlekraftwerk. „Der Alternativgipfel ist eine wichtige Bildungsveranstaltung“, sagt Klein, aus dessen Tasche ein Wimpel mit „Gegenwind G8“ ragt. Der indischen Umweltschützerin Sunita Narain kommt beim Nachdenken über den Klimaschutz die Gerechtigkeit zu kurz. Die Industrieländer haben aus ihrer Sicht durch ihren Ressourcenverbrauch Schulden bei den armen Regionen der Welt angehäuft. Diese müssten durch Einschränkungen beim Kohlendioxid-Ausstoß beglichen werden, sagt sie unter donnerndem Applaus vor den mindestens 200 Zuhörern in der Kirche. Martin Rocholl plädiert dafür, den „Pro-Kopf-Ansatz“ beim Kohlendioxid-Ausstoß anzuwenden. Der Europa-Vorsitzende von „Friends of the Earth“ wird deutlich: „Jeder Mensch hat das gleiche Recht, die Ressourcen der Erde zu nutzen.“ Während hinter den Kirchentüren geredet und gestritten wird, nimmt das Alltagsleben in der Altstadt seinen gemächlichen Verlauf. Vom Alternativgipfel zeugen hier nur die blauen Plakate an den Veranstaltungsorten. Ein Wirt hat sich auf die geballte Anwesenheit der Globalisierungskritiker eingestellt. Als Gericht empfiehlt er „Merkelhaxe mit Bush-Kraut“. Seine Gaststätte bleibt auffällig leer. >>> Kritische Begleitung Der G8-Alternativgipfel gilt als eine der zentralen Gegenveranstaltungen zum G8-Gipfel in Heiligendamm. Neben acht Podiumsdiskussionen finden bis heute mehr als 120 Workshops statt, die die Konferenz der sieben führenden Industrienationen und Russlands kritisch begleiten sollen. Die Veranstalter sehen sich selbst als Teil des Protestes gegen den G8-Gipfel. Eine ausdrückliche Solidarisierung mit Blockadeaktionen werde nicht ausgesprochen. Ziel sei es, Debatten Raum zu geben und Gegenentwürfe zur aktuellen Politik zu diskutieren. Der Alternativgipfel wird „von einem breiten Spektrum“ getragen, darunter sind Organisationen wie Oxfam, die IG Metall, Attac, Pro Asyl, Misereor und Greenpeace. Auf dem Programm stehen unter anderem G8-Themen wie Klimawandel, Entwicklung und Finanzmärkte. Außerdem geht es um Krieg, Globalisierung und Migration. www.g8-alternative-summit.org (Nordkurier, 07.06.2007) |
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