Euro-Serie:

Teil 2: Vom kleinen Preis zur Inflationsrate

Die Einheitswährung hatte schnell ihren Ruf als Preistreiber weg. Statistiker widersprechen. Doch wie kommen die Experten zu ihren Inflationsraten und warum weichen diese vom Empfinden der Menschen ab?

Marktleiter Max Bahr

 Mittwochmorgen, 10 Uhr. Eine Frau in dunklem Mantel mit hochgeschlagenem Kragen betritt den Max-Bahr-Baumarkt in Schwerin. Unter dem Arm eine blaue Mappe. Gleich hinter der Tür stoppt sie bei den Propangasflaschen. Sie studiert das Preisschild, öffnet ihre Mappe, macht sich Notizen. Dann steuert sie schnurstracks auf die Kartons mit den Raufasertapeten zu, greift eine Rolle, dreht und wendet sie und stellt sie zurück. Wieder schreibt sie etwas auf. Einen Einkaufswagen hat diese Kundin nicht. Sie will auch nicht einkaufen. Ingrid Andes ist Preisermittlerin vom Amt, vom Statistischen Amt Mecklenburg-Vorpommern.

 

Gemeinsam mit 37 anderen Erhebungsbeauftragten zieht Ingrid Andes zu Beginn eines jeden Monats durch knapp 1000 Kaufhäuser, Verbraucher- und Supermärkte, Discounter, Fachgeschäfte, Tankstellen, Apotheken, Hotels und Gaststätten im ganzen Land, um die Preise für unterschiedlichste Waren und Dienstleistungen zu erfassen. Mit Hilfe eines Computerprogramms berechnet das Statistische Amt aus den gewonnenen Daten die aktuelle Inflationsrate für Mecklenburg-Vorpommern. Zugleich fließen die im Nordosten erfassten Preise in das Bundesergebnis ein – in den Verbraucherpreisindex, den das Statistische Bundesamt monatlich veröffentlicht.

 

Der Verbraucherpreisindex misst die durchschnittliche Preisentwicklung aller Waren und Dienstleistungen, die von privaten Haushalten gekauft werden. Im statistischen Warenkorb sind neben Nahrungsmitteln, Bekleidung und Kosmetika unter anderem auch Energie, Kraftstoffe, Eintrittskarten fürs Kino und der Friseurbesuch sowie Hotelübernachtungen und Reparaturen enthalten. „Insgesamt werden monatlich mehr als 300 000 Einzelpreise erfasst – von rund 600 Preiserhebern in allen Regionen Deutschlands sowie zentral im Internet und in Versandhauskatalogen“, erklärt Dr. Stefan Linz, Preisstatistiker beim Statistischen Bundesamt.

 

Die Güter des Warenkorbes sind in rund 700 Güterarten eingeteilt. Bei der Berechnung der Gesamt-Teuerungsrate wird nicht nur die durchschnittliche Preisentwicklung einer jeden Güterart berücksichtigt, sondern auch welchen Anteil sie an den Ausgaben der privaten Haushalte hat. Eine Steigerung der Mieten, die durchschnittlich rund 23 Prozent der Ausgaben ausmachen, fällt wesentlich stärker ins Gewicht als eine Preiserhöhung im gleichen Umfang bei Schuhen und Bekleidung, die knapp fünf Prozent ausmachen. Wie hoch der Anteil der einzelnen Güterarten ist, ist dem Wägungsschema zu entnehmen, das alle fünf Jahre überarbeitet wird. Dazu zeichnen in der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe bundesweit rund 60 000 Haushalte einige Monate lang ihre Einnahmen und Ausgaben auf und übermitteln diese Informationen an die statistischen Ämter ihres Bundeslandes.

 

Ingrid Andes ist inzwischen bei der Spachtelmasse angekommen. „Der Preis hat sich im Vergleich zum vorigen Monat nicht verändert“, stellt die 73-Jährige fest und nimmt die gelbe Packung genauer unter die Lupe. „Ich muss auch auf die enthaltene Menge und die Eigenschaften des Produktes achten“, erklärt sie. Die Preise welcher Erzeugnisse sie allmonatlich ermitteln soll, gibt ihr das Statistische Amt vor. Welches konkrete Produkt von welchem Hersteller sie aussucht, ist aber ihr selbst überlassen. Wichtig ist nur: „Es muss dann jeden Monat exakt das gleiche Produkt sein“, erklärt die Pinnowerin. „Sollte es ein Produkt irgendwann einmal nicht mehr geben, suche ich mir ein ähnliches und kennzeichne den Produktwechsel in meinen Unterlagen.“ Die Packung Spachtelpulver enthält diesmal 1000 Gramm. Nach einem Blick auf ihre Liste stellt Ingrid Andes fest: „Vor ein paar Monaten waren es nur  800 Gramm bei gleichem Preis. Es ist also billiger geworden.“

 

In Baumärkten ändern sich die Mengen aber nur selten. In Drogerie- und Lebensmittelmärkten  komme das dagegen häufiger vor. „Ich mache aber jede Mengenänderung kenntlich“, sagt die Erhebungsbeauftragte. So kann die Preisentwicklung immer bezogen auf eine Grundmenge ermittelt werden. Manchmal kommt es sogar auf einzelne Zutaten an. „Bei Cappuccino findet man zum Beispiel kaum noch Sorten mit 15 Prozent Kaffeegehalt.“

 

Rund zweieinhalb Tage braucht Ingrid Andes, um in ihren rund zehn Berichtsstellen insgesamt 450 Preise zu notieren. Nebenbei einzukaufen, kommt für sie nicht in Frage. „Aber ich habe immer einen kleinen Zettel in der Tasche, um mir interessante Angebote aufzuschreiben“, verrät die Preisermittlerin.

 

Die Bezeichnung Preisermittlerin mag die 73-Jährige nicht. Das klinge so nach Polizei. Besser finde sie Preisbefragerin, auch wenn sie im Normalfall niemanden befragt. „Das Verkaufspersonal merkt von mir eigentlich gar nichts. Nur ganz selten muss ich jemanden um Hilfe bitten, zum Beispiel wenn auf dem Preisschild für den Rasenmäher nicht steht, wie groß der Grasfangkorb ist oder welche Schnittbreite das Gerät hat.“ Im Max-Bahr-Baumarkt werde ihr da immer schnell geholfen. Und auch „ihre“ anderen Marktleiter und deren Mitarbeiter unterstützen die Preiserheberin  fast ausnahmslos bei ihrer Mission im Dienste der Statistiker. Meist verschwindet Ingrid Andes so unauffällig, wie sie gekommen ist, ohne dass ein Verkäufer Zeit für sie opfern musste.