Euro-Serie:

Teil 6: Ein Koffer voller Geld für ein bisschen Brot

Helene Pohl aus Hagenow ist 108 Jahre alt. Sie hat noch die Goldmark miterlebt. Das liebste Geld waren ihr die Silbermünzen. An den Euro kann sie sich nicht recht gewöhnen.

deutsche Währung

Viel erlebt hat die Frau mit den weißen Haaren und dem Haarnetz darüber. Viel gesehen haben ihre Augen, die hinter einer getönten Brille hervorblitzen, wenn sie von früher erzählt. Viel gehört haben ihre Ohren: die Schüsse im Ersten Weltkrieg, die Bomben im Zweiten Weltkrieg. Und den Freudentaumel der Menschen zur Zeit der Wende hat sie gesehen, gehört und gefühlt. Helene Pohl ist 108 Jahre alt. Von der Goldmark bis zum Euro – die Hagenowerin hat alle Währungen, die es in Deutschland gab, miterlebt.

Die Augen und Ohren wollen bei Helene Pohl nicht mehr ganz so. Hier und da zwickt und kneift es auch. Auch schwere Krankheiten hat die Hagenowerin überstanden. „Doch der da oben will dich noch nicht. Und wir wollen noch ein paar Jahre mit dir verbringen“, sagt Marion Hartwich, die jüngste Tochter und derzeitige Betreuerin der 108-Jährigen.

Mit den Jahren verblassen die Erinnerungen. Doch an all die Währungsreformen in Deutschland kann sich Helene Pohl noch erinnern. Ab und zu bringt die ehemalige Verkaufsstellenleiterin etwas durcheinander. Dann hält sie kurz inne, wird ganz still und kramt in ihrem Gedächtnis. „Ich bin am 14. Mai 1903 in Magdeburg geboren worden. An das Kaisergeld kann ich mich noch gut erinnern und an den Notgroschen“, erzählt sie. Das Kaisergeld – die Mark als erste gesamtdeutsche Währung, umgangssprachlich auch Goldmark genannt – wurde 1873 eingeführt. Nach der Entstehung des Deutschen Reiches.

Mit dem Notgroschen meint sie das Inflationsgeld aus der Zeit der Hyperinflation 1923. „Das Geld war nichts wert. Wir haben dafür nur wenig bekommen.“ Während sich Helene Pohl erinnert, wird sie ganz ruhig, scheint sich in sich zurückzuziehen, bis sie dann wieder ein klares Bild vor Augen zu haben scheint. Dann  hebt sich ihre Stimme und die zierliche Frau wird hellwach und lebhaft. „Ich hatte einen kleinen roten Koffer. Wenn ich Brot geholt habe, war der randvoll mit Geldscheinen gefüllt. Für das gesamte Geld – das waren Billionen oder Trillionen, ich weiß es nicht mehr ganz genau – bekam ich nur ein halbes Brot.“

An ihre Schulzeit in Berlin erinnert sie sich gern. „Wir haben viele Ausflüge gemacht, nach Rügen zum Beispiel. Das war eine schöne Zeit.“ Sie blickt oft zurück, vor allem an die Zeit mit ihrem Mann erinnert sie sich gern. „Die Jahre mit ihm waren meine schönste Zeit. Er hatte ein Motorrad, mit dem wir viel auf Reisen waren“, erzählt die 108-Jährige. Frisch vermählt fuhren sie damals ins Riesen- und ins Eulengebirge. Es ist 1929, das Jahr des Schwarzen Freitags. Der Zusammenbruch der amerikanischen Börse löst die Weltwirtschaftskrise aus.

Das Geld wechselte in den 1920er-Jahren häufiger. „Den Notgroschen hatten wir nicht lange. Danach kam das alte Geld wieder.“ Gemeint ist die Reichsmark, die kurz nach Einführung der Rentenmark 1924 als parallele Währung eingeführt wurde. „Später zeigten die Münzen dann den Reichsadler und das Hakenkreuz. Ich glaube, so eine Münze habe ich noch.“ Auch zur Zeit des Dritten Reiches hatte die Familie nicht viel. „Das Geld war wieder einmal nichts wert.“

Drei Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkrieges war ihr ältester Sohn Willi zur Welt gekommen. Mit ihm hat sie fast mehr Jahre verbracht als mit ihrem Ehemann. Doch im vergangenen Jahr muss Helene Pohl einen Schicksalsschlag verkraften. Ihr Sohn stirbt. „Es gibt Dinge, an die will ich mich immer wieder erinnern. Und es gibt Bilder, die will ich vergessen, kann es aber nicht.“ Eines davon ist das Bild ihres ältesten Sohnes im Sarg. „Wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann, dass ich nie wieder eines meiner Kinder in einem Sarg liegend sehen muss.“

Bis 1945 lebte Helene Pohl mit ihrem Mann und ihren  Kindern in Frankfurt/Oder. 1943 war Sohn Joachim zur Welt gekommen,  1945 Tochter Marion. Die Familie ist komplett – und muss fliehen. Marion ist ein Frühchen. „Sie war noch gar nicht fertig. Hatte noch nicht die Augen auf und noch gar keine Fingernägel.“ Auch an solche Bilder erinnert sich die 108-Jährige.

Mittlerweile hat Helene Pohl die wohl fünfte Währungsreform mitgemacht. Vor zehn Jahren, als der Euro in Deutschland eingeführt wurde, war sie bereits 98 Jahre alt. Schon damals habe sie sich gesagt, es reicht. Doch sie lebt noch immer. Das heutige Geld gefällt ihr nicht. Schon mit der D-Mark hatte Helene Pohl ihre Schwierigkeiten. „Unsere DDR-Mark war irgendwie mehr wert, so habe ich es in Erinnerung.“ Doch ihr Lieblingsgeld waren die Silbermünzen. Die seien griffiger gewesen, wie Helene Pohl heute sagt. Wenn sie vom Euro spricht, sagt sie immer noch Mark und Pfennig. Euro und Cent wollen ihr nicht recht über die Lippen gehen. „Ich habe ein bisschen Rente. Was ich nie haben möchte, sind Schulden. Denn davor, einmal kein Geld zu haben, habe ich Angst.“

Vorm Tod hat sie keine Angst. „Ich fühle mich wie auf einen hohen Berg gestemmt. Wenn ich runterschaue, warte ich auf jemanden, aber es kommt keiner.“ Denn die meisten, so sagt Helene Pohl, seien vor ihr gegangen. Sie wünscht sich, irgendwann einmal ganz still und leise die Augen zu schließen und den letzten Atemzug zu machen. Trotz aller Turbulenzen sagt sie rückblickend, dass sie ein schönes Leben gehabt habe.