Nebenwirkungen ohne Ende:

Den Beipackzettel aufmerksam lesen

Die Gebrauchsanweisung bei Medikamenten sorgt oft für Verunsicherung statt Aufklärung. Nicht alle Informationen sind für den Verbraucher wirklich wichtig. Einige Angaben sollten dafür aber umso genauer studiert werden.

Beipackzettel unbedingt lesen: Auch wenn nicht alle Informationen wichtig sind, kann der Teufel im Detail sitzen.
Dietmar Gust Beipackzettel unbedingt lesen: Auch wenn nicht alle Informationen wichtig sind, kann der Teufel im Detail sitzen.

„Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.“ Jeder kennt diesen Satz aus der Werbung für alle Arten von Medikamenten. Doch auch der Beipackzettel gibt zu diesen Punkten Auskunft – eigentlich. Warum heißt es also nicht: Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie den Beipackzettel? Weil dieses klein bedruckte Stück Papier oft mehr Fragen als Antworten hinterlässt.

Studiert man den Beipackzettel eines bekannten Kopfschmerz-Mittels, kann einem angst und bange werden: Hirnblutungen, Übelkeit, Magen-Darm-Entzündungen sind nur einige mögliche Nebenwirkungen. Davon sollten sich Patienten nicht abschrecken lassen, rät Ursula Sellerberg von der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (Abda). Die Aufzählungen seien so lang, weil die Hersteller verpflichtet sind, jede bekannte Nebenwirkung aufzuführen.

Verständlichkeit hat keinen Vorrang

Der Zettel diene in erster Linie zur juristischen Absicherung, sagt Hans-Michael Mühlenfeld, Vorsitzender des Hausärzteverbands Bremen. „Da sitzen Juristen des Pharmakonzerns an den Formulierungen.“ Deshalb hat Verständlichkeit nicht Priorität, und Missverständnisse sind programmiert. Etwa bei Nebenwirkungen oder Faktoren, die gegen die Einnahme sprechen: „Die Angaben beziehen sich auf die Substanz, nicht auf Dosierung oder Form.“ Eine frei verkäufliche Cortisonsalbe könne zum Beispiel identische Informationen im Beipackzettel wie eine hoch dosierte Cortison-Injektion enthalten, sagt Mühlenfeld. Weil der Wirkstoff derselbe ist.

Nur der Arzt kann Wirkung und Nebenwirkung abwägen

Und es kommt vor, dass bei Wirkung und Nebenwirkung dieselben Sachen stehen: „Aspirin-Tabletten mit 100 mg werden zur Hemmung der Blutgerinnung eingesetzt, die höher dosierten 1000 mg Einheiten gegen Fieber und Entzündungen“, sagt Mühlenfeld. Bei den 1000 mg Tabletten finde sich die Beeinflussung der Blutgerinnung dann unter Nebenwirkungen. Hier hilft tatsächlich nur Aufklärung durch den Arzt oder den Apotheker. Sie kennen die individuellen Voraussetzungen der Patienten und können so mögliche unerwünschte Wirkungen einer Arznei abschätzen. „Risiken müssen konkret eingeordnet werden“, erläutert Matthias Kahnt von der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD).

Generell werde bei Arzneimitteln das Nutzen-Risiko-Verhältnis abgewogen. Bei einem Medikament gegen Krebs könnten die Haare ausfallen, erläutert Sellerberg beispielhaft. Die Gefahr der Krankheit mache das Risiko tolerierbar. „Kopfschmerz-Mittel mit dieser Nebenwirkung würden nie auf den Markt kommen.“

Dosierung noch einmal nachschauen

Auch bei den Wahrscheinlichkeiten von Nebenwirkungen drohen Missverständnisse. Tritt eine Nebenwirkung „häufig“ auf, heißt das nicht, dass die Chance dafür groß ist. „In dem Fall betrifft das höchstens zehn Prozent der Patienten“, sagt Sellerberg. Selten heiße, dass von 10 000 Menschen im Schnitt bis zu zehn betroffen sind. Die Angaben zur Anwendung und Dosierung der Medikamente sei hingegen auch für Patienten verständlich, sagt Kahnt. Zwar schreiben Ärzte die Angaben meist auf das Rezept oder Apotheker auf die Packung. Nachschauen schadet trotzdem nicht, denn gerade Details geraten in Vergessenheit: Soll ich das Medikament vor oder nach dem Essen nehmen? Wie genau muss ich den Antibiotika-Trockensaft für mein Kind verrühren, damit die Konzentration stimmt? „Auf solche Fragen liefert der Zettel richtige und verlässliche Antworten“, versichert Kahnt.

Auch Allgemeinmediziner Mühlenfeld empfiehlt, bei der Dosis noch mal selbst nachzulesen. „Die ist oft von Faktoren wie dem Gewicht abhängig und deshalb sehr individuell.“ Eine weitere Fehlerquelle: Säfte. Ist dann im Beipackzettel von der Gabe eines Löffels Medizin die Rede, sei nicht der Esslöffel aus dem Geschirrkasten gemeint, sagt Sellerberg. Der sei oft zu groß. Die Angaben gelten stattdessen für den mitgelieferten Messbecher, der genutzt werden sollte.

Nicht jede Tablette darf geteilt werden

Viele Senioren teilen große Tabletten, um sie besser schlucken zu können. Hier sollte im Beipackzettel nachgelesen werden, ob das geht. Denn nicht jede Tablette darf geteilt werden, selbst wenn sie eingekerbt ist. „Mitunter haben diese eine Ummantelung, die vor bitterem Geschmack des Wirkstoffes schützt oder dafür sorgt, dass dieser nach und nach abgegeben wird“, erläutert Sellerberg. In so einem Fall darf die Ummantelung nicht gebrochen werden. Findet sich im Beipackzettel keine Information dazu, lieber nachfragen.

Das schwarze Dreieck kann wichtig sein

Seit 2013 findet sich auf manchen Beipackzetteln ein schwarzes Dreieck: Diese Mittel unterliegen besonderer Risikobewertung. Sie sind häufig neu auf dem Markt. „Für den Patienten bedeutet die Information, dass er die Nebenwirkungen des Medikaments kritisch bewerten sollte“, erklärt Kahnt. Fallen ihm welche auf, die noch nicht aufgelistet sind, sollten diese dem Arzt gemeldet werden. Das soll Medikamente sicherer machen. Es gilt demnach, wachsam zu sein, Sorgen seien aber unbegründet, sagt Kahnt. „Solange ein Medikament auf dem Markt ist, ist es auch sicher“, betont der Patientenberater.

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