Pannenprojekt oder digitale Revolution?:

Die Gesundheitskarte – was sie kann und könnte

Teuer, kompliziert – nutzlos? Die elektronische Gesundheitskarte macht bisher viel Ärger und wenig Freude. Doch auf Versicherte und Ärzte rollt eine Welle digitaler Möglichkeiten zu. Was bekommen die Bürger wann zu spüren?

Rund 97 Prozent der Versicherten haben die neue E-Card. Doch die bleibt noch weit hinter ihren Möglichkeiten zurück.
Bernd Thissen Rund 97 Prozent der Versicherten haben die neue E-Card. Doch die bleibt noch weit hinter ihren Möglichkeiten zurück.

Hauptstadtflughafen, Elbphilharmonie – elektronische Gesundheitskarte. Das IT-Milliardenprojekt scheint sich nahtlos in Großvorhaben mit Pannen-Image einzureihen. Ursprünglich sollte die eGK am 1. Januar 2006 eingeführt werden. Widerstand von Ärzten, Streit und Planungsprobleme verzögern eine sinnvolle eGK aber bis heute.

Rund 97 Prozent der Versicherten haben die Karte. Gesamtkosten: 2014 laut den Kassen mehr als eine Milliarde Euro. Doch viel kann die eGK nicht. Das zu ändern ist Ziel der Gematik. Die Gesellschaft mit den Kassen, Ärzten, Kliniken und Apothekern als Trägern sitzt in hellen Räumen an der Spree in Berlins Mitte. Man zeigt sich dort tatkräftig.

Im Moment wird laut Gematik-Geschäftsführer Arno Elmer die Infrastruktur aufgebaut. „Da werden jetzt Leitungen verlegt“, versichert der 48-Jährige. „Im kommenden Jahr steht die Gesundheitsdatenautobahn.“

Doch diese „Autobahn“ allein ist erstmal nutzlos, wie Rainer Bernnat feststellt, ein Experte für IT-Wirtschaft bei der Beratungsfirma Strategy& und langjähriger Begleiter der eGK. „Erst wenn Autos darauf fahren, bringt es Mehrwert und wird die Öffentlichkeit überzeugt werden.“ Gematik-Geschäftsführer Elmer beschreibt die bestehenden Datennetze bei Praxen und Kliniken als Landstraßen – bald würden sie an die neue digitale Autobahn angeschlossen. Gelingt das?

Der Widerstand gegen die Karte ist organisiert

Spontane Begeisterung löst das Projekt in Zeiten der Datenspionage bei vielen nicht gerade aus. Aktivisten machen etwa im Bündnis „Stoppt die E-Card!“ Front. „Die Sicherheit des Systems ist weit höher als die beim Onlinebanking“, beteuert Elmer. Zentrale Server solle es nicht geben, die Daten bleiben in Praxen und Kliniken – Verschlüsselungen und PIN-Nummern sollen den Austausch sicher machen.

Bei den Medizinern gibt es auch andere Gründe für Ablehnung. „Viele Ärzte haben Angst, der persönliche Kontakt zu den Patienten nehme ab, weil Daten elektronisch abgefragt werden“, sagt Philipp Klöcker, Mitautor einer einschlägigen Studie der Uni Augsburg. Berater Bernnat meint: „Viele wollen sich nicht in die Karten schauen lassen.“ Doch in der Ärzteschaft gibt es auch andere Stimmen.

„Deutschland hinkt beim Thema E-Health hinterher“, klagt der Chef des Deutschen Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt. „In anderen Ländern klappt der Arzt sein Notebook auf und hat sofort die Krankheitsdaten des Patienten vorliegen.“

Die Ärzte sollen auf digital umschalten

Nun macht Minister Hermann Gröhe (CDU) Dampf. In der Koalition wird erwartet, dass sein geplantes E-Health-Gesetz bis Oktober auf den Weg kommt. Die Ärzte sollen auf digital umschalten. Ab Ende 2015 sollen laut den Kassen etwa Adresse und Versichertenstatus auf der Karte online überprüft werden können. Ab 2016 soll die elektronische Unterschrift eingeführt werden. Und Notfalldaten sollen auf der Karte gespeichert werden können – Ärzte könnten rasch Infos über Allergien oder Herzschrittmacher bekommen.

Der künftige Nutzen von eGK und E-Health-Netz hängt davon ab, welche Programme Firmen bieten. Ekkehard Mittelstaedt vertritt als Verbandsgeschäftsführer die IT-Anbieter im Gesundheitswesen. Er meint, die Industrie biete schon heute Anwendungen an – weit über den Transport von Daten zwischen Ärzten hinaus.

Beispiel Arzneisicherheit: Es gilt, Patienten vor Wechselwirkung bei mehreren Pillen und Überdosierung zu schützen. Also könnte es für alle berechtigten Ärzte und Apotheker einsehbare Medikationspläne geben. „Patienten und Ärzte könnten aber auch von automatischen Wechselwirkungsprüfungen profitieren oder von Vorschlägen zur Medikation, die Programme anhand aktueller wissenschaftlicher Standards machen“, so Elmer.

Wesentliche Anwendungen würden jedenfalls bis 2018 eingeführt – bis dahin dürften der neue Berliner Flughafen und die Hamburger Elbphilharmonie bereits fertig sein.

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