Er ist anders depressiv als sie:

Die Männerpsyche leidet anders

Der Mann, das unbekannte Wesen? Tatsächlich tappen Forscher manchmal noch im Dunkeln, wenn es um die Gesundheit von Männern geht. Das liegt auch daran, dass diese relativ selten einen Arzt aufsuchen.

Durchs Raster fallen viele Männer, die ein eher traditonelles Rollenbild mit Werten wie Leistungsstärke, Status und Einkommen verinnerlicht haben.
Jens Schierenbeck Durchs Raster fallen viele Männer, die ein eher traditonelles Rollenbild mit Werten wie Leistungsstärke, Status und Einkommen verinnerlicht haben.

Männer zeigen bei psychischen Erkrankungen oft andere Krankheitsanzeichen als Frauen. Ihre depressiven Symptome würden häufig nicht diagnostiziert und unzureichend behandelt. Das teilt die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde mit.

Bislang zeigten Daten, dass Depressionen bei Frauen häufiger aufträten als bei Männern, sagte Professor Harald Gündel vom Uniklinikum Ulm. Doch die Vorstellung der Medizin von der Depression sei nicht vollständig: „Man sieht immer mehr, dass ein Mann, der eine Depression entwickelt, nicht immer das klassische Bild eines depressiven Patienten erfüllen muss.“

Unkonventionelle Lösungen sind gefragt

Eine Untergruppe der männlichen Patienten zeige das Bild einer „männlichen Depression“: Sie reagierten zum Beispiel wütend, gereizt oder aggressiv, fühlten sich gehetzt und unter Druck. Sie seien nicht nur niedergeschlagen und antriebslos, was typischerweise mit der Krankheit verbunden wird. Würden diese Patienten beachtet, seien Depressionen bei den Geschlechtern wohl gleich häufig, sagte Gündel.

Durchs medizinische Raster fallen offenbar besonders Männer, die ein traditionelles Rollenbild verinnerlicht hätten: mit Werten wie Leistungsstärke, Status und Einkommen oder Maßstäben wie „Nicht reden, sondern handeln“. Ihnen falle es besonders schwer, eine psychische Erkrankung zu erkennen zu geben, sagte Gündel. Als größtes Problem der Männergesundheit sehen Experten, dass das „starke Geschlecht“ eher selten zum Arzt geht.

Unkonventionelle Lösungen sind gefragt: Sprechstunden in Betrieben etwa seien erfolgreich, sagte Gündel. Auch über das Arbeitsumfeld initiierte Seminare mit Gruppengesprächen könnten Männern helfen.

ADHS ist deutlich häufiger als bei Frauen

Wenig wissen Experten aber auch über Arzneimittelarten und -mengen, die Männer einnehmen. Selbst in relevanten Studien werde das nur bis zu einem Alter von 64 Jahren erfasst, sagte Professor Gerd Glaeske von der Universität Bremen. Ein beachtenswerter Arzneimittelkonsum beginne oft aber erst in diesem Alter.

Ein Drittel der Medikamentenabhängigen in Deutschland seien Männer, betonte Glaeske. Das werde viel zu wenig beachtet: Abhängigkeit bei Männern werde mehr mit Alkohol oder illegalen Drogen verbunden. Dabei würden gerade Anabolika und anregende Mittel eher von Männern eingenommen als von Frauen.

„Die einzige psychische Störung, die Männer deutlich häufiger haben als Frauen, ist ADHS“, sagte Glaeske. Medikamente wie Ritalin rückten aber auch bei solchen in den Blick, die ihre Leistung steigern wollten – etwa im Studium oder im Fitnessstudio. „Ansonsten ist die psychische Gesundheit von Männern noch viel zu wenig untersucht“, bilanzierte Glaeske.

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