Depressionen:

Ein Tabu auf dem Weg zur Volkskrankheit

Depressionen sind mittlerweile ein Problem für viele Menschen. Fragen wie: wann ist jemand nur traurig oder schon depressiv bleiben aber noch häufig offen.

Für viele Menschen wird eine anfängliche Traurigkeit zu einer Abwärtsspirale aus Depressionen und Medikamenten.
Julian Stratenschulte Für viele Menschen wird eine anfängliche Traurigkeit zu einer Abwärtsspirale aus Depressionen und Medikamenten.

Nur niedergeschlagen oder schon depressiv? Der Übergang von einer ständigen psychisch-seelischen Belastung wie Stress zu einer Erkrankung mit einer deutlich körperlichen Komponente ist offensichtlich fließend. Behandelt werden die Patienten von Medizinern und Psychologen denn auch sowohl mit direkt auf den Körper wirkenden Medikamenten (Antidepressiva) als auch mit auf Seele und Geist wirkender psychotherapeutischer Betreuung.

Dieser fließende Übergang ist schwer zu greifen. Das könne durchaus dazu führen, dass der eine oder andere eine Depression diagnostiziert bekomme, obwohl er gar nicht krank, sondern einfach nur traurig ist, erläutert der Chef der Techniker Krankenkasse (TK), Jens Baas, am Mittwoch in Berlin bei der Vorstellung des TK-Depressionsatlasses.

Es gibt Bedenken wegen der Qualität der Diagnose

Die Diagnostik sei zwar inzwischen besser geworden, sagt Baas. Allerdings habe man immer noch ein bisschen Bauchschmerzen bei der Qualität der Diagnosen. Gerade die Befunde zu psychischen Problemen aus dem hausärztlichen Bereich müssten zumindest mal hinterfragt werden.

Die Erkrankung kommt häufig nach belastenden Erlebnissen wie dem Verlust eines Angehörigen oder Beziehungsproblemen auf. Auch einschneidende Veränderungen wie die Pensionierung können ein Auslöser sein – jeder kennt solche Fälle in seinem persönlichen Umfeld. Und gerade weil die Erkrankung nicht als körperliche wie Magengeschwüre oder Herzinfarkt zu erkennen ist, wird sie sehr häufig unterschätzt.

Für Depressionen muss sich niemand schämen

Aufgrund von Depressionen fallen zwar wesentlich weniger Menschen bei der Arbeit aus als durch die „Volkskrankheit“ Rückenbeschwerden. Sie bleiben aber wesentlich länger zu Hause – im Durchschnitt 64 Tage. Insgesamt liegen laut Studie die Produktionsausfälle dadurch bei rund vier Milliarden Euro. Von ihren gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen könne die Depression inzwischen als „Volkskrankheit“
durchgehen.

Eines scheint indessen klar zu sein: Die Zunahme der depressiven Erkrankungen hat auch etwas mit der deutlich gestiegenen gesellschaftlichen Akzeptanz zu tun. Es gebe eine Reihe Prominenter, die ihre Depressionen öffentlich gemacht haben – wie der Skispringer Sven Hannawald oder der Ex-Fußball-Profi Sebastian Deisler. „Das heißt, es ist nicht mehr eine Krankheit, wo man sich schämen muss“, sagt Baas.

Nordkurier digital: Jetzt 6 Wochen zum Sonderpreis testen!