Wie "Experten aus Erfahrung" neue Wege begehen:

Genesungsbegleiter: Neue Hilfe für Psychiatrie-Patienten

Ehemals psychisch Kranke helfen anderen, die seelisch erkrankt sind. Die sogenannten „Ex-In“ finden dabei ungewöhnliche, aber erfolgreiche Wege zu den Patienten. Was unglaublich klingt, ist Realität im Klinikum Bremerhaven Reinkenheide.

Für die Pflegedienstleiterin Angelika Lacroix (links)sind Genesungshelfer wie Birgit Kowski ein unverzichtbarer Bestandteil des Teams.             
Christian Beneker Für die Pflegedienstleiterin Angelika Lacroix (links)sind Genesungshelfer wie Birgit Kowski ein unverzichtbarer Bestandteil des Teams.  

Betroffenheit heilt. Davon zumindest sind die Verantwortlichen des Zentrums für seelische Gesundheit am Klinikum Bremerhaven Reinkenheide überzeugt. Nicht zuletzt deshalb hat die Klinikleitung 2010 als erste in Deutschland den Mut aufgebracht, ehemalige Patienten fest einzustellen – als so genannte Genesungsbegleiter. Sie unterstützen die seelisch Erkrankten auf den Stationen – erfolgreich, wie alle Beteiligten bezeugen.

„Ex-In“ nennen sich die Genesungsbegleiter auch. Der Begriff kürzt die englische Bezeichnung „Experience Involvement“ ab. Das bedeutet so viel wie: Aus eigenem Erleben einzubringen, was Patienten fühlen, wie sie sich sehen und was sie wünschen.

Birgit Kowski ist eine von sechs Genesungsbegleitern im Bremerhavener Klinikum. „Unsere Aufgabe ist es, den betroffenen Patienten den Weg von der Station wieder nach Hause aufzuzeigen“, sagt sie, „auf diesem Genesungsweg sind wir diejenigen, die die Bedürfnisse der Patienten vertreten.“ Alle Begleiter kennen die seelischen Erschütterungen der Patienten aus dem eigenen Leben, wissen damit umzugehen. Heute haben rund 380 Menschen bundesweit eine solche „Ex-In-Ausbildung“ gemacht.

Dass Psychiatrie-Patienten ihre Situation manchmal als völlig aussichtslos sehen, ist leicht vorstellbar. Umso wichtiger sind für sie Beispiele des Gelingens. In ihren Genesungsbegleitern sehen die Patienten leibhaftig vor Augen, dass Gesundung möglich ist – eine Erfahrung, die zum Durchhalten anspornt.

Und eine Erfahrung, die wohl kein Arzt und keine noch so professionelle Pflege vermitteln könnten. Wenn gewünscht, gehen die „Ex-In“ auch mit zu den Arztgesprächen. Aber viel der positiven Wirkung ergibt sich aus den zwischenmenschlichen Kontakt. Manchmal sind die Problemlösungen der „Ex-In“ so bestürzend einfach, dass wohl kein Medizinprofi darauf gekommen wäre. So hatte eine Patientin große Angst, allein mit dem Bus zu fahren.“ Da habe ich mich gefragt – wie kriege ich sie dazu?“, berichtet Kowski. Schließlich war Samson die Lösung. Samson ist das Meerschweinchen der Patientin. Kowski riet der Patientin, mit ihrem Handy ein Filmchen von Samson aufzuzeichnen und immer bei sich zu tragen. „Das Filmchen hat sie daran erinnert, warum sie sich den Stress antut“, sagt Kowski, „Samson musste gefüttert werden.“

Kliniken sind Orte voll von Hierarchien und Privilegien. Wer davon profitiert, möchte zunächst nicht teilen. Aber genau das fordern die Genesungsbegleiter schon durch ihre schiere Anwesenheit. Kein Wunder, dass Lacroix es anfangs nicht leicht hatte, ihre Idee zu verwirklichen, medizinische Laien in den Behandlungsprozess mit einzubinden und sie dafür sogar zu bezahlen. Am schwierigsten waren die Mitarbeiter zu überzeugen, die eine Fachweiterbildung haben. „Klar haben die sich gefragt, wieso mache ich eine große Ausbildung, wenn hier auch praktisch Ungelernte ihr Geld verdienen?“, so Lacroix, „da kommen auch Angst und Neid auf.“ Schnee von gestern. „Inzwischen stehen alle Mitarbeiter hinter dem Projekt.“

Seelische Erkrankungen nehmen zu

 
Millionen von Menschen in Deutschland sind psychisch krank. Ob Depression, Sucht oder Angststörungen, die Zahl derer, die wegen seelischer Leiden Hilfe suchen, nimmt zu. Jede achte Krankschreibung hat mittlerweile diesen Hintergrund, meldet die Krankenkasse DAK – ein Anstieg von 74 Prozent seit 2006. Auch die Krankheitskosten für psychische und Verhaltensstörungen steigen stetig an. Mehr als 28 Milliarden Euro pro Jahr machen sie in Deutschland aus – gut zehn Prozent der jährlichen Gesundheitskosten. Damit stehen sie an dritter Stelle, direkt hinter den Herz-Kreislauf- und Magen-Darm-Erkrankungen.
 
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