Umfeld, Hormone und Maß an Bewegung sind wichtige Faktoren:

Hungerhaken statt Wonneproppen: Untergewicht bei Kindern

Während viele Kinder mit Übergewicht und Fettsucht kämpfen, zeigt die Waage bei anderen zu wenig an. Vor allem, wenn die Kinder auch noch schlechte Esser sind, machen sich Eltern Sorgen. Meist stellt sich aber heraus: Mit meinem Kind ist alles in Ordnung.

Der einjährige Noah läuft am 19.08.2013 mit einem Regenschirm in Form eines Froschgesichts über eine Straße in Hannover (Niedersachsen). Foto: Julian Stratenschulte/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++
Julian Stratenschulte Der einjährige Noah läuft am 19.08.2013 mit einem Regenschirm in Form eines Froschgesichts über eine Straße in Hannover (Niedersachsen). Foto: Julian Stratenschulte/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Bad Vilbel. Spätestens im Kindergarten fängt das Vergleichen an: Ist mein Kind dünner als Gleichaltrige? Isst es nicht viel weniger als andere? Untergewicht ist in Deutschland ein durchaus ernstzunehmendes Problem. "Etwa vier bis fünf Prozent der 3- bis 6-Jährigen sind laut dem Ernährungsbericht 2008 untergewichtig. Bei den 13-Jährigen sind es sogar etwa 9,5 Prozent, die zu wenig auf die Waage bringen", sagt die Ökotrophologin Sylvia Becker-Pröbstel.

Bedingt sei der Anstieg bei älteren Kindern vor allem durch die Zunahme von Essstörungen wie Magersucht, die immer häufiger schon im Alter von elf bis zwölf Jahren beginnen.

Aber nicht in jedem Fall müssen ernste Ursachen oder Krankheiten dahinterstecken, wenn Kinder und Jugendliche sehr dünn und merklich schlanker als Freunde und Mitschüler sind. Denn Statur und Gewicht werden auch durch unsere Gene und Hormone bestimmt.

"Es gibt Familien, die schlank und hochaufgewachsen sind", sagt Becker-Pröbstel. Das Schilddrüsenhormon zum Beispiel könne einen großen Einfluss auf das Gewicht in beide Richtungen haben. Weitere Faktoren wie das Temperament des Kindes, das Umfeld, das Maß an Bewegung sowie das Essverhalten in der Familie beeinflussen das Gewicht.

Isst ein Kind weniger als andere, deutet das nicht unbedingt auf eine problematische Entwicklung hin. Denn auch beim Essverhalten spielen anlagebedingte Faktoren mit. "Allein der Grundumsatz, der tägliche Energiebedarf im Ruhezustand, kann abhängig vom individuellen Stoffwechsel bei zwei gesunden Kindern, die in Größe und Gewicht identisch sind, um bis zu 300 Kilokalorien variieren", erläutert Sylvia Becker-Pröbstel.

Und auch hinsichtlich der Esscharaktere gibt es Unterschiede, die Eltern tolerieren sollten. "Es gibt eben die vorsichtigen Esser und die Trennköstler", sagt Becker-Pröbstel. Das seien Kinder, die sehr intensiv schmecken und den Eigengeschmack von Lebensmitteln lieben. "Dann ist eben nicht der Gemüseeintopf angesagt, sondern dann sind es tatsächlich die Spaghetti mit nebendran vielleicht der Tomatensoße und dem Käse."

Sorgen müssen sich Eltern in der Regel nicht, solange die Kinder nicht häufiger krank sind und keine Veränderungen in ihrem Verhalten zeigen. Hegen Eltern Zweifel, ob die Schlankheit ihres Kindes eventuell über das normale Maß hinausgeht, gehen sie am besten zu einem Kinder- und Jugendarzt. Idealerweise hat er bereits die Vorsorgeuntersuchungen gemacht und kennt das Kind über lange Zeit, rät Frank Jochum, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Evangelischen Waldkrankenhaus Spandau in Berlin.

"Die Frage untergewichtig oder nicht, lässt sich durch bloßes Anschauen des Kindes nicht klären" erläutert der auf Ernährungsmedizin spezialisierte Arzt. Erst das Verhältnis von Körpergröße und Gewicht - der Body Mass Index (BMI) - und der Abgleich der Daten mit den für Kinder dieser Altersgruppe normalen Werten macht deutlich, ob das Kind Untergewicht hat. Eine gewisse Bandbreite sei normal. Ein Kind gilt dann als untergewichtig, wenn es deutlich vom altersüblichen Kurvenverlauf abweicht.

Dabei müssen die Entwicklung des Kindes von Geburt an und seine gegenwärtige Lebenssituation immer mit berücksichtigt werden. Bewegt sich ein Kind beispielsweise von Geburt an eher an der Grenze zum Untergewicht und behält diese Entwicklung stetig bei, ist das geringe Gewicht sehr wahrscheinlich anlagebedingt. Ein plötzliches Abweichen vom individuellen Kurvenverlauf oder starkes Untergewicht deuten dagegen auf eine möglicherweise ernste Ursache hin.

Eltern schätzen die Situation mitunter falsch ein. "Vor allem bei kleineren Kindern, die aus Sicht der Eltern vermeintlich zu wenig essen oder zu dünn sind, stellt sich bei den Untersuchungen dann doch oft heraus, dass alles normal ist", erklärt Thomas Kauth. Er ist Mitglied des Präsidiums des Bundesverbands Deutscher Ernährungsmediziner (BDEM) und niedergelassener Kinder- und Jugendarzt.

Nach den Erfahrungen des Mediziners machen Eltern häufig Druck und versuchen dünnen Kindern ständig Essen aufzudrängen, selbst beim Fernsehen oder Spielen. "Normalerweise wird die Nahrungsaufnahme über Hunger reguliert. Diese normale Regulation wird damit ausgehebelt", warnt Kauth. Eine Essstörung könne sich so immer weiter verstärken. Manche Kinder landeten später im Übergewicht. Andere entwickelten Frust und verweigerten sich dem Essen nur noch mehr.

Die Essensmenge und die Zahl der Mahlzeiten müssen nicht erhöht werden. Eltern könnten stattdessen kalorienärmere Nahrungsmittel durch kalorienreichere ersetzen und zum Beispiel statt fettarmen Joghurt einen Sahnejoghurt anbieten. "Es geht nicht darum, das Kind mit Süßigkeiten vollzustopfen. Die Zusammensetzung muss trotzdem ausgewogen sein, nach dem Prinzip der optimierten Mischkost", sagt Kauth.

Freude am Essen statt Druck und feste Mahlzeiten, bei denen die ganze Familie gemeinsam am Tisch sitzt, sind hilfreich und wichtig. Aber auch Essenspausen von drei bis vier Stunden ohne Naschen machen Sinn. Denn nur so können Kinder ein Gefühl für Hunger entwickeln.

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