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Kinder sind "Sitzenbleiber"

Fit nur noch am Computer? Viele Kinder in Deutschland sitzen laut einer Studie zu viel – wie auch Erwachsene. Das hat schwere Folgen für die Gesundheit beider Gruppen, warnen Experten.

Computer und Smartphone statt Bewegung und frische Luft. Immer mehr Kinder verbringen ihre Freizeit sitzend. Das schadet der Entwicklung ihres Körpers, schlagen Experten Alarm – und fordern mehr Bewegung im Alltag. Foto: Angelika Warmuth
Angelika Warmuth Computer und Smartphone statt Bewegung und frische Luft. Immer mehr Kinder verbringen ihre Freizeit sitzend. Das schadet der Entwicklung ihres Körpers, schlagen Experten Alarm – und fordern mehr Bewegung im Alltag. Foto: Angelika Warmuth

Von der Schulbank vor den Bildschirm und von dort ins Bett: Sieht so der Alltag von Kindern in Deutschland aus? Der neue Gesundheitsreport der Deutschen Krankenversicherung (DKV) gibt darauf zumindest Hinweise: Mehr als 300 Eltern sollten etwa darüber Auskunft geben, wie viel Zeit ihre Kinder mit Fernsehen oder Spielkonsole verbringen und wie viel sie sich bewegen.

Die Ergebnisse zeigen: Der Großteil der 6- bis 12-Jährigen verbringt zu viel Zeit mit diesen Medien – mehr als eine Stunde pro Tag. Reizüberflutung ist nur ein damit verknüpftes Problem, sagte der wissenschaftliche Leiter des DKV-Reports, Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule Köln (DSHS). Die Kinder würden damit auch viel zu lange stillsitzen. Ein Verhalten, das sie sich offenbar bei Erwachsenen abschauen: Diese sehen die DKV-Experten ebenfalls als „Sitzenbleiber“.

Was das Sitzen riskant macht? Es schade dem Biosystem Mensch, das evolutionär für Bewegung konstruiert sei, sagte Professor Gerhard Huber vom Institut für Sport und Sportwissenschaft der Universität Heidelberg. Negative Folgen auf Abläufe im Körper seien nachgewiesen: auf Energieverbrauch, Fettverbrennung oder Entzündungshemmung etwa.

Fehlende Bewegung schlägt sich im Skelett nieder

Mehrere Studien haben nach Angaben Hubers zudem Zusammenhänge zwischen langem Sitzen und einer erhöhten Sterblichkeit gezeigt. Auch Krebs- und Diabetes-Erkrankungen werden damit in Verbindung gebracht. Die Gefahr steige ab durchschnittlich acht Sitzstunden pro Tag deutlich an. Das dürften viele Kinder überschreiten: Nach DKV-Angaben sitzen sie im Schnitt zusätzlich zum Unterricht vier Stunden lang.

Routinemäßig beginnen Kinderärzte bei vier- und fünfjährigen Patienten, die Eltern nach den Bewegungsroutinen zu fragen. Denn Bewegung rege das Muskelwachstum sowie den Auf- und Umbau von Knochen an, erläutert Fegeler. Fehlt Bewegung, könne sich das Skelett nicht richtig ausbilden, und Gelenke würden fehlbelastet. Solange Kinder in die Kita oder den Kindergarten gingen, sei meist noch alles in Ordnung: „Der Bruch ist da, wenn die Kinder in die Schule kommen.“

Forderung nach täglichem Schulsport

Kinder, die sich wenig bewegen, neigten zu Fettleibigkeit. Damit eröffne sich „ein ganzer Reigen an Organerkrankungen“, sagte Fegeler. Es bildeten sich zum Beispiel früher Ablagerungen in den Arterien, zudem hätten sie ein größeres Risiko für Diabetes Typ II und für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Für DKV-Arzt Wolfgang Reuter besteht auch ein Zusammenhang mit der Diagnose ADHS: Gelegentlich würden wohl Kinder fehldiagnostiziert, die ihren Bewegungsdrang nicht ausleben könnten oder die unter Reizüberflutung litten.

Allein die abendliche Runde durch den Park oder der Schulweg zu Fuß können langes Sitzen nicht wettmachen, sagt Sportwissenschaftler Huber: „Trotzdem gilt die Formel: Je mehr Bewegung, desto besser lassen sich Sitzzeiten tolerieren.“ Die DKV appellierte an Schulen: Täglicher Schulsport und Bewegungspausen seien eine gute Idee. Angesichts der Werte bei Erwachsenen müssten aber auch Arbeitgeber handeln – und endlich Schluss machen mit dem Stillsitzen.

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