Behandlungsfehler nehmen zu:

Schockierende Statistik zu Ärztepfusch in Deutschland

Die Zahl der offiziell bestätigten Behandlungsfehler ist im vergangenen Jahr leicht auf 3796 gestiegen. Experten fordern einen offenen Umgang der Ärzte mit Fehlern. Rasmus Buchsteiner über die Hintergründe zur neuen Kassen-Statistik zu Behandlungsfehlern.

Verheerende Fehldiagnosen, Operationen an gesunden Körperteilen oder falsche Medikamente: Die Zahlen der Betroffenen steigen leicht. Entwarnung gibt es von Experten keine. Sie fordern eine neue Sicherheitskultur in Praxen und Kliniken.
Uwe Anspach Verheerende Fehldiagnosen, Operationen an gesunden Körperteilen oder falsche Medikamente: Die Zahlen der Betroffenen steigen leicht. Entwarnung gibt es von Experten keine. Sie fordern eine neue Sicherheitskultur in Praxen und Kliniken.

Was gilt eigentlich als Behandlungsfehler?

Wenn eine Behandlung nicht angemessen, sorgfältig oder rechtzeitig durchgeführt wird, verstößt ein Mediziner gegen seine Verpflichtungen. Als Fehler gilt, wenn eine Behandlung nicht den medizinischen Standards entspricht, eine gebotene Behandlung unterlassen oder eine Diagnose trotz eindeutiger Hinweise nicht gestellt wird.

Wie hat sich die Zahl der Verfahren wegen Verdachts auf Behandlungsfehler entwickelt?

In 14 663 Fällen von vermuteten Behandlungsfehlern veranlasste der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) im vergangenen Jahr eine Überprüfung. Das waren knapp 100 mehr als im Jahr 2013. Etwa zwei Drittel der Vorwürfe bezog sich auf Behandlungen und Operationen in Krankenhäusern, der Rest auf niedergelassene Mediziner.

Wie oft bestätigt sich der Verdacht auf Ärztefehler bei der Begutachtung?

Nicht jede Begutachtung durch den Medizinischen Dienst führt zu einer Anerkennung. Im vergangenen Jahr wurden 3796 Behandlungsfehler offiziell bestätigt. Das sind 25,9 Prozent der Verdachtsfälle. In jedem fünften Fall stellen die Gutachter fest, dass der Behandlungsfehler auch die Ursache für den Schaden ist. Bei 1022 Patienten, also etwa bei jedem dritten von Behandlungsfehlern Betroffenen, kam es zu einem dauerhaften Schaden. Die Zahlen aus der Statistik würden laut MDK „mit hoher Wahrscheinlichkeit nur die Spitze eines Eisbergs“ darstellen.

Welche Fehler werden am häufigsten gemacht?

Die meisten Vorwürfe – 4687 Fälle – bezogen sich im vergangenen Jahr auf die Bereiche Unfallchirurgie und Orthopädie. Die zweitmeisten Verdachtsfälle gab es in der Chirurgie. Es folgen Zahnmedizin, Innere Medizin sowie Gynäkologie/Geburtshilfe mit jeweils rund 1200 Begutachtungen wegen vermuteter Behandlungsfehler. Fehlervorwürfe werden am häufigsten im Pflegebereich bestätigt, in 27,5 Prozent der Verdachtsfälle. Ärzteverbände warnen bei der Veröffentlichung von Behandlungsfehler-Statistiken vor Überinterpretationen der Zahlen – angesichts von jährlich fast 700 Millionen ambulanten Behandlungsfällen und mehr als 18 Millionen Klinikaufenthalten.

Inwieweit sind Behandlungsfehler vermeidbar?

Sowohl Ärzteverbände als auch Krankenkassen räumen ein, dass noch nicht genug zur Vermeidung von Behandlungsfehlern getan wird. Zwar werde in vielen Kliniken über das Thema Risikomanagement debattiert, doch reiche das nicht aus. „Für die Patientensicherheit ist es unentbehrlich, Fehler zu analysieren und Fehlerquellen festzustellen“, so der stellvertretender MDK-Geschäftsführer, Stefan Gronemeyer. Fachleute empfehlen zum Beispiel Checklisten für die Vorbereitung von Operationen, regelmäßige Notfalltrainings sowie kritisches Hinterfragen der verabreichten Medikamente, gerade mit Blick auf Nebenwirkungen.

Welche Rechte haben Patienten bei Verdacht auf Behandlungsfehler?

Das neue Patientenrechtegesetz – seit 2013 in Kraft – ermöglicht Betroffenen, Schadensersatzansprüche mithilfe ihrer Krankenkasse leichter durchzusetzen. Jeder Versicherte hat nun Anspruch auf ein kostenloses Gutachten. Die Beweislast liegt grundsätzlich beim Patienten: Er muss dem Mediziner Fehlverhalten nachweisen. Nur bei groben Behandlungsfehlern ist der Arzt in der Pflicht nachzuweisen, dass der Fehler nicht Ursache des entstandenen Schadens gewesen ist. Als „grob“ werden Fehler eingestuft, „die aus objektiver medizinischer Sicht schlechterdings nicht mehr verständlich sind“. Als besonders eindeutiges Beispiel dafür gilt die Entnahme eines gesunden Organs. Experten beklagen zu lange Verfahren bei der Durchsetzung von Schadensersatzansprüchen. Oft würden Gutachten etwa des MDK vor Gericht nicht anerkannt, so der Geschäftsführer des Aktionsbündnisses Patientensicherheit, Hardy Müller: „Gerade in solchen Fällen dauert es oft sehr lange, in der Mehrzahl der Fälle über fünf Jahre, bis ein Verfahren abgeschlossen ist.“