Gesundheitsserie:

Teil 10: Krebs

Die Chemotherapie wird von vielen Patienten als weniger belastend empfunden, wenn sie anschließend wieder nach Hause dürfen. Im Klinikum Neubrandenburg gibt es seit 1998 dafür eine Tagesklinik.

Krebs

Die Diagnose Krebs  macht Angst – weil Betroffene  sich oft zum ersten Mal  mit der  Endlichkeit  ihres Lebens  konfrontiert sehen. Und weil –  auch wenn die  Überlebenschancen heute  viel besser sind als  noch  vor  wenigen Jahren –  kräfte- und nervenzehrende  Therapien erforderlich sind, um  wieder gesund werden zu  können.   Allein  der Gedanke an  wiederholte,  womöglich mehrwöchige Krankenhausaufenthalte  lässt manchen schier verzweifeln.

Doch Krebspatienten  müssen heute  längst nicht mehr zu allen  Behandlungen ins Krankenhaus.  „In den letzten  20 Jahren hat es eine  deutliche Verschiebung in den ambulanten  oder teilstationären Bereich gegeben“, betont  Dr. Norbert Grobe, Leitender Oberarzt an der Klinik für Innere Medizin 1 und Leiter des interdisziplinären Tumorzentrums am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum in Neubrandenburg.

Dafür gebe  es  mehrere  Gründe: „Die  Patienten  wollen es. Die  Medizin  hat sich  so weiterentwickelt, dass das in  vielen  Fällen auch problemlos  möglich ist. Und schließlich  machen  auch die  Krankenkassen  unter  ökonomischen  Gesichtspunkten Druck“, so Dr. Grobe.

Am Klinikum in der Viertorestadt  gibt es bereits seit 1998 eine  onkologische Tagesklinik. Seinerzeit  hatte sie  nur acht Betten, mittlerweile sind es  35. Dazu  gehören tagesklinische Plätze in anderen Fachabteilungen, die im Herbst alle miteinander zu einer  gemeinsamen  interdisziplinären onkologischen Tagesklinik verschmelzen werden. 

Patienten schätzen die familiäre Atmosphäre

Was  viele  Patienten  an der Neubrandenburger Tagesklinik schätzen, ist die   familiäre Atmosphäre, denn durch die  regelmäßigen Besuche   entwickelt sich zum Personal ein  sehr  enges  Verhältnis. Auch  Angehörige sind  jederzeit  willkommen, denn sie sind  für die  behandelnden Ärzte eine wichtige Stütze. 

Allerdings  sei eine  so „riesige Zusammenballung von Krebspatienten“ – am Neubrandenburger  Klinikum  werden  jährlich  ca. 2000 Patienten tagesklinisch  behandelt –   aus  psychologischer Sicht nicht unproblematisch, weiß Dr. Ulrike Flintzer, die Koordinatorin des Tumorzentrums am Klinikum in Neubrandenburg. Vor allem Frauen   mit Brustkrebs reagierten  während einer Chemotherapie  sehr sensibel – bei ihnen hinterließe die Behandlung allerdings  äußerlich auch die  deutlichsten Spuren,  allen  voran  den Haarausfall. Allerdings  sei die  räumliche Anordnung in der Neubrandenburger Tagesklinik sehr  kleinteilig,   so dass  besonders sensible  Patienten oder solche, die sich vorübergehend  nicht wohlfühlen, auch  in Zweibettzimmern untergebracht werden  könnten.

Behandlung in der Tagesklinik ist von Art der Chemo abhängig

Grundsätzlich  sei es  von der Art der Krebserkrankung abhängig, ob ein Patient  die erforderliche Chemotherapie  in einer Tagesklinik  erhalten  könne, so Dr. Grobe.  Bei akuten Leukämien sei dies  beispielsweise ausgeschlossen.  Ein weiterer Ausschlussgrund  für eine tagesklinische Behandlung sei eine zu  große Entfernung zum Wohnort. Unsere Patienten  kommen aus einem Gebiet mit einem Radius  von etwa  80  km“, so Dr. Ulrike Flintzer.  Bei  größeren Entfernungen   sei die rechtzeitige Erreichbarkeit nicht   gegeben, wenn es  zu Hause zu Komplikationen  kommen sollte. Auch bei Alleinlebenden ohne intakte  soziale  Struktur  sei  aus diesem Grund eine  Tagesklinik oft nicht die erste Wahl.

Ebenfalls   nicht für eine  Tagesklinik  geeignet sind  Patienten,  bei denen die  Behandlung  zu starken  Nebenwirkungen  führt.  Dr. Grobe  nennt hier vor allem Stoffwechselentgleisungen  und Knochenmarksschäden durch  die Chemotherapie.

Nebenwirkungen Übelkeit und Erbrechen gut behandelbar

Andere   – häufige – Nebenwirkungen  einer Chemotherapie  lassen sich  dagegen  mittlerweile  sehr gut behandeln. „Viele Patienten  leiden  beispielsweise  an Übelkeit und Erbrechen“, wissen die Neubrandenburger Ärzte.  Mit Medikamenten ließen diese sich aber schnell eindämmen. Auch  bei  psychisch  bedingten  Beschwerden –  dem Patienten wird schon schlecht, wenn er nur  den Tropf mit dem Therapeutikum sieht – kann man   helfen. „Allerdings ist es wichtig, die Beschwerden  gleich im   ersten oder zweiten Behandlungszyklus in den Griff zu  bekommen, weil sich  ansonsten ein Angstzyklus aufbaut, in dem sich die  Beschwerden verselbstständigen“, warnt  Dr. Flintzer.

Weniger tun  könne man  gegen den  Haarausfall, der  vor allem Brustkrebspatientinnen  betrifft.  „Die Frauen  bekommen dann ein Rezept für eine  Perücke“, so Dr. Grobe. „Viele sind inzwischen aber  so selbstbewusst, dass sie  darauf verzichten.“

Haarausfall liegt an Zusammensetzung des Medikaments

Dass die Haare ausfallen, sei der Zusammensetzung des Zytostatikums  geschuldet – bei  Brustkrebs  sei es  besonders  aggressiv. „Für einzelne  Krebsarten  gibt es verschiedene  Zytostatika, einige  kann man auch bei mehreren  verschiedenen Tumoren einsetzen“, erläutert Dr.  Flintzer.   Bei Patienten  mit unterschiedlichen Krebserkrankungen  seien Nebenwirkungen der Chemotherapie  daher auch  nur sehr selten vergleichbar.

Wie und womit ein  Krebskranker behandelt wird, entscheidet  in Neubrandenburg wie in anderen  großen Kliniken auch  ein ganzes Expertengremium. Pathologen, Radiologen, Chirurgen, internistische Onkologen und Strahlentherapeuten gehören  dem  Tumorkonsil an. „Per Videokonferenz werden außerdem  Kollegen aus den Krankenhäusern in  Neustrelitz und Waren zugeschaltet, die   ebenfalls ihre Fälle   vorstellen“, erläutert Dr. Flintzer. Darüber hinaus nimmt auch die   niedergelassene Onkologin aus Neubrandenburg  an der wöchentlichen Beratung teil.  Für jeden Krebskranken wird dann ein individueller Behandlungszeitplan erstellt. 

„Die Therapien sind sehr viel  komplexer und vielfältiger geworden“, so Dr. Grobe. „Früher waren sie meist  auf  sechs Monate begrenzt, heute  können sie über Jahre  andauern.“