Gesundheitsserie:

Teil 7: Burnout-Syndrom

Gestresst, müde und ausgebrannt. Derzeit zieht das Thema Burnout alle Aufmerksamkeit auf sich und bildet die Grundlage zahlreicher Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen.

Burnout

Ob Schalke-Trainer Ralf Rangnick, Comedian Kurt Krömer, Ex-Skispringer Sven Hannawald oder Fernsehkoch Tim Mälzer: Alle waren sie körperlich und seelisch am Ende, brauchten dringend eine Auszeit. Gegenwärtig gewinnt man den Eindruck, dass so viele Menschen an einem Burnout erkranken wie nie zuvor – und das betrifft längst nicht nur Prominente. Deshalb halten manche Psychiater Burnout lediglich für eine Modediagnose, durch die ernstere psychische Störungen wie zum Beispiel eine Depression zu sehr in den Hintergrund geraten.

Es gilt heutzutage, immer mehr Anforderungen in immer kürzerer Zeit zu bewältigen. Eigene Bedürfnisse werden in der beschleunigten Arbeitswelt hinten angestellt. Für viele gehört dieser Alltagsstress mittlerweile zum Zeitgeist. Doch nicht alle Menschen sind diesen Belastungen auf Dauer gewachsen. Ihre Energieakkus sind viel schneller leer, und damit sind sie besonders anfällig für einen Burnout. Sie fühlen sich also völlig „ausgebrannt“.

Zustand extremer körperlicher und seelischer Erschöpfung

Eine offizielle Definition des Burnout-Syndroms gibt es bislang nicht, da Ursachen und Symptome von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sind. Experten sprechen von einem Zustand extremer körperlicher und seelischer Erschöpfung. Diese Überbelastung ist häufig beruflich bedingt.

Das Burnout-Syndrom ist international nicht als Krankheit anerkannt, sondern gilt lediglich als Problem der Lebensbewältigung. Laut der Internationalen Klassifikation der Erkrankungen, ist dieser „Zustand der totalen Erschöpfung“ nur eine Zusatzdiagnose, aber keine Behandlungsdiagnose. Doch häufig haben Betroffene über das Burnout hinausgehende Beschwerden entwickelt, wie zum Beispiel Depressionen oder Panikattacken.

Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Wolfgang Schneider, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin der Universität Rostock, betont, dass man die steigende Zahl Betroffener relativieren muss. Erstens seien die Menschen heute offener, eigene psychische Probleme wahrzunehmen und über diese zu reden. Zweitens hätten Ärzte eine höhere Bereitschaft, psychiatrische Diagnosen zu stellen beziehungsweise bei ihren Patienten ein Burn-Out-Syndrom zu diagnostizieren. „Das bedeutet, dass nicht unbedingt mehr Leute an psychischen Krankheiten leiden, sondern dass sie frühzeitiger eine entsprechende Diagnose erhalten“, erklärt Prof. Schneider.

"Psychische Erkrankungen weniger Tabuthema"

Das verdeutlicht auch die Zahl der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen im Bereich der seelischen Störungen, die in den vergangenen zehn Jahren sprunghaft angestiegen ist. „Weil über das Thema inzwischen offener geredet wird, diagnostizieren die Ärzte heute eben eher psychische Ursachen von Leiden. Psychische Erkrankungen werden zunehmend enttabuisiert“, sagt der Mediziner. Der gesellschaftliche Wandel begünstigt laut Prof. Schneider die wachsende Zahl der Burnout-Fälle. „Alles ist schneller, unüberschaubarer und komplexer geworden. Deshalb ist es für den Einzelnen anspruchsvoller geworden, sich zurechtzufinden. Der Mensch ist mehr gefordert und dann zum Teil auch überfordert.“

Bei den Ursachen für einen Burnout sind innere und äußere Faktoren zu berücksichtigen, also die eigene Persönlichkeit und das Umfeld in dem man lebt und arbeitet. Innere Ursachen können beispielsweise unrealistische Ziele sein, die man sich gesteckt hat, oder die Unfähigkeit auch mal Nein zu sagen. Das kann Menschen mit schwachem Selbstbewusstsein treffen, aber ebenso ehrgeizige Perfektionisten.

Doch auch äußere Ursachen nehmen in der heutigen Gesellschaft verstärkt zu. Ob Arbeitsüberlastung, Zeitdruck, fehlende Anerkennung sowie Konflikte mit Vorgesetzten oder Kollegen  – all diese Stresskomponenten erhöhen das Risiko eines Burnouts.

Symptome: Erschöpfung, Depression, Schlaflosigkeit

Typische Symptome sind beispielsweise Erschöpfung, Depressivität, Ruhelosigkeit oder Schlaflosigkeit. Einige Betroffene flüchten sich in Sarkasmus. Doch wie viel Frust und Erschöpfung kann man eigentlich einem Menschen zumuten? „Solche Phasen gehören zum Leben dazu. Normale Prozesse und Lebensweisen werden heutzutage viel zu schnell als Krankheit diagnostiziert“, kritisiert Prof. Wolfgang Schneider. „Früher war es normal auch mal ausgepowert zu sein. Heute werden Gefühle der Anstrengung, das Erleben von Erschöpfung und Überforderung oftmals zu schnell mit der Eigendiagnose eines Burn-Out-Syndroms belegt.“

Trotzdem gilt es bereits bei ersten Anzeichen zu reagieren. In der Anfangsphase genügt es laut Prof. Schneider oftmals schon, eine Veränderung der Lebensgewohnheiten vorzunehmen. Regelmäßige Auszeiten oder Sport können helfen zu entspannen beziehungsweise Abstand zum hektischen Arbeitsalltag zu gewinnen.

Klare Trennung zwischen Privatem und Beruf ist nötig

Dabei spielt die Optimierung der „Work-Life-Balance“ eine entscheidende Rolle, das heißt Arbeit und Privatleben miteinander in Einklang zu bringen. Es sollte zudem geprüft werden, ob man etwas an den Arbeitsbedingungen ändern kann. Ist es beispielsweise möglich, seine Aufgaben zu reduzieren oder die Teamarbeit zu verstärken? „Es ist auf jeden Fall wichtig, eine klare Trennung zwischen Privatem und Beruf herzustellen“, betont der Mediziner. „Wer verlernt hat, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und sich mitten in der Burnout-Spirale befindet, kommt dort nur schwer alleine raus. Wenn man merkt, dass man sein Leben nicht mehr selbst umgestalten kann, muss man sich Hilfe suchen.“

Wurde ein schweres Burnout-Syndrom über einen längeren Zeitraum nicht erkannt, kann das dauerhaft Spuren hinterlassen – bis hin zur vollständigen Invalidität. Das belegen auch Zahlen der Deutschen Rentenversicherung (DRV). Aufgrund von seelischen Störungen werden laut DRV immer mehr Menschen schon weit vor Erreichen der Altersgrenze von 65 Jahren in den Ruhestand verabschiedet. Psychische Erkrankungen stehen bei der Frühverrentung damit noch vor den körperlichen Problemen.

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