Gesundheitsserie:

Teil 8: Demenz

Mit dem Erreichen eines höheren Lebensalters steigt das Risiko, an einer Demenz zu erkranken. Nicht nur ein Schock für die Betroffenen, sondern auch für ihre Familien.

Demenz

Plötzlich streikt das Gedächtnis. Es sind nicht nur Orte, die auf einmal völlig fremd erscheinen, auch Personen oder Namen, die einem einst so vertraut waren, finden in den Gedanken keine klaren Zuordnungen mehr. Das Gehirn will einem nicht mehr gehorchen. Dieser Verfall der geistigen Leistungsfähigkeit gehört oft zu den ersten Anzeichen einer Demenz.

Wissenschaftler sehen einen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit der Demenzerkrankungen und der Altersentwicklung in der Bevölkerung. Menschen leben heute immer länger. Und mit steigender Zahl von Hochbetagten nimmt auch die Zahl der Demenzerkrankten zu. „Bei rund einem Drittel der über 85-Jährigen wird heute eine Demenzerkrankung diagnostiziert“, sagt Chefarzt  Dr. Stefan Schröder vom KMG Klinikum Güstrow. „Die Zahl verdoppelt sich in Fünf-Jahresschritten“, erklärt sein Kollege, Oberarzt Dr. Holger Böhmer. Die häufigste Form ist die Demenz vom Alzheimertyp, deren Ursache bisher noch nicht gefunden wurde.

Andere Demenzerkrankungen können durch Stoffwechsel- und Durchblutungsstörungen sowie übermäßigen Alkoholkonsum oder Bluthochdruck verursacht sein. Verhindern lässt sich eine Demenz nicht. Doch durch körperliche, soziale und geistige Aktivität kann man das Risiko einer Erkrankung verringern.

Symptome: Probleme mit Wortfindung, Konzentration, Orientierung

Zu den Symptomen des Frühstadiums gehören neben Problemen mit dem Kurzzeitgedächtnis auch Schwierigkeiten bei der Wortfindung, Konzentrationsschwächen oder Orientierungsstörungen. Im Krankheitsverlauf verstärken sich diese Anzeichen. Betroffene werden irgendwann Schwierigkeiten mit alltäglichen Handlungen haben, einige werden aggressiv, depressiv oder launisch. Häufig wird die Demenz erst erkannt, wenn die Krankheit bereits in einem mittleren Stadium angelangt ist. „Eine Früherkennung ist aber ganz entscheidend, denn nur dann kann einer Verschlechterung effizient entgegengewirkt werden“, so Stefan Schröder.

Die Demenz-Therapie möchte vor allem erreichen, dass der Erkrankte seinen Alltag möglichst lange selbst bewältigen kann. Auch Medikamente sind ein wichtiger Baustein eines Therapiekonzeptes. „Ursächlich können wir nichts machen, aber wir hoffen die Abnahme der Gehirnfunktion um einige Jahre verzögern zu können“, sagt Böhmer.

Familie fallen Verhaltensänderungen zuerst auf

Bei der Diagnose ist für einen Arzt besonders die Familie wichtig, denn sie kennt die Krankheitsgeschichte und ihr fallen auch Verhaltensänderungen zuerst auf.  Neben einer Untersuchung des Blutes führt ein Arzt auch neuropsychologische Tests durch. Damit sollen der Schweregrad der Vergesslichkeit und andere Hirnfunktionsstörungen beurteilt werden. Eine Computer- oder eine Kernspintomografie können Veränderungen der Gehirnstruktur sichtbar machen.

Alle diese Untersuchungen können ab dem Frühjahr 2013 auch in dem neuen Gerontopsychiatrischen Zentrum in Güstrow vorgenommen werden. Diese Tagesklinik für Alterserkrankungen hat den Vorteil der kurzen Wege, weil alle wichtigen Ärzte unter einem Dach sind.

Demenz für Angehörige oft schlimmer als für Erkrankten

Oft ist die Demenz für Angehörige viel schwerer zu bewältigen als für den Erkrankten selbst. Unterstützung finden Familien in Angehörigengruppen, wie beispielsweise im Güstrower Klinikum. „Gerade viele Angehörige muten sich bei der Pflege häufig viel zu viel zu und werden dann im Verlauf oft depressiv“, weiß Holger Böhmer, der die Gruppe betreut. Sie trifft sich jeden dritten Dienstag im Monat. Eines ist den beiden Ärzten besonders wichtig: „Erkrankte und ihre Familien dürfen sich nicht zurückziehen und zu Hause verstecken. Falsche Scham ist hier absolut nicht angemessen“, betont Schröder.

Übrigens: Nicht immer ist Vergesslichkeit ein Zeichen von Demenz. „Es ist nicht schlimm, dass ich nicht mehr weiß, wo ich meine Brille hingelegt habe“, sagt Schröder. „Bedenklich wird es, wenn ich nicht mehr weiß, dass ich eine Brille habe.“

Wenn sich der Mensch selbst fremd wird

Familie Schneider hat schon die eine oder andere Hürde gemeinsam genommen. Doch die Diagnose Demenz scheint unüberwindbar.

"Wie alt sind Sie?" Er überlegt einen Moment. Dann antwortet er verlegen: "Das weiß ich gerade nicht." Seine Frau hilft ihm: "77. Er ist 77 Jahre alt, genauso wie ich." Achim Schneider* hat Demenz. Vor über drei Jahren erhielt er die Diagnose. Seitdem ist für ihn und seine Familie nichts mehr wie bisher. "Meine Töchter und ich waren damals über seine Fragen schockiert", erinnert sich seine Frau Inge. "So fragte er mich, wo eine bestimmte Straße liegt - dabei ist er dort schon hundertmal langgegangen." Sie wurde stutzig, drängte ihn, zu einem Neurologen zu gehen. Doch dort bestand er alle Tests. Statt einer Demenz-Diagnose gab der Arzt der Ehefrau mit auf den Weg, sie solle etwas entspannter sein, nicht nach etwas suchen, wo nichts ist.

Doch sie blieb hartnäckig, so dass er schließlich von einem anderen Mediziner für zwei Wochen ins Krankenhaus eingewiesen wurde, um dort gründlich untersucht zu werden. Die dortige Diagnose bestätigte ihre Befürchtungen. Ihr Mann hat Demenz, genauer gesagt, ist er an Alzheimer erkrankt. "Er tat sich sehr schwer damit, die Erkrankung zu akzeptieren, auch weil damit klar war, dass er kein Auto mehr fahren konnte", erinnert sie sich. Das Zulassen von Hilfe fällt ihm bis heute nicht leicht. "Ich kann nicht mehr alles alleine, das muss ich einsehen. Trotzdem: Man schämt sich", ringt er nach Worten. "Ich habe auch Angst, meinen klaren Verstand zu verlieren. Oft habe ich das Gefühl nichts mehr wert zu sein." Seine Frau hat Tränen in den Augen, greift nach seiner Hand. Sie möchte ihn stützen, doch ihre Kraft ist beschränkt.

Zwei Krebserkrankungen hat sie bereits überstanden. Nun versucht sie die Kraft zu finden, um ihrem Mann zur Seite zu stehen, so wie in den über 50 Jahren ihrer Ehe. Das ist nicht einfach, trotz der Hilfe ihrer Töchter und Schwiegersöhne. "Er lässt sich nicht gerne etwas sagen", erklärt sie. "Ein Kind lernt dazu, wenn man es nur oft genug wiederholt. Bei einem Demenzkranken klappt das nicht und das muss man erst einmal akzeptieren."

Der Alltag hat sich verändert. Selbst vor kleinen Erledigungen schreibt sie ihm heute einen Zettel, damit er weiß, wo sie ist. Bücher liest er nicht mehr, da sein Gehirn die Handlung nicht speichern kann. Alle acht bis zwölf Wochen gehen sie jetzt ins Klinikum. Bislang sei die Krankheit noch nicht so weit fortgeschritten, wie bei manch anderem.

Obwohl das Ehepaar schon viel mitgemacht hat, wollen sie ihren Optimismus nicht verlieren. "Man muss lernen, das Schicksal anzunehmen", sagt Inge Schneider und ihr Mann fügt hinzu: "Um dann das Beste daraus zu machen." dr

*Namen von der Redaktion geändert
 

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