Gesundheitsserie:

Teil 9: Krank durch Umwelteinflüsse

Die erste Klinikabteilung für Ganzheitliche und Umweltmedizin im uckermärkischen Prenzlau nimmt Donnerstag die ersten Patienten auf. Wir haben sie uns angesehen.

Umwelteinflüsse

 Mittwoch wird  Anke Moser noch einmal die  Kissen aufschütteln. Bettwäsche, Bademäntel und Handtücher  hat sie   mit Spezialwaschmittel selbst gereinigt. Auch die Dienstkleidung für das Personal und die  Kittel für  die Besucher haben  eine  Sonderbehandlung  hinter sich. „Inzwischen habe ich  schon richtig Routine  darin. Um einen Kittel zu  bügeln  und  zusammenzufalten, brauche ich nur noch ein paar Minuten“,  sagt sie  stolz und zeigt auf einen Schrank,  in dem sich die  akkurat gefaltete Wäsche stapelt.

Wenn Donnerstag die ersten Patienten  in die erste deutsche Klinikabteilung  für Ganzheitliche und Umweltmedizin im uckermärkischen  Prenzlau einziehen, ist genau genommen schon seit Wochen alles  bereit zum   Empfang.   Denn offiziell wurde der Fachbereich, der am Kreiskrankenhaus Prenzlau angesiedelt ist, bereits Ende April  eröffnet.  

Krankenversicherungen zahlen stationäre Behandlung nicht

Dass es ein Wagnis sein würde, war allen Beteiligten klar.  Denn die stationäre  Behandlung  von umweltmedizinisch Erkrankten wird  bisher nicht  von den Krankenversicherungen  getragen.  „Wir hatten  schon  nach ganz  kurzer  Zeit  an die  20 Anfragen aus ganz Deutschland“, so Dr.  Uwe Knitter, der als Chefarzt der Fachabteilung  vorsteht. „Aber  immer, wenn  wir  darauf zu sprechen  kamen, dass der Krankenhausaufenthalt  selbst  zu bezahlen  ist, wurde es  kritisch.“  Neben den langwierigen Voruntersuchungen sei auch dies   ein Grund dafür, dass erst  jetzt  die ersten Patienten   einziehen.

Dabei sind  gesundheitliche Beschwerden, die durch Umwelteinflüsse ausgelöst werden, alles andere als  selten:  „Fünf Prozent der europäischen Bevölkerung sind umweltmedizinisch belastet“, weiß Dr. Knitter.   Einer WHO-Studie  vom  Anfang dieses Jahres zufolge  sind  sogar  20 Prozent  aller Krankheiten und  jeder  fünfte  Todesfall  in der Europäischen Union auf Umweltgifte zurückzuführen. Aus diesen Zahlen  schöpft die Geschäftsführung der   GLG Gesellschaft  für  Leben und  Gesundheit mbH, zu der die  Klinik  gehört, auch  die Zuversicht, dass schon  bald alle sechs Betten  kontinuierlich belegt sein werden.

Jahrelange Odyssee durch Arztpraxen nicht selten

Potenzielle Patienten  haben  meist schon eine jahrelange Odyssee durch Arztpraxen  hinter sich.  Sie klagen über Beschwerden wie  chronische Müdigkeit,  tränende Augen,  gereizte Schleimhäute, juckende Haut, allergische Reaktionen, Atemwegsbeschwerden oder Abwehrschwäche.  „Obwohl sie   objektiv  krank sind,  kann kein  Spezialist  eine Diagnose stellen“, beschreibt Dr. Knitter den Leidensweg dieser Menschen.

Worauf sind Sie allergisch? (1:53)

Umweltmediziner richten nach den beschriebenen Problemen ihre Diagnostik aus.    Nach standardisierten Fragebögen  ergründen sie das Lebensumfeld der Patienten, dann folgen  körperliche Untersuchungen und Laboranalytik.

Viele   Auslöser  kommen  für  umweltassoziierte Beschwerden in Frage:  Stress und Lärm, Innenraumschadstoffe und Umweltgifte, Strahlungen und Magnetfelder sind nur einige Beispiele.  „So vielfältig, wie die  Auslöser sind, so unterschiedlich sind auch die Therapieansätze“, erläutert Dr. Knitter.  Längst nicht immer müsse medikamentös  behandelt werden – zumal  oft  Medikamente  die Beschwerden erst auslösten oder verstärkten. Wenn man sie erst einmal erkannt hat,  könne  man beispielsweise die Beschwerden auslösenden Substanzen zu meiden versuchen.  Hilfreich  sei es auch, viel zu trinken – „dadurch wird der Durchsatz erhöht und jede Menge  schädlicher Substanzen aus dem Körper ausgeschwemmt“, so der Mediziner.  Der  könne sich dann unbelastet wieder erholen. Die Darmschleimhaut brauche  zum Beispiel  lediglich  vier Tage, um sich  zu regenerieren, weiß Dr. Knitter, der von Hause her  Internist ist. Auch die Leber habe ein enormes Selbstheilungspotenzial.

Lösungsmittel und  Weichmacher komplett verbannt

Um  für  den (Selbst-)Heilungsprozess  beste  Bedingungen  zu schaffen, wurden in einem Seitenflügel des Prenzlauer Krankenhauses Patientenzimmer, Aufenthalts- und Behandlungsräume nach umweltmedizinischen Gesichtspunkten umgebaut: Lehmwände statt Tapeten, strahlungsarme Elektroinstallationen,  moderne Plattenheizkörper und  eine spezielle Lüftungsanlage   sorgen jetzt für ein gesundes  Raumklima.  Möbel und Textilien wurden unter  umweltmedizinischen Gesichtspunkten ausgewählt,  Lösungsmittel und  Weichmacher komplett  verbannt.  

Der Chefarzt  betont allerdings auch:   „Alle Maßnahmen müssen noch einen   Realitätsbezug haben, wir  können und  wollen  die  Patienten hier nicht unter eine  schadstofffreie Glocke setzen. Unser Ziel ist es, eine  schadstoffarme  Atmosphäre zu schaffen, in der es  dem Patienten besser gehen  soll.“

Schwestern haben Parfümierungs- und Rauchverbot

Ohnehin  könne – und wolle – man niemanden  einsperren.  „Wir haben  hier in Prenzlau so eine saubere Luft und so  viele Wälder und Seen in der Umgebung, dass man einfach gesund werden  muss“,  meint Anke Moser, die  sich ab Donnerstag als Patientenservicekraft bewähren muss und dann auch   therapiebegleitende Angebote unterbreiten wird.

Dass alle, die auf der Station arbeiten wollten, sich schon im Vorfeld das Rauchen abgewöhnen mussten,  war für sie kein Problem – weil sie nicht geraucht hat.  „Einige Schwestern hatten es da schwerer“, weiß Chefarzt Knitter. Trotzdem  würde  sich niemand beschweren – ebenso wenig wie über das Parfümierungsverbot. „Wenn ich  jetzt  Naturkosmetik  ohne Duft- und Konservierungsstoffe benutze, dann ist das doch auch  für mich selbst gut“, meint  Anke Moser.

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