Tagung in Neubrandenburg:

Warum Bindung für Kinder so wichtig ist

Die Initiative „Mütter für Mütter“ veranstaltet am heutigen Freitag eine Tagung in Neubrandenburg. Thema sind misslungene und geglückte Beziehungen von Kindern zu ihren Bezugspersonen. Jörg Döbereiner hat sich im Vorfeld mit einer der Organisatorinnen, Sabine Wüsten, unterhalten.

Sabine Wüsten von „Mütter für Mütter“.
Jörg Döbereiner Sabine Wüsten von „Mütter für Mütter“.

Frau Wüsten, wird in der Öffentlichkeit zu wenig über das Wohl von Kindern geredet?

Nein, es taucht ja immer punktuell auf, wenn Kinder extrem misshandelt werden. Aber es wird zu oberflächlich darüber geredet – weil Kindeswohl ja viel mehr ist als die Abwesenheit von Misshandlungen.

Was gehört dazu?

Wir wünschen uns Kinder, die ins Leben gehen mit einer Grundausstattung an Vertrauen, an Widerstandsfähigkeit, an Lebensfreude, an Entdeckungsfreude, an Verantwortungsfähigkeit – die hat jedes Kind viel früher, als wir das glauben. Und mit der seelischen Gesundheit ist immer auch die physische Gesundheit verbunden. Also wenn Menschen froh sind, wenn sie ihre Aktivitäten leben können und ihre Gaben entdecken können, dann sind sie in der Regel auch gesund.

Ist es heute schwieriger für Kinder gesund aus ihrer Kindheit herauszukommen als früher?

Was schon alarmierend ist, sind die Zahlen der Einschulungsuntersuchungen, nach denen ein Viertel der Kinder aus ihrer Kindheit mit sprachlichen Auffälligkeiten herauskommt. Auch die körperliche Fitness ist stark eingeschränkt. Am anderen Ende stehen Unternehmen, die ihre Latten runterlegen. Ich habe von einem großen Maschinenbauer in der Region gehört, der seine Eingangstests eine Etage niedriger legt, weil die Firma sieht: Sonst kriegen wir gar niemanden mehr.

Inwiefern hängen geistige Fähigkeiten mit Selbstbe­wusstsein und Beziehungs­fähigkeit zusammen?

Bildung geht nur über Bindung. Das weiß man auch über Hirnforschungsergebnisse, dass unser Gehirn Informationen filtert in Abhängigkeit von der Sicherheit, die man in einer Situation empfindet. Wenn das Kind in seinen Bindungen keine Sicherheit empfindet, steigt der Stresspegel. Es kommt zu hormonellen Ausschüttungen, die sich auch nachweislich auf die Merkfähigkeit und Konzentration auswirken. In einer sicheren Situation können Kinder ihre Umgebung untersuchen, wahrnehmen, Informationen aufnehmen. Wenn man aber immer damit beschäftigt ist, zu gucken, ob alles sicher ist, also wenn auch Angst dabei ist, schaltet das Gehirn um. Dann ist da weniger Platz für Kreativität, Aufnehmen von Information, etc.

Eine Gesell­schaft müsste also nicht nur um der Kin­der selbst Willen an deren Wohl Interesse haben – sondern auch aus ökono­mischen Gesichtspunkten?

Auf jeden Fall. Unsere Hoffnung ist, dass auch die Wirtschaft irgendwann begreift – wir können Menschen nicht beliebig ausbeuten und nicht beliebig ihre Zeit fressen. Es macht eben etwas aus, ob Menschen Zeit haben für Beziehungen. Das macht unser Leben aus. Das Recht, Familie leben zu können, ist nach der industriellen Revolution hart erkauft worden. Privatheit ist nicht selbstverständlich. Wenn aber der Stresspegel steigt, leiden Beziehungen.

Was kann die Politik tun?

Sie ist zunächst einmal gefordert, hinzugucken. Alle Psychologen, Mediziner und Bindungsforscher sagen das Gleiche: Es braucht mehr Zeit für Zuwendung und primäre Bindung. Die Botschaft wird aber nicht wahrgenommen. Sie ist einfach unpraktisch.

Soll der Titel ihrer Veran­staltung „Beziehungs­waise? Beziehungsweise!“ andeuten, dass ein Kind auch gestärkt aus schwie­rigen Beziehungen hervor­gehen kann?

Krisen sind immer Chancen. Aber nur dann, wenn man selbst über die Kraft verfügt, sie zu bewältigen. Kinder haben da unheimliche Fähigkeiten.

Was sollten wir tun, damit es für die Kinder ein gutes Ende nimmt?

Wir müssen wie der Deckel auf den Topf passen. Kinder haben ein Bedürfnis nach Zuwendung und Intimität. Und wir müssen ihnen das geben. Eigentlich total simpel.

Die Tagung findet am Freitag und Samstag in Neubranden­burg statt und ist bereits ausgebucht. Weitere Infor­mationen zu Kindeswohl und kindlichen Bindungen gibt die Initiative „Mütter für Mütter“ mit Sitz in Neubran­denburg. Kontakt: 0395 5553052 oder www.muetter-fuer-muetter.de

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