Alltag Depression:

Wenn die Angst das Leben lähmt

Psychische Krankheiten sind für andere meist unsichtbar und somit oft auch unverständlich. Eine junge Frau lebt seit Jahren mit Depressionen und Panik-Attacken. An manchen Tagen traut sie sich nicht nach draußen.

Sie klebt im Hausflur fest. Nach der Türklinke zu greifen, scheint unmöglich. Die Hände flattern. Das Herz wummert, seit sie weiß, dass es hinausgeht. Nach draußen. Zu ihrem Auto sind es keine hundert Schritte. Sie ist unsicher, ob sie es schafft. Die Angst hat Ivonne im Schwitzkasten. Zurück in die Wohnung? Vorwärts zum Auto? Sie muss sich entscheiden. Sobald sie sowas wie ein Schutzschild um sich hat, geht’s ihr besser. An manchen Tagen.

Ivonne, 31, ist eine schmale Frau, die Porzellanhaut der Rothaarigen lässt sie wie ein junges Mädchen aussehen. Seit sie Anfang 20 ist, leidet sie unter Panikattacken. Es hat zwei Jahre bis zur Diagnose gedauert: Depression, Angststörung.

Vorurteile halten sich hartnäckig

Pah, Angststörung, Depression! Eine Hängematte für Schwächlinge! Die müssten sich nur mal zusammenreißen, den Kopf einschalten. Die Vorurteile der selbsternannten Starken gegen psychische Erkrankungen sind hartnäckig. Das gebrochene Bein, das jeder sehen kann, behindert das Gehen. Die Seele in Not, die das Leben behindert, sieht dagegen niemand.

Umfragen der Deutschen Angestelltenkrankenkasse zufolge würden vier von zehn Menschen eine psychische Krankheit vor Chefs und Kollegen verheimlichen. Sich deswegen krankschreiben zu lassen, halten fast 20 Prozent der Befragten für eine übertriebene Schonhaltung.

Bei Ivonne hat der Körper rebelliert, ohne dass der Kopf einen Grund erkennt. Sie steckt in den Abschlussprüfungen zur Hauswirtschafterin, als ihr Cousin bei einem Motorradunfall stirbt. „Ich glaube, dass es danach angefangen hat“, sagt sie.
Noch Monate später fühlt sie sich krank, kraftlos, müde gleich nach dem Aufstehen, traurig ohne Anlass. Sie probiert Hausmittelchen. „Wie man eben so an sich rumdoktert. Was hätte ich dem Arzt schon sagen können? Mir geht es nicht gut?“

Weg zur Familienberatung verschafft Erleichterung

Am 19. Januar 2004 wird es unerträglich. „Ich werde das Datum nie vergessen.“ Sie hat sich endlich mal wieder zu einer Verabredung aufgerafft und sitzt mit einem Bekannten im Restaurant, vor den Fenstern des Tollensesees. Plötzlich bricht ihr der Schweiß aus, ihr Herz überschlägt sich, sie ringt um jeden Atemzug, hat das Gefühl, ihr Brustkorb schrumpfe. Sie flüchtet sich zu ihren Eltern.

Kurz darauf wird ihr der Notarzt raten, ein Glas Wein zu trinken und ins Bett zu gehen. Der Weg führt zu Hausarzt, Kardiologe, HNO – ohne Besserung. Ivonne geht nicht mehr allein aus dem Haus, zu stark die Angst, dass die Panik wieder aufflammt.
Der Weg zur Familienberatungsstelle der Caritas verschafft ihr Erleichterung, sie fühlt sich verstanden. Sie hört von einem angehenden Therapeuten der Caritas, der Jugendliche betreut. Sie fährt von Neubrandenburg nach Neustrelitz, meist in Begleitung. Nur selten schafft sie die Fahrt allein, „hinten rum über die Dörfer.“ Vorausgesetzt, sie traut sich von der Haustür zum Auto. Die Gespräche kreisen um die akuten Probleme und deren Wurzeln in der Vergangenheit.

Tabletten nach langem Hin und Her

Ivonnes Familie ist klein: Vater, Mutter, Kind. Ein sensibles Kind, das mehr Liebe hätte brauchen können, als es bekommt. Außer zu Hause fühlt sich Ivonne nirgendwo sicher. Man sieht es vor sich, das scheue Mädchen, das sich duckt und kaum den Mund aufmacht. Immer auf dem Sprung. „Ich habe mir nie etwas zugetraut“, sagt die erwachsene Ivonne.

Sie hat viel gelernt durch die Gruppentherapie, hat sich belesen und erkannt, dass es ohne professionelle Hilfe nicht geht. Sie wagt den Schritt zum Neurologen Mitte 2005. „Nach langem Hin und Her“ nimmt sie Tabletten, „die geringste Dosis“. Ihr geht es sofort besser. „Ich hatte Glück mit dem Mittel, wenn ich höre, wie viel andere so probieren müssen.“

Verhaltenstherapie, Aufenthalte in der Tagesklinik und auf Station, ehrenamtliche Arbeit in der Küche eines Altenheims, ein Umzug aufs Dorf – Ivonnes Jahre mit der Krankheit haben viel Auf und ebenso viel Ab gesehen. „Ich bin froh, dass ich mir Hilfe holen kann“, sagt sie. „Es gibt genug Angebote.“

Vor einigen Wochen hat sie die Tabletten abgesetzt

An manchen Tagen setzt Ivonne keinen Fuß vor die Tür. An anderen kann sie einer wildfremden Person ihre Geschichte erzählen. Vor einigen Wochen hat sie ihre Tabletten abgesetzt. „Nach so vielen Jahren muss ja mal Schluss sein“, sagt sie und Zweifel schwingen mit, ob sie es schafft „ganz ohne“.

Was wünscht sich eine junge Frau, die seit Jahren krank ist und noch nie richtig arbeiten konnte? „Dass die Krankheit ganz weg wäre“, sagt sie. „Aber besser, ich bleibe bescheiden.“ Mehr Selbstvertrauen wünscht sich Ivonne. Dass sie es schafft, doch einmal richtig mit ihrem Freund zusammenzuleben, unbedingt ein Kind und natürlich Arbeit. Stabilität an mehr als nur manchen Tagen.
 

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