Viele Menschen leiden darunter:

Wie die Angst vor dem Zahnarzt schwindet

Ob nun gebohrt wird oder nicht: Viele Menschen gehen mit schweißnassen Händen zum Zahnarzt. Das liegt meist an schlechten Erfahrungen. Manchen hilft schon eine Absprache mit dem Arzt, aber es gibt auch andere Wege, die zur Entspannung beitragen.

Allein der Anblick von Bohrer und Co. im Zahnarztzimmer versetzt etwa fünf Millionen Menschen in Deutschland in Angst und Schrecken.
Klaus-Dietmar Gabbert Allein der Anblick von Bohrer und Co. im Zahnarztzimmer versetzt etwa fünf Millionen Menschen in Deutschland in Angst und Schrecken.

Mit feuchten Händen tapst man zum Zahnarztstuhl und hat von dort aus freie Sicht auf den Bohrer. Er muss noch nicht mal zum Einsatz kommen – es reicht zu wissen, dass er könnte. „Rund 70 Prozent der Bevölkerung ist es mulmig beim Zahnarzt“, erklärt Zahnarzt Mats Mehrstedt. Wer merkt, dass sein Herz klopft, sollte das seinem Zahnarzt sagen. Reagiert dieser unwirsch oder mit einem vermeintlich lustigen Spruch à la „Das ist doch nur ein kleines Loch“, sollte man sich überlegen, ob das der richtige Arzt ist.

Das gilt auch, wenn der Zahnarzt lapidar darüber hinweggeht, wenn der Patient auch für eine kleine Behandlung eine Betäubung haben möchte. In diesem Fall gilt: Beratung ja, Diskussion nein. Wer sich mit Spritze wohler fühlt, sollte diese auch einfordern, rät Mehrstedt. Aber: „Viele Patienten trauen sich nicht, zu widersprechen.“

Eltern übertragen Angst an Kinder

Patienten sind Kunden, mit denen der Arzt sich zu besprechen und deren Wünsche er zu achten hat, statt zu beschließen, was er will, sagt Mehrstedt. „Ein Patient sollte beim Zahnarzt Ansprüche stellen.“ Außerdem hat niemand das Recht, darüber zu urteilen, ob die Angst vor einer noch so kurzen Behandlung albern ist oder nicht. Auch viele Patienten selbst denken, sie sollten sich nicht so anstellen. Manche sind aber einfach schmerzempfindlicher, manchen macht ein kurzer Schmerz nicht viel aus, andere versetzt er in Panik.

Doch woher kommt die Furcht? Bis Ende der 1980er Jahre war es üblich, Kinder bei einer Zahnarztbehandlung nicht zu betäuben, wie Mehrstedt erklärt. „Dann hat man eingesehen, dass das nicht gut geht.“ So gibt es jetzt viele Menschen, die von klein auf gelernt haben, dass die Behandlung beim Zahnarzt mit Schmerzen verbunden ist. „Angst ist ein normaler Schutzmechanismus vor Gefahr“, sagt Mehrstedt.

„Bei manchen Patienten wurde die Angst auch von den Eltern übertragen, wenn diese schlechte Erfahrungen beim Zahnarzt gemacht haben“, ergänzt Thomas Wolf vom Freien Verband Deutscher Zahnärzte. „Es gibt auch viele Patienten, die nicht wissen, woher ihre Angst rührt.“ Oft ist es auch die Sorge um Kontrollverlust. „Der Mund ist ein Intimbereich“, erklärt Wolf.

Mit einer einfachen Hypnose gegen die Angst

Mehrstedt vereinbart mit seinen Patienten, dass sie die Behandlung mit einem „Aaa“ jederzeit unterbrechen können. Dann stoppt Mehrstedt die Behandlung umgehend. Egal warum der Patient reagiert – sei es, weil ihn in dem Moment die Angst packt oder weil er eine Pause braucht. „Der Patient lernt so, dass er die Kontrolle hat“, sagt Mehrstedt, der die Behandlung erst dann fortsetzt, wenn der Patient wieder so weit ist. Ein solches Vorgehen kann jeder mit seinem Zahnarzt vereinbaren, betont er.

Wolf arbeitet mit Hypnose. „Dies ist eine gesteigerte, fokussierte Aufmerksamkeit“, erklärt Wolf, der auch Mitglied der Deutschen Gesellschaft für zahnärztliche Hypnose ist. Der Arzt bespricht mit dem Patienten, an welchem Ort dieser sich wohlfühlt und bittet ihn, sich Stichwörter zu überlegen, die diesen Ort beschreiben. Bevor es wieder auf den Zahnarztstuhl geht, lässt der Arzt den Patienten sich diesen Ort vorstellen, ihn gedanklich dorthin reisen und nennt immer wieder die Schlüsselbegriffe – ähnlich wie beim Tagträumen oder wenn man in Gedanken versunken ist. Der Wille ist nicht ausgeschaltet, man schläft nicht. „Der Patient fühlt sich entspannt, angenehm wohl“, sagt Wolf.

Für Zahnarzt Michael Leu, der die Deutsche Gesellschaft für Zahnbehandlungsphobie gegründet hat, ist das, was wir unter „Angst“ verstehen, eine „Furcht“. Denn: „Angst ist mehr als ein mulmiges Gefühl, es ist ein unbestimmtes Gefühl der Beklemmung“, erklärt er. Betroffenen bereitet allein der Gedanke an einen Zahnarztbesuch Übelkeit, schlaflose Nächte, Panik-Attacken. Der Deutschen Gesellschaft für Zahnbehandlungsphobie zufolge gibt es in Deutschland etwa fünf Millionen Menschen mit dieser Phobie.

Eine Vollnarkose ist nicht die erste Wahl

Leu behandelt europaweit Menschen mit Zahnbehandlungsphobie, Wolf begleitet Angstpatienten Schritt für Schritt und auch in Zusammenarbeit mit Psychotherapeuten, die die Patienten an eine Behandlung heranführen. Mehrstedt hat sich mit seiner zahnärztlichen Angstambulanz spezialisiert und arbeitet auch mit einem Psychiater zusammen. Wirbt ein Zahnarzt damit, sich mit Angstpatienten auszukennen, sollte er psychologisch geschult sein und nicht nur auf eine Vollnarkose verweisen. Diese ist nur nötig, wenn eine Grundsanierung eines stark maroden Gebisses ansteht oder viele Zähne behandelt werden müssen, sagt Mehrstedt.

Niemand ist mit dieser Furcht auf die Welt gekommen. „Angst ist ein erlerntes Gefühl, durch Erlebnisse, die objektiv nicht schlimm sein mögen, die der Betroffene aber als schlimm empfunden hat“, erklärt Mehrstedt. Und was man einst erlernt hat, kann man auch wieder verlernen, umpolen – mithilfe eines einfühlsamen Zahnarztes. Dann mag der Bohrer immer noch keine Begeisterungsstürme auslösen, aber man betrachtet ihn auch nicht mehr als Inbegriff des Bösen.

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