Sänger der Band Feine Sahne Fischfilet:

Ein Staatsfeind zum Knuddeln

Freiheit und Hoffnung, zwei Worte, die Jan Gorkow groß auf seinem Bein tätowiert hat und für die sich der Jarmener „den Arsch aufreißt“ – nicht nur als Sänger der Band Feine Sahne Fischfilet.

Jan "Monchi" Gorkow hat mit seiner Band schon an vielen bekannten Orten gespielt. Sein großer Traum ist allerdings ein riesiges Konzert in Jarmen.
Susann Moll Jan "Monchi" Gorkow hat mit seiner Band schon an vielen bekannten Orten gespielt. Sein großer Traum ist allerdings ein riesiges Konzert in Jarmen.

Dreieinhalb Monate Tour durch Deutschland und die Schweiz liegen hinter Feine Sahne Fischfilet. Seit Beginn des Jahres hat so ziemlich jede Zeitung, jedes Magazin des Landes über das aktuelle Album „Bleiben oder gehen“ und seine Macher berichtet. Die Anti-Nazi-Band aus der ostdeutschen Provinz mit den wütenden Texten und den Gute-Laune-Trompeten kommt an. Die regelmäßigen Erwähnungen im Verfassungsschutzbericht von MV aufgrund ihrer „explizit anti-staatlichen Haltung“ polarisieren medienwirksam. Alle wollen die Punkrocker aus Vorpommern – auch Die Toten Hosen, für die Jan Gorkow und seine Bandkollegen am 2. Juni im Vorprogramm in Frankfurt (Oder) spielen.

Sogar eine Langzeitdokumentation wird gerade über Feine Sahne Fischfilet gedreht. Charly Hübner, Polizeiruf-Kommissar, Feine-Sahne-Kumpel und gebürtiger Neustrelitzer, führt die Regie. In zwei oder drei Jahren soll der Film mit dem Titel „Wildes Herz kennt keine Ruh“ fertig sein. Spannend: Die Produktion über die vermeintlichen Staatsfeinde wird von der Kulturellen Filmförderung MV mit 30 000 Euro unterstützt.

Erfolg nur schwer zu fassen

Auf der Wasserrutsche am Kiessee in Zarrenthin bei Jarmen sind ausverkaufte Konzerte, Verfassungsschutzberichte und Schlagzeilen ganz fern. Noch reicht die Sonne nicht, um dauerhaft für Wärme zu sorgen. Jan, den alle außer seiner Familie nur Monchi nennen, trägt trotzdem wie so oft Shorts mit FC Hansa Logo und Flip-Flops. Seine Badesachen trocknen in einem Stoffbeutel. Ein leichter Sonnenbrand zeichnet sich auf seinen zahlreichen Tattoos am Unterschenkel ab. Bart Simpson und ein Monchichi links, seine „hammergeilen“ Eltern, FC Hansa und die Worte Freiheit und Hoffnung rechts.

Dass er eben noch mit zwei Redakteuren vom Spiegel durch seinen nahe gelegenen Heimatort spaziert ist, vorbei am Gemeindehaus, der Bushaltestelle und der Tanke, findet der 27-jährige Jarmener ein bisschen „absurd“. Auch der Erfolg der Band, in die ihn Bassist Kay zu Schulzeiten gequatscht hat, ist für den Sohn einer Zahnärztin und eines Bauunternehmers nur schwer zu fassen. „Platz 21?! Völlig megakrass!“, quittiert er knapp die höchste Position von „Bleiben oder gehen“ in den deutschen Albumcharts.

Jugendliche Träume

An einen dauerhaften Hype glaubt der große, gemütlich wirkende Vorpommer nicht. Auch nicht daran, dass Feine Sahne Fischfilet in 30 Jahren die neuen Toten Hosen sind, obwohl das schon „geil“ wäre. Monchis Begründung für den Erfolg: „Wir haben bei den ganzen Festivals wie dem Hurricane oder dem Immergut geil abgeliefert. Wir haben uns echt den Arsch abgespielt und waren viel unterwegs.“

Und trotzdem kann er sich ein ungläubiges Lachen nicht verkneifen, wenn er zurückdenkt an die Zeit, als er und Kay, beide gerade 18, auf den Landstraßen umherfuhren und träumten. „Damals dachten wir, wie geil es wohl wäre, wenigstens zwei Gigs im Jahr außerhalb Meckpomms zu spielen“, erinnert sich der Sänger mit dem herrlich mecklenburgischen Dialekt.

Neue Alben werden zuerst in MV gefeiert

Der Tourplan hat sich ausgeweitet. An 42 Wochenenden im Jahr sind sie unterwegs im ganzen Land. Doch die regelmäßigen Auftritte in der Heimat lassen sich die Feine-Sahne-Jungs nicht nehmen. Jede neue Veröffentlichung wurde bisher in Mecklenburg-Vorpommern mit einem Aktionstag gegen Rechts und einem Konzert gefeiert – eine Selbstverständlichkeit für die sechs Musiker.

Die letzte Release Party gab es im Januar auf der Burg Klempenow. Innerhalb von wenigen Stunden waren die 600 Karten für das Event ausverkauft. Und wieder ging es nicht nur um Musik. „Katharina König ist eine gute Freundin von mir, Thüringer Landtagsabgeordnete und ehemaliges Mitglied im Untersuchungsausschuss zum Nationalsozialistischen Untergrund. Sie hat gemeinsam mit Richard Goldstein einen Vortrag zum bisherigen Stand der Aufklärung des NSU gehalten“, sagt der Wahl-Rostocker. Monchi hält regelmäßig Vorträge zum Thema Rechtsextremismus und hat selbst ein Praktikum beim NSU-Ausschuss in Thüringen gemacht. Sein Fazit: „Wie der Verfassungsschutz der Aufdeckung der NSU-Verbrechen im Weg steht, ist krass und macht Angst. Da ist es eher ein Kompliment, dass mich diese Behörde Scheiße findet.“ Grund genug für ihn und die Band weiter aufzuklären.

Sogar sein Vater rockt richtig

Doch auch für das Feiern sind die Jungs berühmt – und das liegt bei Feine Sahne Fischfilet offensichtlich in den Genen. Beim Konzert in Klempenow habe sich Monchis Vater von den feiernden Zuschauern auf Händen tragen lassen, erzählt er und lacht. „Viele Leute aus Jarmen und Loitz waren auch dabei. Das hat mich schon stolz gemacht“, sagt der bekennende Antifaschist. „Von Kids aus der Region zu hören, dass sie Nazis uncool finden, ist mir mehr wert, als ein Hamburger oder Berliner Publikum, das in seinem linken Wohlfühlkiez antifaschistische Parolen grölt.“

Was er sich in seiner Kindheit gewünscht hätte? „Ich bin halt ein Subkulturtyp. Ich hätte es immer geil gefunden, wenn hier kulturell mehr gegangen wäre. Konzerte hätte ich geil gefunden.“ Die Alternative in Jarmen seien die Bushaltestelle, die Tanke oder die Disco Ageless gewesen. Nichts für Jan. Er ging lieber zur Jungen Gemeinde. „Das war ein Anlaufpunkt, wo man sich treffen konnte, was unternommen hat – und da gab es auch immer schöne Mädchen. Nicht unwesentlich in so einem kleinen Ort“, erinnert sich Monchi und lacht. „Ich hab’ damals freiwillig beim Krippenspiel mitgemacht und fand es super.“ 

Veränderung durch den Erfolg?

Nach Jarmen verschlägt es ihn regelmäßig, ein- oder zweimal im Monat, wenn er seine Familie besucht. Dann ist alles wie immer. Er findet’s „hammergeil“, wenn Leute dort bleiben. Ihn selbst zieht es aber nach ein paar Tagen wieder nach Rostock. Nach dem Abi ging es direkt in die Hansestadt. Im Peter-Weiß-Haus, einem freien Bildungs- und Kulturhaus, hat er sein Freiwilliges Soziales Jahr gemacht, Konzerte veranstaltet und Vorträge organisiert. Wenn er nicht selbst tourt, verdient er so sein Geld. Dauerhaft weiter weg zu gehen und weg zu bleiben, war aber bisher kein Thema für den Punkrocker.

Ob ihn der Erfolg mit der Band verändert hat? „Keine Ahnung, wer verändert sich nicht?“, hält Monchi dagegen. „In meiner Jugend war ich ein echter Fußballproll, ein richtiger Dorfi. Ich bin manchmal immer noch ein Vollidiot. Ein Hippie bin ich aber auch nicht. Ich lieb’ halt die Provokation“, sagt der Hansa-Fan.   

Machen ist wichtiger als Schnacken

Wenn er dann von seinem Engagement für die Aktion „MV für Kobanê“ erzählt, von seiner riesigen Freude über 30 Rollstühle, die ein Pflegeheim aus Schwerin gespendet hat, will man ihm den Vollidioten nicht abnehmen. Bei der nächsten Lieferung von Hilfsgütern für den durch IS-Terror zerstörten und durch Kurden befreiten Ort Kobanê an der syrisch-türkischen Grenze ist er wie schon im Dezember mit dabei. Schnacken kann Monchi zwar auch, aber Machen scheint ihm wichtiger zu sein.

Sein Traum: ein großes Konzert in Jarmen mit vielen befreundeten Bands. Doch bis dahin geht es bei Besuchen in der Heimat vor allem früh nach Haus. „Um 20.15 Uhr wird mit meiner Mutter Fernsehen geguckt“, sagt Monchi und lacht. „Ich feier solche Abende total.“

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