Pflanzen zur Weihnachtszeit:

Christrose, Weihrauch und Mistel

Mit grünen Gehölzen, Blütenschmuck, Früchten, Nüssen, Gewürzen und Düften verbinden die Menschen seit Jahrhunderten zur dunklen Jahreszeit ihre Hoffnungen auf das nächste Frühjahr, auf Gesundheit und Lebenskraft. Der Botanische Garten Greifswald präsentiert jetzt die Pflanzen zur Weihnachtszeit aus aller Welt.

Gärtnerin Ingrid Handt (l.) und Botanikerin Sabrina Rilke präsentieren in einem Greifswalder Gewächshaus die hierzulande typischen Weihnachtspflanzen: Weihnachtsstern, Mistelzweig und Christrose (Foto: Sommer)
Ralph Sommer Gärtnerin Ingrid Handt (l.) und Botanikerin Sabrina Rilke präsentieren in einem Greifswalder Gewächshaus die hierzulande typischen Weihnachtspflanzen: Weihnachtsstern, Mistelzweig und Christrose.

Wer dieser Tage die Gewächshäuser des Botanischen Gartens Greifswald betritt, muss einen buschigen Mistelzweig über dem Hauseingang passieren. Frauen und junge Mädchen – so will es ein uralter Weihnachtsbrauch - dürfen unter dem immergrünen Gewächs geküsst werden. Wieso eigentlich? „Das aus England kommende Ritual geht auf eine Tradition der Kelten zurück“, erklärt Gärtnerin Ingrid Handt. Zu deren Zeit war es Brauch, mit dem Feind Frieden unter einem Mistelzweig zu schließen. Daraus sei später der Kuss unterm Mistelzweig geworden.

Dass Misteln, die heutzutage aus Frankreich importiert und auf Weihnachtsmärkten zum Verkauf angeboten werden, aber auch eine sehr unangenehme, eine Schmarotzer-Seite, haben, erfährt der Besucher bei einem vorweihnachtlichen Rundgang durch die Gewächshäuser des 250-jährigen Gartens. „Die weißen Beeren der Mistel enthalten eine so klebrige Substanz, dass man früher daraus sogar Leim herstellte“, sagt Botanikerin Sabrina Rilke. Eine Plage für die Vögel, deren Schnäbel beim Fressen der Beeren verklebten. Oft wetzten sie sich dann an Ästen neuer Wirtsbäume und bereiteten den schleimigen Samen ein neues Bett zum Keimen.

Seit zehn Jahren laden Handt und Rilke regelmäßig zur Adventszeit in die Gewächshäuser und plaudern mit ihren Gästen über überlieferte Rituale rund um die traditionellen Weihnachtspflanzen. Schon in vorchristlicher Zeit habe man mitten in der dunkelsten Jahreszeit, in den Tagen um die Wintersonnenwende, besondere Gesetze und Bräuche gepflegt, sagt Handt. „Es herrschte Gerichtsfrieden, die Jagd ruhte, im Haushalt durfte weder gebacken noch gewaschen werden, und Haus und Stall wurden mit grünen Zweigen als Hoffnungsträger und Symbol ewiger Lebenskraft geschmückt.“ Wer sein Heim nicht schmückte, dem habe Unheil gedroht. Bis heute halte sich aus jener Zeit das Sprichwort, dass man auf den grünen Zweig kommen müsse.

Wer sich dem weihnachtlichen Botanik-Rundgang anschließt, erhält zunächst einmal praktische Tipps zum Kauf eines Weihnachtsbaumes. Die Expertinnen stellen die aus der Mode gekommene heimische Waldkiefer vor, ebenso wie die Gemeine Fichte, die aktuell so beliebte Blautanne oder eine aus dem Schwarzwald kommende Weißtanne. Die Gäste erfahren, dass sich die Menschen erst sehr viel später ganze Bäume zum Fest in die gute Stube stellten. Den ersten Weihnachtsbaum habe es übrigens im 16. Jahrhundert im Straßburger Münster gegeben, sagt Rilke. Zur Volkstradition sei der Christbaum sogar erst ab Ende des vergangenen Jahrhunderts geworden.

Fast in Vergessenheit gerieten dagegen die Weihnachtskakteen, die zum Beispiel im Astwerk großer Bäume im brasilianischen Dschungel wachsen und hierzulande in der dunklen Jahreszeit blühen. „Als Symbol der Wiederauferstehung gilt die Rose von Jericho“, sagt Handt und zeigt auf eine strohbraun getrocknete Blüte. „Wenn man die auf Weihnachtsmärkten angebotenen Blüten aus Mexiko in Wasser legt, dann saugen sich die toten Blüten noch einmal voll und öffnen sich“. Die echte Rose von Jericho stamme übrigens aus Israel und sei im frühen Mittelalter von Mönchen über die Alpen gebracht worden. Ein stattliches Exemplar wachse im Rostocker Kloster zum Heiligen Kreuz.

Von jeher wurden Weihnachtspflanzen wie der Weihnachtsstern, die Christrose, den Barbara-Zweig, die Rote Winterbeere, die Hülse mit ihren ledrigen Blättern, die immergrüne Eibe, der stachlige Mäusedorn oder zu Trockensternen geflochtenes Stroh als attraktiver Schmuck für die kalte Jahreszeit verwendet. „Weihnachtspflanzen waren und sind aber noch weitaus mehr“, erklärt Rilke. Denn was wäre Weihnachten zum Beispiel ohne Nüsse? Haselnüsse, Walnüsse, Kokosnüsse, Erdnüsse, Pekanüsse gehörten seit jeher auf den Gabentisch, aber auch Esskastanien, Pinienkerne und Mandeln.

Auch viele Früchte sind untrennbar mit Weihnachten verbunden. Kaum bekannt sei zum Beispiel, dass einst rote Äpfel oder Granatäpfel als Weihnachtsschmuck in den Baum gehangen worden seien, lange Zeit vor den heute üblichen Weihnachtskugeln, sagt Handt. Viele Zitrusfrüchte wie die Apfelsine, die Mandarine, die Clementine, die wieder häufig gekaufte Pomelo, die Pampelmuse oder die hierzulande als Pomeranze bekannte Bitter-Orange dürften nicht zum Christfest fehlen. Hinzu kämen unzählige Trockenfrüchte wie Feigen und Datteln, die schon vor Jahrhunderten wichtige Nahrungsquelle im Winter gewesen seien.

Zum Abschluss des einstündigen Rundgangs durch die Gewächshäuser bieten die Organisatoren ihren Gästen noch etwas für die Nase. Weltweit bekannt sind zum Beispiel Myrrhe und Weihrauch, das kirchliche Räucherwerk, das aus einem luftgetrockneten Gummiharz des Weihrauchbaumes gewonnen wird. Zudem bietet die Pflanzenwelt auch viele, für die Weihnachtszeit typische und besonders aromatische Gewürze. Unverzichtbar für die Lebkuchenbäckerei sind zum Beispiel Zutaten wie Ingwer, Zimt, Kardamom, Koriander, Muskat und Sternanis. Und in keinem Glühwein darf Gewürznelke fehlen. Als Stimmungsaufheller in der dunklen Jahreszeit ist Kakao bekannt, die wichtigste Zutat für Schokolade. Ein Kakaobaum wird übrigens ebenso wie ein Vanillestrauch jedes Jahr im Botanischen Garten Greifswald geerntet.

Die Führungen durch Greifswalds Botanischen Garten

Die ersten Gewächse zum Botanischen Garten Greifswald wurden vor genau 250 Jahren gepflanzt. Heute können botanisch Interessierte bekannte, seltene und bedrohte Gewächse aus aller Welt in 16 Gewächshäusern mit 1400 Quadratmetern Fläche sowie im Arboretum besichtigen.

Monatlich einmal laden die Mitarbeiter zu thematischen Führungen durch das Areal ein. In diesem Jahr ging es unter anderem um Heilpflanzen, den „Winterschlaf“ von Pflanzen und um die Weihnachtspflanzen dieser Welt. Für Januar ist ein Vortrag über die Namen der Pflanzen geplant. Im Februar wird in einer Führung die Greifswalder Gehölzsammlung vorgestellt. Darüber hinaus können sich Besuchergruppen für Sonderführungen zu zahlreichen weiteren Themen unter der Telefonnunmer 03834 861172 anmelden. Die Führungen sind in der Regel kostenlos. Spenden für den Erhalt des Gartens sind willkommen.

www.uni-greifswald.de/botgart

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