Franziska Rühle (26) und Michael Hänsch (28) aus Neustrelitz:

In schweren Zeiten zueinander gefunden

Hinter ihnen liegen die schlimmsten und doch auch die schönsten Monate ihres Lebens. Franziska ist sehr krank. Michael kümmerte sich die ganze Zeit voller Liebe um sie, obwohl er sie vor einem Jahr noch nicht mal kannte. Nun wollen sie ihre Liebe krönen.

Franziska Rühle (26) und Michael Hänsch (28) aus Neustrelitz
privat Franziska Rühle (26) und Michael Hänsch (28) aus Neustrelitz

Im März 2016 hat sich mein (Franziskas) ganzes Leben verändert. Ich hatte seit Oktober 2015 langsam stärker werdende Probleme mit dem Laufen und der Bewältigung meines Alltags, und meine Ärztin wusste sich partout nicht mehr zu helfen, wusste nicht, woran es liegen könnte, bis ich im März 2016 zuhause vor den Augen meiner Kinder zusammengebrochen bin. Ich konnte nicht mehr laufen und bei jedem Versuch aufzustehen brach ich immer wieder zusammen.

Im Krankenhaus fand man heraus, dass ich das „Guillain-Barré-Syndrom” habe. In der Regel hat man es einmal und dann nie wieder. Es beginnt mit Schwäche bis hin zu Lähmungserscheinungen in den Beinen, dann in den Armen und dann in den Atmungsorganen. Im April fuhr ich auf Drängen der Ärzte, meiner Familie und meiner Freunde zur Reha. Mir ging es wieder gut! Ich war fast wieder wie ich früher mal war, und auch wenn ich psychisch arg mit der Diagnose zu tun hatte, wollte ich einfach nur die Reha hinter mich bringen und wieder nach Hause fahren zu meinen Kindern und meinen Hunden.

In der Klinik in Plau am See angekommen, hatte ich schon etwas Bammel. Überall nur (für mich als junge Frau) gefühlt über 100-Jährige ... die Freude über die kommenden drei Wochen verging mir auf Schlag. Nachdem das Arztgespräch hinter mich gebracht war und ich mich eingerichtet hatte, wollte ich mich etwas nach draußen setzen.

Und dann stand Michael da – dieser komische Typ in Jogginghose. Irgendwas an ihm hat mich sofort fasziniert. In den kommenden Tagen knüpfte ich die ersten Kontakte, darunter auch mit ihm. Egal über was wir uns unterhielten, wir hatten so viele Ähnlichkeiten, so oft gleiche Vorlieben und Ansichten. Das alles machte mir panische Angst, da ich sowas noch nie erlebt habe.

Die drei Wochen vergingen wie im Fluge. Wir wuchsen zu einer richtigen Clique zusammen, und der Typ mit Jogginghose und Trabi und ich - wir verbrachten fast jede freie Minute miteinander. Wir redeten viel, waren ganz oft unterwegs. Er zeigte mir wundervolle Orte, und irgendwie kamen wir uns auch immer näher. Ich hab mich total verknallt in diesen Menschen. An meinem letzten Abend kamen mir die Tränen, denn ich wollte, dass diese Zeit niemals endet, und doch wollte ich nach Hause zu meinen Kindern.

Micha und ich wussten nicht, was aus uns wird und ob es weiter geht. Wir machten uns aber aus, dass er nachkommen würde zu mir. Um zu schauen, wie es im Alltag ist und ob wir dann immer noch das Gleiche fühlen. Am 28. April 2016 – oh Gott, ich war so aufgeregt – kam Micha zu uns nach Hause, zu mir und meinen Kindern. Ich wollte ihn Gott und der Welt zeigen – diesen wunderbaren Menschen, mit dem ich vom ersten Moment an irgendwie verbunden war.

Wir haben viel unternommen, und es fühlte sich richtig an. So ein Gefühl gibt's eigentlich nur in diesen Hollywoodfilmen, die man nur schauen darf, wenn man in eine Kuscheldecke eingewickelt auf der Couch sitzt, mit einem Kilo Eis und einer Familienpackung Taschentücher. Nach zwei Wochen fühlte ich mich körperlich jedoch wieder schlechter. Ich konnte kaum laufen, und alles war wieder schwer.

Micha brachte mich ins Krankenhaus, und für ihn war es sofort klar, dass er bei mir bleiben würde. Er kümmerte sich um meine Hunde und um meinen Haushalt und besuchte mich fast täglich im Krankenhaus. Die Ärzte sprachen von einem möglichen Schub, der selten sei, aber schon mal vorkommen könne. Micha und ich waren nun vier Wochen zusammen, und ich bin dankbar, dass er da war!

Im Juli ging es wieder schlechter, und er brachte mich wieder ins Krankenhaus. Ich musste zwar wochenlang alle zwei Tage zur Dialyse, mir ging es sowohl körperlich als auch psychisch sehr schlecht, und ich wusste nicht, wie es weiter gehen sollte. Ich fragte Micha, ob er nicht lieber gehen wollen würde? Sich eine normale gesunde Frau suchen wolle und ein normales glückliches Leben führen will? Er weinte und meinte, dass er mit mir glücklich sei und sich ein Leben nur an meiner Seite glücklich vorstellen könne.

Er blieb also und kümmerte sich nach wie vor um alles Mögliche und vor allem um mich. So ein verrückter Hund mit seinen Jogginghosen und seinem Trabi. Er passt einfach in die Welt, und man muss ihn einfach mögen. Er schenkte mir ein Lächeln selbst in sehr düsteren Momenten und machte mein Leben so viel mehr erträglich.

Es folgte eine zweite Reha, auf der mein Zustand leider weiterhin immer schlechter wurde. Ich landete im Rollstuhl und konnte nun nichts mehr wirklich alleine, bis ich am 1. August 2016 wieder ins Krankenhaus kam. Die Ärzte versuchten es mit Cortison, aber mein Zustand verschlechterte sich so stark, dass ich bis zum Hals gelähmt war und nichts mehr konnte.

Meinen 26. Geburtstag am 8. August verbrachte ich im Krankenhaus nur mit meinem Micha an meiner Seite! Ich wollte nicht essen und wollte auch so nicht mehr. Die Ärzte wussten nun nicht mehr weiter und verlegten mich nach Berlin in die Charité zu Spezialisten. Micha blieb nach wie vor an meiner Seite.

Zu der Zeit war ich nervlich so am Ende, dass ich ihn verflucht habe – warum er sich diesen ganzen Stress antut und warum er nach all dem immer noch blieb. In Berlin diagnostizierten die Ärzte die Krankheit „cidp” – die chronische Form vom Guillain-Barré-Syndrom. Es war die Hölle. Sie konnten mir soweit helfen, dass ich meine Arme wieder bewegen konnte und an meinem letzten Abend dort sogar meine ersten zwei Schritte wieder allein machen konnte.

Es war wie ein Wunder! Ich kam nach Hause, wo Micha schon wartete. Er hat mich wie auch schon im Krankenhaus immer gewaschen und angezogen, er hat sich um alles gekümmert, mich die Treppen runter getragen und sich andauernd etwas überlegt, um mir eine Freude zu machen. Er war da in Momenten absoluter Verzweiflung und auch in den schönsten Momenten meines Lebens.

Wir fuhren oft an den See, da fühlte ich mich frei und gut, er war stets darum bemüht, dass es mir gut ging und war zu jeder Zeit besorgt um mich. Er kümmerte sich um mich 24 Stunden 7 Tage die Woche, ohne an sich zu denken und ohne sich zu beschweren. Ich war oft einfach nur genervt von allem, von meinem Leben, oft maulig und habe wegen allem rumgemeckert, und doch hatte er immer ein Lächeln für mich.

Seitdem muss ich nun alle vier Wochen für eine Woche ins Krankenhaus, um meine Medikamente zu kriegen und damit ich weiterhin aufrecht durchs Leben gehen kann. Micha ist geblieben und hat nie an unserer Liebe gezweifelt. Er hat mich getragen und ertragen. Wir sind erst acht Monate zusammen, aber es waren die schwersten und doch schönsten acht Monate in meinem Leben. Ich denke, nur wahre Liebe erträgt so viele Steine auf ihrem Weg ins Glück!

Momentan bin ich zwar wieder recht selbstständig, aber meine ganzen Medikamente machen mir sehr zu schaffen, und auch psychisch hat diese Krankheit sehr tiefe Wunden hinterlassen. Micha kümmert sich um Wohnung, Kinder, Hunde, Haushalt und um mich. Er ist die Liebe meines Lebens, und wenn ich daran denke, was er für uns die letzten acht Monate getan hat, kommen mir die Tränen, denn ich denke, so einen wundervollen Menschen gibt es kein zweites Mal!

Die Krankheit ist das schwerste, das wir beide wohl je erlebt haben und doch war sie ein Geschenk, denn nur durch die CIDP haben wir zusammengefunden und die Liebe unseres Lebens gefunden! Wer weiß, was wir in Zukunft noch durchstehen müssen und welche schweren Wege wir noch gehen müssen? Wir wollen es gemeinsam und kämpfen jeden Tag für ein gemeinsames Leben!

Und das würden wir gerne als Eheleute, denn das Einzige, das uns nun noch mehr verbinden kann, ist der Bund der ewigen Liebe. Es wird mir eine Ehre sein, den Namen des Mannes zu tragen, der mein Höllenleben zu einem erträglicheren Leben gemacht hat, mir gezeigt hat, dass es sich lohnt zu kämpfen und zu leben. Für die Liebe und für meine nun perfekte kleine Familie, die alles andere als perfekt ist. Wir wollen noch 2017 heiraten, weil wir beide den Partner gefunden haben, der unser Leben vollkommen macht und ohne den wir nicht mehr leben möchten!