:

Hütchenspiel mal anders: Hier werden Anfänger zu Profis

VonAnja Rau undAnne-Marie MaaßDas Auto kommt aufglatter Fahrbahn ins Schlingern, ein Hindernis liegt plötzlich auf der Straße – Situationen, die ...

Kupplung und Bremse einfach voll durchtreten – eine schnelle Reaktionszeit und der richtige Wille können bei einer Vollbremsung entscheidend sein. Wird diese Situation nie geübt, reagieren viele Fahrer im Ernstfall zu zaghaft. [KT_CREDIT] FOTOs: Anne-Marie Maaß

VonAnja Rau und
Anne-Marie Maaß

Das Auto kommt auf
glatter Fahrbahn ins Schlingern, ein Hindernis liegt plötzlich auf der Straße – Situationen, die jederzeit im Verkehr passieren können. Beim Fahrsicher- heitstraining können sie geübt werden. Unsere
zwei Reporterinnen probierten es mal aus.

Peenemünde.„Brems‘, komm tritt voll durch... und jetzt gegenlenken, gegenlenken!!!“, knarzt es aus dem Funkgerät. Dennoch, das Heck des Fahrzeuges bricht aus. „Bei uns geht es manchmal etwas rauer zu“, hat Olaf Braun als erstes zu uns gesagt, jetzt wissen wir, was er meint. Dann endlich ruht das Auto, zwar leicht schräg zum eigentlichen Ziel, aber immer hin: alle Hütchen stehen noch. Der Daumen von Olaf Braun geht nach oben.
„Da wo man hinguckt, fährt man auch hin“, erklärt Olaf Braun, einer der Fahr-trainer der Polizeischule in Güstrow, zuvor in seiner kurzen theoretischen Einführung zum Fahrsicherheitstraining.Über 30 Personen sind am Sonnabend nach Peenemünde auf den ehemaligen Flugplatz gekommen.Einige der anwesenden Teilnehmer nicken wissend, andere lauschen gespannt Olaf Brauns Ausführungen. Sie alle wollen heute den Ernstfall proben, so auch wir Reporterinnen des Nordkurier. Einen ganzen Tag lang können wir unter professioneller Anleitung auf dem Gelände des Peenemünder Motorsport Vereins Gefahrenbremsung, Slalomfahren und mehr ausprobieren. Der eigene Pkw, in unserem Fall der Dienstwagen, wird auf mehrere harte Proben gestellt.
Dabei ist der Mensch beim Fahren noch viel wichtiger: „70 Prozent hängen vom Menschen ab, nur 30 Prozent von der Technik“, erklärt Olaf Braun. Nach der theoretischen Einweisung dürfen wir als erstes beweisen, wie gut wir unsere Füße gleichzeitig auf Kupplungs- und Brems-
pedal drücken können. „Bloß nicht von der Bremse lassen, dann überschlägt sich das Auto“, weißt Olaf Braun uns darauf hin. Und das wollen wir ja schließlich nicht. Einfach rauflatschen auf die beiden Pedale geht schon ganz gut, findet auch der Trainer: „Gut gemacht. Bekommst ein Bienchen – aber mit Stachel“, tönt es für unsere Leistung durch das Funkgerät, das jeder Teilnehmer an Bord hat.
Schwieriger wird es dann allerdings bei der Vollbremsung auf der Gleitfläche. Diese simuliert Eis oder Aquaplaning. Da kommen schnell wieder die Worte von Olaf Braun in den Sinn, denn man muss aus dem Seitenfenster schauen, um in Fahrtrichtung zu gucken. Ungewöhnlich, aber es hilft tatsächlich, das Auto beruhigt sich und bleibt bald darauf stehen. Auch Hindernissen auszuweichen, klappt ganz gut. Die richtige Lenkradhaltung ist wichtig, so der Trainer: „Bloß nicht mit den Fingern in das Lenkrad greifen. Die Hände immer nur auflegen. Ein Teilnehmer hat sich mal fast den Finger ausgekugelt und ist dann am Steuer ohnmächtig geworden. Zum Glück hatte er eine taffe Beifahrerin.“
Für das Ernstfall-Training, das regelmäßig vom Landkreis, der Verkehrswacht, der Landespolizeischule und dem Peenemünder Motorsportverein organisiert wird, haben einige Teilnehmer weite Wege auf sich genommen. Autos mit den Kennzeichen MST, VR, VG, OVP etc. reihen sich auf dem Parkplatz aneinander. Familie Schenkel ist über eine Stunde am Sonnabendmorgen aus Ueckermünde angereist. Sie sind mit zwei Pkw gekommen, haben auch ihre beiden Söhne und eine Freundin mit dabei. „Philipp hat gerade seinen Führerschein gemacht. Er nimmt jetzt am begleitenden Fahren teil“, sagt seine Mutter über den 17-Jährigen. Da sei es doch sinnvoll, das Auto richtig kennen zu lernen. „Auch für mich ist es gut“, findet sie, „denn man muss das schon ab und an mal auffrischen.“ Der Herr des Hauses Schenkel kennt sich dagegen besser aus, war schon bei Fahrtrainings dabei.
„Der Bedarf ist da“, sagt Organisatorin Sabine Quandt vom Straßenverkehrsamt. „Auch am Sonntag war der Kurs ausgebucht. Wir sind der einzige Anbieter im Nordosten.“ Denn wie auch wir merken, obwohl wir unsere Führerscheine noch keine zehn Jahre besitzen, Kenntnisse müssen auch beim Autofahren aufgefrischt werden. Unser Highlight des Tages: Slalom rückwärts. Wir haben kurzerhand beschlossen, stolz auf uns zu sein – nur jeweils ein Hütchen musste dran glauben. Da waren wir doch bestimmt nicht die Schlechtesten.
Dass man nie zu alt ist, um etwas für seine eigene Sicherheit und die der anderen Verkehrsteilnehmer zu tun, zeigt sich am Sonntag. Die älteste Teilnehmerin an diesem neunten Trainingswochenende war 82 Jahre alt.

Kontakt zur Redaktion
red-anklam@nordkurier.de