Musikjournalist Linus Volkmann im Interview:

Der Popstar ist tot, lang lebe der Popstar

Sterben gehört zum Leben dazu. Warum aber kamen der Tod von Motörhead-Sänger Lemmy oder David Bowie trotzdem scheinbar überraschend? Anne Breitsprecher sprach mit Musikjournalist Linus Volkmann über den Mythos Popstar – und warum der einfach nicht totzukriegen ist.

Stardustforbowie.be Wenn ein Star zur Ikone wird: Die Sterne, die den Bowie-Blitz ergeben, sind echt, nur das Sternbild ist nicht offiziell. Ein belgischer Sender will David Bowie nach dessen Tod mit dieser Internet-Aktion in den Himmel heben.

Die Tränen um Lemmy und David Bowie sind noch gar nicht getrocknet, da wird mancherorts schon abgezählt, welche großen Stars uns denn noch bleiben. Wird der Verlust von Britney, Pink oder Cro irgendwann auch so eine universelle Trauer auslösen? Eben so, als ob jemand ganz Großes gegangen wäre?

Je älter ein aktiver Vertreter der (Pop-) Kultur wird, desto sakrosankter wird er auch. Zum Schluss bejubelt das Publikum eigentlich bloß noch die bloße Anwesenheit. Sollten also Britney, Pink und Cro ihre künstlerische Arbeit in ein hohes Alter führen, bin ich mir sicher, auch ihr Stellenwert wird dann an ihrem Ende etwas Erhabenes besitzen. Etwas Erhabenes, das man heute noch nicht in ihnen sieht. Man denke nur an Lemmy, den hielt die Welt im Alter des heutigen Cros auch nicht gerade für ein Genie, sofern sie überhaupt von ihm Notiz nahm.

Was macht den Unterschied zwischen Stars von gestern und von heute?

Der besondere Fall bei Bowie und Lemmy war ja, dass sie beides verkörperten. Es waren Künstler der Vergangenheit, mit einer Bedeutung beziehungsweise einer Rolle im Jetzt. Das potenzierte die Anteilnahme natürlich ungeheuerlich.

Mit 16 würde man für alles sterben! Welche Rolle spielt bei der Trauer um Künstler das eigene Alter?

Ich denke, wenn man ganz jung ist, findet man es normaler, dass alte Leute (also alle über 25) sterben. „Hey, Opi hatte sein Leben“, oder so. Wohingegen wenn man selbst schon älter ist, lässt das Sterben von Helden mehr Rückschlüsse auf die eigene Vergänglichkeit zu. Also man beerdigt nicht nur die Person, sondern auch Teile der eigenen Vergangenheit, die man mit ihnen verbindet. Stichwort: Interdependenz. Man stirbt, je älter man ist, immer auch ein Stückchen mit.

Wie viel Schuld haben Journalisten und PR-Leute an der Sterblichkeit und Unsterblichkeit von Stars?

Bei Lemmy und Bowie hatte ich das Gefühl, dass die Potenz dieser Trauer nicht von PR oder Journaille stammte, sondern durch das ja noch recht junge Phänomen Social Media auf ganz neue Ebenen der Hysterie gehoben wurde. Befremdlicher Effekt, da er so etwas Unwirkliches besitzt – und in seiner wellenförmigen Anmutung auch ein wenig fahrig rüberkommt. Bisschen das Prinzip Heuern und Feuern – nur eben in Bezug auf einst sehr persönliche Gefühle.

Ulkige Sache, wenn man bei Google Popstar und Mythos eingibt, findet man Links zu Edith Piaf und Wandtattoos. Beides nicht wahnsinnig aktuell. Hat der Popstar-Mythos ausgedient?

Dein Google-Profil hat dich anhand deines Suchverhaltens ja längst kartografiert und filtert die Ergebnisse auf deine Eingaben so, wie es denkt, dass es auf dich (und die anhängige werbetreibende Industrie) passt. Insofern sollte man sich eher fragen, was für ein schräges Google-Verhalten deinerseits hat den Algorithmus dazu gebracht zu glauben, deine Leidenschaft brennt für Wandtattoos und Edith Piaf?

Welche Links werden denn bei dir ausgespuckt, wenn du „Mythos“ und „Popstar“ suchst?

Also, ich bekomme „Mythos Rommel“ und „Die Geschichte der Band Bro’Sis“. Google hält mich für eine Art Trash-TV schauenden Nazi.

Meinen wir zu viel über die Stars von heute zu wissen? Hat Star-Sein und Mythos nicht auch was mit Unerreichbarkeit zu tun?

Mythos entsteht durch Verklärung und das Nicht-Wissen. Dieser Umstand findet sich natürlich unterhöhlt von Künstlern, die sich selbst völlig preisgeben im Internet. Den gläsernen Star kann es noch geben, den gläsernen Mythos eher nicht. Dennoch glaube ich, dass vieles rätselhaft bleibt – auch in dieser neuen Welt. Zum Beispiel folge ich Miley Cyrus auf Instagram. Jeden Tag postet sie die unmöglichsten Selfies, die abgefucktesten beziehungsweise irritierendsten Dinge. Aus diesem Overkill an codierter Selbstinszenierung ergibt sich aber mitnichten eine Künstlerin, von der man alles schon zu wissen glaubt. Viel eher nährt es ihren Mythos (zumindest gerade) larger than life zu sein. Insofern: Mythen halte ich trotz neuer Medien für weiterhin existent.

Dennoch: Social Media killed the „Mega Star“?

In gewisser Weise empfinde ich auch die halb doofen Tweets von Ashton Kutcher oder die langweiligen Instagram-Fotos von Lady Gaga als Banalisierung der Stars. Ein wenig Unerreichbarkeit oder zumindest eine gewisse Undeutbarkeit sollte man sich als Mega-Star erhalten.

Sind Popstars für die Fans tot mehr wert?

Klingt als Frage schon etwas zynisch, aber führt in die richtige Richtung. Sterben ist immer noch die beste Promo. Bowies neues Album hätte mit keinem PR-Stunt der Welt auch nur annähernd soviel Platten verkauft wie durch seinen Tod. Der Tod besitzt einfach etwas wahnsinnig Authentisches. Und darauf stehen die Leute.

Der Germanist und langjährige Musikjournalist Linus Volkmann kennt sich aus mit dem Popgeschäft. Der 42-Jährige war stellvertretender Chefredakteur des Musik- und Lifestyle-Magazins „Intro“, für das er in seiner eigenen Rubrik „Kurzen Prozess“ mit neuen Platten macht. Der gebürtige Frankfurter spielt selbst in der Band Bum Khun Cha Youth und resümiert auch für den TV-Sender Arte regelmäßig in einer Videokolumne „Pop und andere Katastrophen“. Wenn er sich nicht gerade mit Musik auseinandersetzt, schreibt er humorige Bücher, u. a. „Lies die Biber“ oder „Jeder Freund ist anders“. Damit war er auch schon in Neustrelitz beim Immergut Festival zu Gast. ab

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