Punkrocker schreiben Stadtgeschichte:

„Digger, das is Anklam!“

Feine Sahne Fischfilet, Marteria und Campino überraschen Anklam und mehr als 2000 Mecklenburger und Vorpommern drehen durch vor lauter Euphorie. Ein Erlebnisbericht.

Anne-Marie Maaß Anklam feiert Marteria nicht mit lila Wolken sondern mit gelben.

Verfügbare Parkplätze, ein paar schlendernde Menschen, fließender Verkehr am Marienkirchplatz – kurz vor sieben und nichts zu spüren von dem angekündigten Großevent, das doch Stunden zuvor für große Aufregung im Netz und bei den Behörden gesorgt hat. Feine Sahne Fischfilet hatten im Zuge ihrer „Noch nicht komplett im Arsch“-Kampagne auf den Vorplatz des Demokratiebahnhofs in Anklam geladen. Neben einer Lesung von Patrick Gensing sollte auch kein Geringerer als Mister, Mister Marteria ein Konzert gegen den Rechtsruck im Land geben – und das für lau. Kann man schon mal ein bisschen Action erwarten.

 

Ein Kombi aus Stralsund rollt vor und spuckt eine Musterfamilie aus: Mutter, Vater, Teenie-Tochter, jüngerer Sohn. „Ich weiß jetzt, wo der Bahnhof ist“, ruft die Mutter während sie auf ihr Handy guckt. Jedes Kind bekommt noch schnell eine Nektarine für den Weg und dann kann das Abenteuer „Noch nicht komplett im Arsch“ offensichtlich losgehen. Mit jedem Meter wird der Weg Richtung Bahnhof eindeutiger. Immer mehr Kids mit Feine-Sahne-Turnbeuteln bevölkern die Bürgersteige, die sonst vielleicht schon längst hochgeklappt wären. Aber auch Menschen, die mit Vorpommern-Punkrock und alternativen Jugendzentren sonst eher nichts zu tun haben, scheinen das gleiche Ziel ins Navi eingegeben zu haben. Marteria zieht. Nur für eine Handvoll Gestalten in einem Döner-Laden scheint an diesem Tag nichts anders zu sein als sonst. Etwas müde schauen sie auf die Straße. So schnell werden die sich nicht aufmachen. Genauso wenig, wie die Grillgesellschaft, die sich an der NPD-Zentrale nahe des Bahnhofs eingefunden hat. Zumindest die Feiertagsbeflaggung hat es an die Fassade geschafft. Schließlich ist diese Party eine Party auch gegen sie. Da heißt es Haltung wahren und böse gucken.

 

Feiertagsbeflaggung bei den Nachbarn

 

Wenige hundert Meter weiter läuft das Kontrastprogramm: heitere Feierei. Hunderte Leute haben sich versammelt und es werden immer mehr. In der Menge wird munkelt, dass die Polizei von über 2000 Menschen ausgeht und das auf einem Platz der dafür nicht geeignet ist. Beunruhigung vs. Freude. Ein Kampf, aus dem die Freude schnell als Gewinner hervorgeht. Die Menge ist bunt, entspannt und aus dem ganzen Bundesland angereist, um zu zeigen, dass sie heute nicht bei den rechten Nachbarn grillen wollen.

 

Jan „Monchi“ Gorkow schlendert um den spartanisch eingerichteten Bühnenwagen, an dem seine Bandkollegen das Geschehen lächelnd beobachten. Der Herr trägt Jutebeutel zur kurzen Sporthose. Gleich daneben scheint Campino die Stimmung in sich aufzusaugen. Der war zwar nicht angekündigt, darf aber natürlich an so einem Abend auch gern mitmachen. Wenn schon legendär, dann richtig. Lässig erfüllen die beiden jeden Selfiewunsch und sehen die Menge zufrieden wachsen. Gibt es sie also wirklich, die berühmten Stars zum Anfassen – und das in Anklam. Bekloppt.

 

Faust hoch! Schuh hoch!

 

Gegen halb acht ist Showtime. „Digger, das is Anklam! Wir sind hier nicht irgendwo in Kreuzberg oder in irgendso'nem Zeckenviertel, sondern in Anklam“, erklärt Monchi, warum dieser Abend für ihn keine Selbstverständlichkeit ist. „Die Drecksnazis, die sind auch morgen und übermorgen noch da, aber das heute gehört all den geilen Leuten. Wir freuen uns 'nen Arsch ab, Digger. Marteria, rock dat Ding hier richtig wech, Alder.“ Zum Marsimoto-Song „Der Nazi und das Gras“ übernimmt Marteria die Meute und legt mit „Endboss“ gleich mal einen seiner größten Hits sauber vor der Menge ab. Die bedankt sich auf ihre Weise. Tanzen, schwitzen, Faust hoch, Schuh hoch, Hände hoch – Song für Song wird die ganze Mitmach-Choreo durchgeturnt. Ein Lächeln jagt das nächste und entwickelt sich bei Publikum, Veranstalter und Stargast zu echter Euphorie.

 

Da lässt sich Marteria nicht lange bitten und haut auch gleich noch den zwei Tage alten Song „Elfenbein“ an die Anklamer raus. Ist ja schließlich auch sein einziges Konzert in diesem Jahr. Da kann man's sich mal hart gönnen. Der Setlist fehlt nichts, nicht die „Lila Wolken“, nicht der „Bengalische Tiger“ und angesichts dieses Ereignisses auch nicht die „Welt der Wunder“. Wie ein Wunder kommt einem die ganze Sache dann aber doch immer wieder vor. Da steht Marteria in Anklam auf dem Bahnhofsvorplatz und gibt ein Konzert. Schon ein Gig von Feine Sahne Fischfilet wäre ein echtes Ding gewesen. Ach, und Campino ist ja auch noch da. Es sind wohl nur Tage wie diese, wo einem, dann - während man in diesem Gedankenkarussell unterwegs ist - plötzlich noch die Nachbarin aus dem eine Stunde entfernten Wohnort „Ist das nicht geil“ schreiend Weise vor die Füße springt.

 

#anklam #nochnichtkomplettimarsch

 

Nein, in Mecklenburg-Vorpommern ist man offensichtlich noch nicht komplett im Arsch. Unplugged, inklusive Feestyle-Rap aus Rostock und Support aus Düsseldorf sorgen Feine Sahne & Co. zum Showdown noch einmal für Gänsehaut mit dem Song zur Kampagne. Die Menge lässt sich nicht lange bitte und stimmt grölend mit ein. Ja, an diesem Abend sind da ziemlich viele geile Leute auf dem Bahnhofsvorplatz in Anklam. Ein Gefühl, das geteilt werden muss. Auch lange nachdem Marteria, Campino und Monchi halb nackt über die Menge getragen wurden und der Rostocker Rapper immer wieder die letzten 20 Sekunden seines Auftritts ankündigte, um dann doch noch einen nachzulegen. So häufig wie in dieser Nacht wird der Hashtag #anklam vermutlich noch nie bei Facebook und Instagram vergeben worden sein. Wer dabei war, will davon berichten. Wer es verpasst hat, ärgert sich dämlich und wundert sich vermutlich gleichzeitig über das sonst eher ungewöhnliche Bedauern, nicht in Anklam gewesen zu sein. Auf dem Heimweg auf finsteren einsamen Landstraßen lässt sich das Erlebte noch gar nicht richtig verarbeiten. Was aber während der dunklen Fahrt bleibt, ist die Euphorie und die Gewissheit, dass es allen Zeugen dieses besonderen Abends auch so geht.

 

Ob der Rechtsruck im Land durch ein Rap-Konzert und eine Kampagne von Punkrockern verhindert werden kann? Vielleicht nicht. Aber 2000 Leute haben gesehen, was sich alles in Mecklenburg-Vorpommern bewegen lässt – sogar in Anklam, Digger.

 

Nordkurier: Samsung Galaxy Tablet ohne Anzahlung