Danube's Banks im Interview:

Gypsy Swing mit Bela B. im Nazidorf

Es muss nicht immer Punk sein, auch nicht bei "Jamel rockt den Förster". Bela B. hat beim Festival gegen Rechts auf Gypsy Swing und Klezmer gesetzt. Ein gutes Statement. Lorenz Schmidt, der Drummer von Belas neuer Band Danube's Banks, erklärt im Interview warum.

Axel Heimken In Jamel rockten Bela B. und Danube's Banks erst zum zweiten Mal gemeinsam eine Bühne. Das letzte Mal wird es aber nicht gewesen sein.

Ihr habt zusammen mit Bela B. in Jamel den Förster gerockt. Wie ist da das Befinden eine Woche danach?

Lorenz: Nach so einem Wochenende sind wir natürlich alle etwas k.o. Dass wir am Freitagabend in Jamel zusammen mit Bela aufgetreten sind, ist für uns eine große Sache. Nach dem Debütkonzert im April beim Stereopark Festival in Lübeck war „Jamel Rockt Den Förster“ der zweite Auftritt mit diesem gemeinsamen Projekt. Daher haben wir uns vor dem Konzert mehrere Tage im Proberaum auf St. Pauli eingeschlossen und geprobt.

Am Samstag haben wir dann noch ohne Bela in Hamburg-Barmbek bei einem Swing-Open-Air gespielt. Deshalb waren wir das ganze Wochenende unterwegs und haben viel erlebt. Jetzt erholen wir uns von den Eindrücken und freuen uns über das Erlebte.

 

Seid ihr schon einmal in Mecklenburg-Vorpommern gewesen?

Lorenz: Der Großteil der Band kommt aus dem Hamburger Raum, nach Mecklenburg-Vorpommern ist es nicht weit. Wir waren da schon öfters unterwegs. Freunde von uns haben in Rostock, Greifswald und auf Usedom studiert. Mit der Band haben wir u.a. schon auf dem Ahrenshooper Jazzfest und mit dem „Electro Swing Club“ in Rostock gespielt.

 

Hattet ihr von Jamel vorher schon gehört?

Lorenz: Ja, es gab vor einiger Zeit ja diese krasse Doku von Michel Abdollahi über das Dorf. Über diese Doku haben wir viel gesprochen. Als Bela uns gefragt hat, ob wir auf dem Forstrock spielen wollen, haben wir sofort zugesagt. Für uns ist es wichtig solche Initativen zu unterstützen. Unsere Musik ist Gypsy Swing und Klezmer. Dieser Stil wurde unter anderem von Django Reinhardt, einem Sinti-Gitarristen erfunden. Sinti und Roma wurden im Dritten Reich massiv verfolgt und ermordet und auch heute noch werden sie in vielen Teilen Europas stark diskriminiert.

Wir finden es toll, wie sich die Familie Lohmeyer dafür einsetzt, dass Nazis nicht ungehindert ein ganzes Dorf vereinnahmen können. Wir haben großen Respekt vor ihrem Engagement.

 

Wie war es, in ein Dorf zu fahren, das einige Einwohner als "National befreite Zone" ausgeben? Wie viel hat man davon als Künstler mitbekommen? Schlendert man da nach dem Soundcheck noch eine Runde durchs Dorf? Was waren eure bleibendsten Eindrücke?

Lorenz: Nein, die Runde durchs Dorf haben wir uns gespart, wie übrigens die meisten Gäste und Musiker. Die Künstler und die Festivalbesucher sind vor Ort um gemeinsam ein Fest für Toleranz zu feiern. Es geht nicht darum zu provozieren.

Aber die beschämenden Berühmtheiten: den „Braunau-am-Inn“-Wegweiser, die schwarz-weiß-rote Flagge des Deutschen Reichs und das „arische Wandgemälde“ sieht man auch so. Das gesamte Areal ist tatsächlich nur wenige 100 Meter groß, was auch dazu führt, dass die Nachbarn zwangsläufig alles mithören.

Auch deshalb war es für uns eine schöne Sache Gypsy Swing und Klezmer in Jamel zu spielen. Diese Musik wurde im Dritten Reich als entartet beschimpft und z.T. verboten. Und diese Musik jetzt hier zu spielen - an einem herrlichen Sommertag, vor 1.200 ausgelassenen und friedlichen Festival-Gästen - war ein ausgesprochen gutes Gefühl.

 

Im vergangenen Jahr haben Die Toten Hosen das Festival des Ehepaars Lohmeyers mit einem Überraschungsbesuch geadelt, in diesem Jahr waren es Die Ärzte, Madsen, Fettes Brot und viele mehr. Wie besonders war es für euch mit auf der Bühne in Jamel zu stehen?

Lorenz: Mit Bela auf der Bühne zu stehen macht großen Spaß. Er ist ein toller Musiker, hat einen unfassbaren Erfahrungsschatz und ein super Gespür für das Publikum. Aber auch die gemeinsamen Proben sind sehr erfrischend.

 

Bela B. pflegt was seine Begleitbands angeht eher offene Beziehungen. Da wären Die Ärzte, Smokestack Lightning, LOS Helmstedt - und nun ihr. Wie hat es bei euch gefunkt?

Lorenz: Unser Klarinetteist Jonathan hat Bela bei einer Theater-Produktion am Schauspielhaus kennengelernt und ihn dann im letzten Sommer zu einem Konzert eingeladen. Wir spielten im Zirkuszelt im Schanzenpark in Hamburg, es war ein tolles Konzert und danach hatte er die Idee, dass es doch cool wäre Bela B.-Songs in unseren Gypsy/Balkan-Stil zu übersetzen und damit aufzutreten. Wir haben das zuerst mit vier Liedern ausprobiert, die wir aus seinem Repertoire genommen und neu arrangiert haben. Es hat direkt gut funktioniert, seine Stimme passt super zu unserer Musik. In einem halben Jahr Arbeit ist daraus dann ein komplettes Bühnenprogramm geworden - inklusive zweier Neukompositionen.

 

Ist auch eine gemeinsame Platte geplant?

Lorenz: Wir lassen das auf uns zukommen. Aktuell proben wir gerade neue, eigene Songs ein, die wir im Herbst aufnehmen und im März 2017 dann als neue „Danube’s Banks“-CD veröffentlichen (Release-Party ist am 03.03.17 in der Fabrik ;))

Und parallel treiben wir das Projekt mit Bela voran und schauen mal, wo es uns hinführt.

 

Ich habe gehört, dass es da auch noch den Traum von einer Swing-Version des Fettes-Brot-Songs "Jein" gibt. Habt ihr in Jamel gleich Nägel mit Köpfen gemacht und den Jungs ein Okay abgerungen oder gab es am Ende gar ein Jein?

Lorenz: Jein ist ein tolles Lied, aber es war ein einmaliger Live-Gag von uns. Wir haben den Song in der Anfangszeit unserer Band manchmal beim Straßenmusik machen als Zugabe gespielt, und deshalb konnten wir den so spontan in unser Set integrieren.

Jamel rockt den Förster: Bereits zum zehnten Mal fand in diesem Jahr das nicht-kommerzielle, ehrenamtlich organisierte Musikfestival „Jamel rockt den Förster“ statt. Hochkarätige Bands wie Fettes Brot, Madsen, Turbostaat oder Sookee traten unter dem Motto „Rockmusik für Demokratie und Toleranz“ in dem Dorf Jamel auf, das von Neonazis gezielt als „nationalsozialistisches Musterdorf“ besiedelt worden ist. Etwa 1.200 Besucher demonstrieren, dass das Dorf Jamel keineswegs in rechtsextremer Hand und Nordwestmecklenburg ein vitaler Ort kulturellen Lebens ist. Nachdem Die Toten Hosen 2015 mit ihrem Überraschungsauftritt in Jamel für eine Sensation sorgten, ließen sich in diesem Jahr keine Geringeren als Die Ärzte zu einer Performance von "Schrei nach Liebe" blicken.

www.forstrock.de

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