Fragen an Drangsal:

Musik aus Langeweile

Max Gruber ist 22 Jahre alt, kommt aus Herxheim in der Pfalz und mischt als Drangsal mit seinem Album „Harieschaim“ die Charts auf. Seine Musik klingt, als wäre sie älter als er selbst und im Video zu „Allan Align“ knutscht er mit Jenny Elvers. Gruber kommt am 28.Mai zum Immergut Festival nach Neustrelitz. Anne Breitsprecher hat seine Art von Humor im Interview kennengelernt.

Jim Rakete Den Bandnamen „Drangsal“ hat Max Gruber vom Bestatter aus dem Nachbarort. In die Musik hat ihn die Pfalz getrieben – aus Mangel an Möglichkeiten.

Wie würdest du der Omi oder dem Opi aus Tützpatz erklären, was du für Musik machst – ohne zu singen.

Moderne, an alte Zeiten angelehnte, treibende Musik, so würde ich das sagen. Vielleicht würden sie es so verstehen.
 

Deine eigene Oma, was sagt die zu deiner Musik? War sie schon mal auf einem deiner Konzerte?

Auf einem Konzert nicht, dafür ist sie mittlerweile leider ein bisschen zu alt. Sie war auf drei Udo-Jürgens-Konzerten, als sie noch jünger war. Aber sie kennt meine Musik und weiß, was ich mache. Ich bin meiner Familie sehr verbunden, insbesondere meiner Oma und meiner Mum.
 

Aber mag deine Oma auch, was du machst?

Ja, voll, andererseits sie findet es auch scheiße, dass ich zum Beispiel tätowiert bin. Aber sie akzeptiert es halt, weil sie eh nichts daran ändern kann.
 

Als ich das erste Mal Songs von dir gehört habe, hatte ich sofort das Gefühl, das muss ein Klassiker aus den 80ern sein. Ist das ein Kompliment für dich oder siehst du das eher als Beleidigung an?

Nein, oh Gott, das wäre ja ganz schlimm, wenn ich das als Beleidigung ansehen würde. Ich finde das cool.
 

Siehst du deine Songs als Hommage an die Zeit und den Zeitgeist der Eighties?

Voll, aber weißt du, die Leute wünschen sich, dass ich in meinem Keller sitze und ein weißes Rüschenhemd anhabe und den ganzen Tag The Cure höre. Aber die Songs von meinem Album sind auch schon wieder dreieinhalb Jahre alt. Und das, was ich gerade mache, ist vielleicht auch schon wieder weiter davon entfernt. Ganz, ganz langsam muss ich bei der Frage nach diesem 80er-Ding tief Luft holen. Aber das hab ich mir ja selbst eingebrockt.
 

Du bist in Herxheim aufgewachsen. So richtig viel los scheint da nicht gewesen zu sein. Wie wichtig war die ländliche Langeweile für deine Kunst?

Ich glaube, ländliche Langeweile hat mich in die Musik getrieben. Weil, wenn du da nichts machst, spielst du halt entweder Fußball oder du zündest Asylheime an. Musik war mir da dann doch die bessere Variante.
 

Gab es bei dir in der Pfalz kulturelle Leuchttürme, die ein Anker für dich waren? Bei uns gibt es die Fusion, das Immergut ...

Wir haben mal auf der Fusion gespielt. Boah ey, da würde ich nie wieder hingehen. Ich hasse die Leute, die da sind und ich hasse die Feier- und die Ravekultur. Jedenfalls hatte ich da ganz schlechte Laune. Nein, bei uns gibt es nichts, außer Weinfeste und dergleichen. Also, wenn du Bock hast, irgendwohin zu gehen, musst du warten, bis irgendwer einen Führerschein hat. Ich hab immer noch keinen.
 

Du hast gesagt, dass Unzufriedenheit ein großer Antrieb für dich beim Songschreiben ist. Dein Debütalbum ist auf Anhieb auf Platz 29 der Albumcharts gelandet. Du bist Thema in vielen Musikzeitschriften. Eigentlich läuft es doch bei dir. Was sind Dinge, die dich aktuell noch unzufrieden machen?

Ist das ein Vorwurf? (lacht)
 

Überhaupt nicht. Aber ein bisschen stellt sich mir die Frage, was du machst, wenn dein Antrieb fehlt?

Der wird nicht fehlen. Ich hab den Antrieb, immer einen noch besseren Song zu schreiben. Ob das Album jetzt gut läuft oder nicht, die Mucke läuft weiter. Muss. Irgendwas muss ja raus – aus einer inneren Unzufriedenheit, wenn man in den Spiegel guckt oder wenn man sich sprechen hört. Es gibt ja Leute, die stehen auf der Bühne vor vielen Menschen und die wünschen sich trotzdem nichts sehnlicher, als sich in den Kopf zu schießen. Ich suche regelrecht nach Dingen, die mich so aufreiben, um sie umzuwandeln in einen schönen Song. Und diese Art hab ich jetzt seit 22 Jahren. Es wäre schwieriger, mir das abzugewöhnen, als einfach weiterhin Songs draus zu basteln.
 

Das lässt hoffen.

Ja, ich bin hier auch schon fleißig am Schreiben für das zweite Album und das wird ganz, ganz anders und die Leute werden es hassen (lacht). Die ganzen Post-Punk-, 80er-Freaks werden damit nicht mehr ganz so viel anfangen können.
 

Du scheinst gerne zu provozieren. Damit findet die Presse natürlich auch super. Journalisten haben eine absolute Freude daran...
… mich zu fragen, was ich Kacke finde.

 

Richtig. Und man hört dir beim Austeilen auch gerne zu. Aber wird das nicht langsam langweilig? Nervt dich das noch nicht?
Die Leute haben Bock auf Beef. Aber das ist okay. Vielen stößt das aber auch sauer auf. Ich hatte erst gestern eine ganz, ganz lange Diskussion mit jemandem, der das sehr ätzend findet, dass ich meine Meinung sage... husthusthustKRAFTKLUBhusthusthust

 

Dass du von Isolation Berlin nicht so viel hältst, hast du ja nun auch schon einmal ganz deutlich gemacht. Hast du Angst davor, beim Immergut auf die Herren zu treffen?
Nee, die spielen ja auch an einem anderen Tag. Auf dem Melt spielen die direkt nach uns. Dann sieht und ignoriert man sich einfach. Und wenn‘s hart auf hart kommt, dann gibt’s halt aufs Maul. So isses halt. Ich bin jähzornig.

 

Dann muss es auch manchmal raus. Hast du da eine Methode für dich?
Musik hören oder machen oder schlafen.

 

Es gibt überall diese Radiosender, die einem das Beste der 80er, 90er und 2000er versprechen. Bei welchen 80er-Song würdest du immer laut aufdrehen und mitsingen, wenn der bei so einem Sender laufen würde?
Oh, da gibt es aber viele.

 

Mir reichen drei.
Prefab Sproud mit „The King of Rock‘n‘Roll“ – da würde ich ausrasten, wenn der mal wieder im Radio käme. „Like a prayer“ von Madonna und „For whom the bell tolls“ von Metallica. Ich lieb Metallica über alles. Einen Metallica-Songs spielen wir beim Immergut auf jeden Fall auch.

 

Wolltest du Jenny Elvers schon immer küssen oder war das die Idee der Plattenfirma?

Nee, war die Idee vom Regisseur. Fand ich gut, hab ich gemacht.
 

Welchen Promi hättest du denn lieber geküsst?

Domian, ohne Scheiß. Domian hätte ich gerne in einem Video dabei, aber ich habe das Gefühl, da läuft man gegen Wände.
 

Du warst also schon einmal in MV. Worauf freust du dich bei deinem Immergut-Besuch?

Ich bin schon einmal durch Mecklenburg-Vorpommern gefahren. Man sieht ja leider aber echt selten was von den Orten, in denen man auftritt. Ich glaube aber, das wird schön. Vielleicht können wir das Schweriner Schloss sehen oder daran vorbeifahren. Aber ich glaube, ich war noch nicht so richtig da. Ihr habt ja so Kreidefelsen, die sind sehr schön. Vom Immergut hab ich auch nur Gutes gehört.
 

Sie sind also erst einmal positiv gestimmt?

Ja, immer. Aber eigentlich ist das gelogen. Besonders kurz vor Konzerten ist meine Laune immer im Arsch.
 

Warum? Hast du Angst?

Nee, das ist einfach so ein Ding von mir. Ich steh nicht so unfassbar gerne auf der Bühne, ich arbeite lieber im Studio. Ich weiß nicht, ich bin irgendwie ein alter Mann. Ich hab keine Lust, Verstärker zu tragen.
 

Noch ist das Erfolgs-Level so, dass du deine Sachen selber tragen musst?

Darum geht’s ja nicht. Ich bin einfach gebrechlich, und so lange ich kein Zehn-Mann-Orchester hinter mir habe, bin ich nicht zufrieden mit meinem Live-Set. Aber kommt ja vielleicht alles noch.
 

Der Booker vom Immergut hat mir in einem Interview erzählt, dass man nur zwei Songs von dir kannte, und man sich trotzdem sicher war, dass du aufs Immergut gehörst. Das ist schon eine starke Aussage.

Die werden auf jeden Fall bitter enttäuscht werden.
 

Warum?

Du wirst schon sehen.
 

 

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