Liebe. Landleben und Jugend sind manchmal zwei Paar Schuhe.
Von Silvio Witt
Tobias Schmidt fühlt sich in MV wohl. Hier lebt und arbeitet er und hier würde er auch gern den Mann fürs Leben finden. Foto: Silvio Witt
Umfrage zu Homosexualität >>
Schwinkendorf.
Das wirklich Größte an Schwinkendorf – irgendwo auf dem flachen
Land zwischen Malchin und Waren
– ist die Kirche. Sie überragt alles
und wirkt auf ihre Art viel zu mächtig für das beschauliche Dorf.
Gleich daneben wohnt Tobias
Schmidt. Der junge Mann lebt im
Hause seiner Großeltern. Disco,
Konzerte, Clubs und Partys – das alles scheint von diesem Ort meilenweit entfernt zu sein. Trotzdem liebt
Tobias seine Heimat und will hier
nicht unbedingt weg.
Doch mehr als nur die eingeschränkten beruflichen Perspektiven könnten ihn aus der Region locken. Vor allem die Liebe wäre ein
Grund, Dorf gegen Großstadt einzutauschen. Denn Tobias ist schwul
und daran trägt man auf dem Lande in vielerlei Hinsicht schwer. „Bevor ich mich geoutet habe, war da
immer ein komisches Gefühl im
Bauch, wie die Leute wohl regieren
würden“, erinnert sich der 20−Jährige. Man habe ihm dies wohl schon
lange angemerkt und so kamen
„hier und da schon mal ein paar
dumme Sprüche.“
Mit 15 gab er sich einen Ruck
und erzählte seiner Mutter davon,
wie er fühlt. Ein kurzes „Bist Du Dir
sicher?“ war die Reaktion. Dann
passierte erst einmal gar nichts, erinnert er sich. Heute ist sein Schwulsein zu Hause kein Thema mehr,
sondern eine Selbstverständlichkeit. „Selbst für meine Großeltern“,
freut sich Tobias.
Doch auch im familiären Umfeld
kennt er Ressentiments.
Diesen begegnet er
heute mit
Selbstbewusstsein.
Eine Stärke, die
wohl noch aus
den Tagen des Coming Outs in der
Schule oder auch bei
Bekannten im Ort herrührt. Mit der Liebe ist
es als Schwuler auf
dem Land da schon
schwieriger.
„Die ersten Dates
habe ich über Chat−Communities im Internet kennen gelernt. Ich
glaube, aus Neustrelitz
stammte meine erste
Verabredung“, erinnert
sich der gelernte Kaufmann für Tourismus und Freizeit. Doch der Richtige sei hier noch nicht dabei gewesen. Oftmals bleibe es unverbindlich und einmalig. Doch danach suche er nicht.
Und irgendwie scheint Tobias
zielorientierter und „normaler“ als
seine Altersgenossen. Seine Woche besteht aus sechs Tagen
Arbeit in einem Warener Hotel,
Freunde am Stammtisch treffen
und hier und da mal eine Feier. „Bei
einem solchen Pensum ist es
schwer, den Richtigen zu finden“,
weiß er. Verstellen möchte er sich
aber eben nicht. In Berlin wäre es
zwar leichter, jemanden zu finden,
jedoch sei er eben ein Landmensch.