 | Preisverdächtig. Rainer Lehmann spürte Leserbriefschreiber aus der Wendezeit auf und bat sie um ein Resümee aus heutiger Sicht. Es ist ein einzigartiges Projekt.
Von Karin Koslik
Rainer Lehmann. Foto: nk
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Schwerin/Neubrandenburg. Für den "Einheitspreis" der Bundeszentrale für politische Bildung nominiert zu sein, ist schon etwas Besonderes. Es ist allerdings auch etwas ganz Besonderes, was Rainer Lehmann aus Stralendorf im Landkreis Ludwigslust auf die Beine gestellt hat: "Nachrichten zwischen zwei Befunden" heißt sein Buchprojekt, in dem er Leserbriefe aus dem Wendejahr analysiert, die in den Tageszeitungen der drei damaligen Nordbezirke erschienen sind.
Dazu inspiriert wurde der Hobby-Historiker durch einen Fund auf dem Dachboden seines Hauses: Vor fast drei Jahren entdeckte er dort in einem alten Koffer ganze Jahrgänge alter Zeitungen. "Sie stammten aus den Jahren 1989/90. Damals war ich an der Trasse in der Sowjetunion. Damit ich später nachlesen konnte, was sich in dieser Wendezeit zu Hause zugetragen hatte, hob meine Frau die Zeitungen für mich auf."
Vor allem von den Leserbriefen, die seinerzeit mehrmals pro Woche ganze Seiten füllten, war Lehmann fasziniert. "Sie ließen die Aufbruchstimmung wieder aufleben, die damals herrschte.". Sehr bald schon reifte seine Idee, den in den Briefen enthaltenen Schatz zu heben und in die Gegenwart hinüberzuholen. "Mir schwebte vor, die Leserbriefschreiber von einst danach zu befragen, wie sie mit 20 Jahren Abstand auf das damals Formulierte blicken", so Lehmann. Zu etwa 1500 Leserbriefen, die zwischen Oktober 1989 und 3. Oktober 1990 erschienen, versuchte der Hobby-Historiker, die Absender zu ermitteln. In 600 Fällen klappte das. Die Reaktionen der ermittelten Personen reichten von grenzenloser Euphorie bis zum Leugnen: "Das habe ich nicht geschrieben, da hat jemand meinen Namen missbraucht." Doch Lehmann ließ nicht locker, mailte, telefonierte, sprach auch persönlich bei dem einen oder anderen vor. "Man muss sich doch nicht dafür schämen, dass man sich in der DDR für einen besseren Sozialismus eingesetzt hat", versuchte er Skeptikern klarzumachen. Viele - nicht alle - konnte er überzeugen. 380 schriftliche Reaktionen liegen ihm mittlerweile vor. Die unterschiedlichsten Meinungen spiegeln sich darin wider: "Die einen sind voll und ganz im geeinten Deutschland angekommen, andere schreiben auch heute noch ,Der Sozialismus wird siegen?", so Lehmann.
Wissenschaftler, Ärzte, Arbeiter, Pastoren, Angestellte, Unternehmer, Künstler, Lehrer, Rentner und Pensionäre haben zu Papier gebracht, wie sie heute zu ihrem Leserbrief von vor 20 Jahren stehen. Optional konnten sie auch eine Bilanz ihres Lebens seit der Wende ziehen oder einen Leserbrief formulieren, den sie heute an eine Zeitung schicken würden.
Indem er seinen Partnern diese Wahl ließ, machte Rainer Lehmann sich selbst das Leben schwer. Denn tatsächlich machten viele davon Gebrauch, sich ein Thema auszuwählen. Andere formulierten Texte zu allen Optionen. Manche schrieben nur wenige Zeilen. Der längste Brief, den Rainer Lehmann erhielt, umfasst 90 Seiten.
Doch wie bereitet man diese Fülle von Informationen auf, ohne dass davon etwas verloren geht? Lehmann entschied sich dafür, sie in zwei Büchern zu publizieren. Teil eins ist nach dem Prolog den Monaten des Wendejahres entsprechend in zwölf Kapitel untergliedert. Jedem wird ein historischer Kurz-Abriss der Ereignisse vor 20 Jahren vorangestellt, ohne den man die nachfolgend abgedruckten Original-Leserbriefe mitunter gar nicht verstehen würde. Lehmann hat für diese historische Rückblende zu vielen Aktivisten jener Zeit Kontakt aufgenommen: Gründungsmitglieder des Neuen Forums schilderten ihm ihre Sicht der Dinge ebenso wie damalige SED-Funktionäre. Er sprach mit ehemaligen Chefredakteuren, die in der Wende zwar eine weitgehende Öffnung der Leserbriefseiten zuließen, aber zugleich darauf achteten, dass die Kritiker der damals noch existierenden DDR nicht überhand nahmen. Und er befragte Zeitzeugen, die als "normale" Bürger an den Demonstrationen der Wendezeit teilnahmen. Diesen Teil seiner Arbeit und damit Teil eins des Buches hat Rainer Lehmann weitgehend abgeschlossen. Derzeit verhandelt er mit Verlagen über den Druck.
Im Teil zwei, der bis zum nächsten Frühjahr fertig sein soll, will der Stralendorfer dann die Reaktionen der Leserbriefschreiber von einst zusammenfassen. Diese Arbeit ist ungleich beschwerlicher. Denn während im ersten Buch alle Texte im Original gedruckt werden, müssen viele der Zuschriften für den zweiten Teil erst gekürzt und anschließend noch einmal vom Absender autorisiert werden. Ein Berg von Arbeit, der noch auf Rainer Lehmann wartet - und der ihn dennoch nicht entmutigt. Im Gegenteil: Er denkt daran, sogar noch ein drittes Buch herauszugeben. Dort will der Hobby-Historiker eigene Analysen publizieren: "Es ist doch spannend, warum das alles gekippt ist: Bis Mitte Dezember 1989 gab es kaum einen Brief, in dem die Wiedervereinigung gefordert wurde", so Lehmann. Die Leserbriefschreiber forderten Rechenschaft, wollten Veränderungen im bestehenden System. "Um den Jahreswechsel herum änderte sich das plötzlich und die Zahl der Briefe, in denen eine Wiedervereinigung gefordert wurde, steigerte sich zusehends." Thematisch dominierten nun die inhaltliche Abrechnung mit dem SED-Regime und die Bürgerrechte, die man sich in einem geeinten Deutschland versprach. Dann, am 18. März, wieder eine Zäsur: "Als die erste freie Volkskammer gewählt wurde, wurden plötzlich Bedenken geäußert: Droht uns nun Arbeitslosigkeit? Was wird aus unseren Renten? Werden wir von der Währungsunion nicht übervorteilt?" schildert Lehmann Fragen, die viele Schreiber bewegten.
Spannend fand Lehmann auch, wie sich die Sprache der Leserbriefe innerhalb nur eines Jahres veränderte. "Die in der DDR typischen Substantivierungen verschwanden. Und während in den ersten Briefen meist noch ,Wir? oder "Ich kenne viele, die auch so denken?? geschrieben wurde, änderte sich das nach dem 18. März, und die Leute schrieben mit neuem Selbstbewusstsein ,Ich?". |