Neu im Kino:

Denunziant am Küchentisch: Anderson

Annekatrin Hendel stellt eine ganz besondere Gattung Mensch in den Mittelpunkt einer Trilogie von Dokumentationen: den Verräter. Schon der erste Teil mit dem Titel „Vaterlandsverräter“ über den DDR-Schriftsteller Paul Gratzik ließ tief hinter die Fassaden des Regimes und seiner Künstlerszene blicken. Nun widmet sich die Regisseurin dem Schriftsteller Sascha Anderson. Er war der „Kunstpapst der Undergroundszene der DDR“. Bis bekannt wurde, dass er ein eifriger Zuträger der Stasi war.

Sascha Anderson war der umtriebige Hans-Dampf-in-allen-Gassen in der Ostberliner Bohème-Szene im Prenzlauer Berg - und Stasi-Spitzel.
Maurizio Gambarini Sascha Anderson war der umtriebige Hans-Dampf-in-allen-Gassen in der Ostberliner Bohème-Szene im Prenzlauer Berg - und Stasi-Spitzel.

Gleich zu Beginn macht diese Dokumentation deutlich, was sie nicht sein will, nämlich ein langweiliges Wechselspiel starrer Interviewpassagen und historischer Aufnahmen. Die Filmemacherin etabliert ein spannendes visuelles Konzept und legt einen vorantreibenden Soundtrack unter ihre Geschichte, die für sich allein genommen schon ungemein spannend ist.

Damals traf man sich nicht in der Kneipe, um gemeinsam intellektuell zu sein. Dort bestand stets die Gefahr, dass der Staat mithört. In der Geborgenheit einer gemütlichen Küche hingegen fühlte man sich sicher. Hier konnte man scheinbar ungestört das Glas erheben, diskutieren, Lyrik vortragen und musizieren. Ein Trugschluss, wie sich nach dem Fall der Mauer herausstellen sollte. Annekatrin Hendel hat diesen Ort der Begegnung detailgetreu in einem Filmstudio nachbauen lassen. Es gelingt ihr, Sascha Anderson damit zu überraschen. Da sitzt er wieder, verblüfft und nachdenklich.

Sascha Anderson sei damals ein Spielertyp gewesen, sagen ehemalige Weggefährten. Dass er lügt, war Teil seines Systems. Und doch lieferten der Dichter und sein Werk permanent Gesprächsstoff. Anderson sei einem unfassbar und ominös, ja okkult erschienen. In Wirklichkeit schrieb er seitenlange Berichte und Einschätzungen für das MfS. Mit „Anderson“ ist ein erstaunlicher Film gelungen. Der tragische Held der Geschichte spricht erstaunlich offen über sein Handeln und ermöglicht den Geschädigten so ein Stück weit die Aufarbeitung. Vielleicht ist das wirkungsvoller als die bloße Bitte um Verzeihung, die er schuldig bleibt. Auch er wollte doch nur die Welt retten.

Wertung
Anspruch: 4
Spannung: 3
Action: 0
Humor: 0
Erotik: 0

Bundesstart: 02. Oktober 2014
Genre: Dokumentation

Mehr Infos unter: www.salzgeber.de