Während vor einem Jahr der deutsche Film „Das Leben der Anderen“ mit viel Tamtam und Pauken und Trompeten im Kino begrüßt wurde und lautstark einen Siegeszug um die Welt antrat, kommt Chris Kraus` Meisterwerk „Vier Minuten“ in dieser Woche eher leise und angenehm bescheiden daher. Den qualitativen Vergleich scheuen muss dieser Streifen nicht.
Traude Krüger (Monica Bleibtreu) ist eine begnadete Pianistin. Seit sechs Jahrzehnten bietet sie Klavierstunden für die Insassen eines Frauengefängnisses an. Selten trägt ihr Engagement Früchte, die meisten Damen haben keinerlei Begabung, einige sind wohl nur knapp der Psychiatrie entronnen. Dann kommt Jenny (Hannah Herzsprung), zwanzig Jahre alt, verurteilt als Mörderin. Die junge Frau steckt voller Zorn und neigt zu heftigen Gewaltausbrüchen, aber Traude bleibt ihr musikalisches Talent nicht verborgen. Gleich die erste Begegnung der Frauen gipfelt in einem Fiasko. Doch die verhärmte Traude, die den tragischen Tod ihrer Geliebten in Nazideutschland nie verwunden hat und „Negermusik“ hasst und die ungestüme Jenny, deren Lebenslauf von Missbrauch und Gewalt geprägt ist, finden zögerlich zusammen. Jennys Erfolg bei einem wichtigen Wettbewerb wäre ein Etappensieg auf dem Weg in eines neues Leben. Aber sowohl die Mithäftlinge als auch die Anstaltsleitung arbeiten dagegen, nehmen sie doch nur Jennys Aggressionspotential wahr.
Filme über die heilende und versöhnende Kraft der Musik tauchen in regelmäßigen Abständen immer wieder im Kino auf, auch hinter Gefängnisgittern wurde schon aufgespielt. Am Ende steht meist das große, alles entscheidende Konzert, so auch hier. Und doch unterscheidet sich Chris Kraus´ wunderbarer Film von all den anderen. Selbst Minirollen sind hier hochkarätig besetzt, aber das Duo der Hauptdarstellerinnen ist ein echtes Kino-Ereignis. Unter einer feinfühligen Regie läuft Monica Bleibtreu zu Weltklasse auf, die Kamera liebt auch die vielseitige Hannah Herzsprung in jeder einzelnen Einstellung. Ihr Job wird durch ein Drehbuch erleichtert, das ihnen niemals abverlangt, Phrasen zu dreschen oder Klischees zu bedienen. Nicht zuletzt die meisterhafte Fotografie von Judith Kaufmann („Vergiss Amerika“) sorgt dafür, dass der Festivalliebling „Vier Minuten“ in Länder verkauft werden konnte, in die sich deutsches Kino sonst selten bis nie verirrt. Hoffentlich führt die viel zu zögerlich betriebene Werbung hierzulande nicht dazu, dass dieses Kinojuwel beizeiten wieder aus den Spielplänen verschwindet. Wer diesen Film gesehen hat, wird ihn definitiv weiter empfehlen.
Anspruch: 1
Action: 3
Spannung: 3
Humor: 1
Erotik: 0