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In Berlin - Ein Gespräch mit Regisseur Michael Ballhaus
„Wir haben keine Postkarten gemacht“
Kameramann Michael Ballhaus war das Auge von Rainer Werner Fassbinder und Martin Scorsese, Regisseure wie Mike Nichols, Francis Ford Coppola oder Robert Redford profitierten von den energiegeladenen Bildern des gebürtigen Berliners. Heute ist der 73-jährige der wohl bekannteste Vertreter seiner Zunft. Nach seiner Rückkehr aus Hollywood vor zwei Jahren hat Ballhaus nun kurzzeitig das Metier gewechselt. Als Regisseur präsentiert er die Dokumentation „In Berlin“, die in Zusammenarbeit mit seinem Kollegen Ciro Cappellari („Mein Name ist Bach“) entstand.
Herr Ballhaus, in Zeiten des allgemeinen Jammerns haben Sie einen sehr positiven Film gemacht. War dies von Anfang an Konzept?
Ja. Es war auf jeden Fall Konzept, einen Film über Menschen zu machen, und zwar Menschen, die aus einem bestimmten Grund in Berlin leben. Unsere Protagonisten sind meistens nicht hier geboren und haben nicht immer hier gelebt. Es sind weitgehend Menschen, die sich irgendwann bewusst dazu entschlossen haben, in Berlin zu leben. Warum wollen diese Menschen in Berlin leben und arbeiten? Der Grund dafür ist meistens positiver Natur. Und dadurch hat dieser Film natürlich einen positiven Aspekt, das war ganz sicher unsere Absicht.
Wie verlief die Arbeitsteilung, wer hat welche Aufgaben übernommen?
Ciro Cappellari hat natürlich einen Großteil der Arbeit übernommen. Er ist der erfahrene Dokumentarfilmer. Ich habe manchmal auch durch die Kamera geschaut, aber eigentlich hat er das alles gemacht. Beim Schnitt verhielt es sich ähnlich. Ciro hat sehr viel wunderbares Material gedreht. 120 Stunden, aus denen ein Film geschnitten werden wollte. In der Phase der Konzeption hatten wir uns ganz intensiv darüber unterhalten, wie der Film aussehen soll. Auch beim Schnitt war es so, dass Ciro den Hauptteil der Arbeit geleistet hat. Er hat diese 120 Stunden etwas zusammengekocht. Wir haben teilweise sehr heftig darüber diskutiert, wie das im Endeffekt aussehen soll. Aber wir sind immer zu einer gemeinsamen Lösung gekommen. Es war eine sehr produktive Arbeit.
Gestaltete es sich schwierig, ein Ende zu finden?
Ich glaube, der Film hat schon einen sehr guten Punkt erreicht. Wenn etwas sehr frisch ist und wenn man noch unvoreingenommen darauf guckt, dann hat der Film auch etwas Direktes. Ich habe es bei Spielfilmen auch schon erlebt, dass der Regisseur eineinhalb Jahre geschnitten hat und am Schluss nicht mehr wusste, was das eigentlich für ein Film war, den er ursprünglich machen wollte. Man hat gar keinen Bezug mehr dazu, man ist so in dem Material drin, dass man gar nicht mehr weiß, ob es den Zuschauer noch erreicht. Manchmal ist es eben ganz gut, wenn man ein bisschen weniger Zeit hat.
Wie schwierig war es, in einer Stadt, die vom Kinofilm bis zur Soap-Opera schon sehr abfotografiert ist, neue und interessante Motive zu finden?
Das ist gar nicht so schwierig. Berlin ist so vielfältig und hat so viele interessante Ecken. Wir hatten uns vorgenommen, die Stadt in sehr bewegten Bildern zu zeigen. Das haben wir getan. Wir sind in der S-Bahn mit einer High-Speed-Kamera durch die Stadt gefahren und haben in diese Schluchten geblickt. Das ist natürlich eine andere Perspektive, als man sie meistens von Berlin sieht. Normalerweise sind es, wenn man so will, Postkarten der Stadt. Wir haben keine Postkarten gemacht. Das sind alles bewegte, lebendige Bilder.
Welche neuen und überraschenden Erkenntnisse haben Sie während der Arbeit am Film gewonnen?
Für mich gab es ein paar Überraschungen. Sie kamen meistens von einem sehr guten Freund. Peter Schneider lebt seit mehr als 25 Jahren in Berlin, er ist ein sehr bekannter und beliebter Autor. Er hat Romane geschrieben, die alle in Berlin spielen. Er war für uns so etwas wie ein Stadtführer. Einmal standen wir am Potsdamer Platz, auf einem kleinen Hügel, der aus dem Weltkriegsschutt entstanden ist, der da zusammengefahren wurde. Peter Schneider erklärte uns, wie dieser Platz vor der Wende aussah: ein Quadratkilometer Brache, auf der ein einziges Haus stand. Das war für mich eine sensationelle neue Erfahrung. Ich habe den Potsdamer Platz während der Mauerzeit nie gesehen, ich bin nie auch nur in die Nähe gefahren. Es war das totale Niemandsland.
Sie skizzieren auch eine Seite Berlins, der gerade in Zeiten der wirtschaftlichen Probleme ein großer Vorzug ist.
Ja. Berlin ist eine Großstadt, eine europäische Metropole, in der man von allen Großstädten der Welt am billigsten leben kann. Hier kann man die Mieten noch bezahlen. Dieser Vorteil zieht natürlich viele Menschen in die Stadt, gerade Künstler oder Leute, die auf Grund ihres Berufes beweglich sind, die nicht an einen Ort oder an eine bestimmte Beschäftigung gebunden sind. Für diese Menschen hat diese Stadt eine ganz große Faszination. Hierher kommen Künstler aus allen Ländern der Welt. Ich kenne auch das Beispiel eines höheren Angestellten einer sehr großen Firma. Er ist Franzose und lebte in Paris. Er wurde von seiner Firma nach Berlin versetzt, hat hier zwei oder drei Jahre gelebt. Dann rief man ihn zurück, aber er sagte nein, ich bleibe in Berlin, ich mach das von hier. In Berlin kann er sich eine Villa mieten, für das Geld, das in Paris eine kleine Wohnung kostet. Das hat Berlin auch zu bieten.
Ist Berlin für Sie immer Heimat geblieben?
Ja, immer. Ich bin in Berlin geboren, habe allerdings als Kind nur sieben Jahre hier gelebt. Dann sind meine Eltern weggezogen, im Krieg war es hier zu gefährlich. Ich bin in Bayern groß geworden. Mit ungefähr 20 bin ich dann wieder sehr viel in Berlin gewesen und bin schließlich irgendwann wieder hierher gezogen. Es ist wirklich der zentrale Punkt meines Lebens.
Haben Sie durch diese Arbeit Geschmack an der Arbeit eines Regisseurs gefunden, gibt es weitere Projekte?
Nein. Die Chance, Regie zu führen, hatte ich öfter in meinem Leben und ich habe sie nicht genutzt. Es ist auch nicht ganz mein Metier. Dokumentarfilm ist etwas sehr schönes, aber wenn man so viele Spielfilme gemacht hat wie ich, es sind fast hundert, dann ist man da zu Hause. Das war mal eine Ausnahme, weil es mit einer Stadt zu tun hat, die ich sehr liebe.
Welche Wünsche sind noch offen?
Ich habe noch viele Wünsche. Ich bin auch noch sehr beschäftigt, eigentlich immer zu viel. Ich unterrichte an drei Filmschulen in Deutschland, in Berlin, München und Hamburg, was mir große Freude macht. Und ich habe ein Projekt gestartet, das ich für sehr wichtig halte. Ich drehe kleine Umweltspots von 30 Sekunden, die die Menschen vielleicht ein bisschen daran erinnern, dass wir mit der Energie nicht mehr so umgehen können wie bisher. Das ist im Moment mein wirkliches Engagement. Ich habe mit Studenten schon vier kleine Filme gedreht und die sind recht erfolgreich. Sie laufen im Kino und das Bundesumweltministerium hat 5.000 DVD`s gekauft, die an die Schulen verteilt werden. Jetzt wollen wir in der Richtung weiter machen. Wir wollen kleine, unterhaltsame, hoffentlich zum Nachdenken anregende Filme drehen. Die zentrale Frage ist: muss ich eigentlich so viel Energie verschwenden oder geht es nicht auch ein bisschen einfacher und billiger? (www.ballhaus-projekt.org)
Stehen Sie eventuell noch einmal zur Verfügung, wenn Hollywood ruft?
Nein. Das war eine klare Entscheidung, die meine Frau und ich freudig getroffen hatten. Ich habe sie keine Sekunde bereut. „Departed“ war mein Ausstand in Hollywood. Mein Sohn Florian setzt das nun fort in Amerika.
Gespräch: André Wesche
Bundesstart 14.05.2009
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© Nordkurier.de am 03.09.2010
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Jeremia 20,11
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