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Sherlock Holmes
Ein Gespräch mit Regisseur Guy Ritchie
Guy Ritchie bei den Dreharbeiten zu Sherlock Holmes Foto: Verleih
Die Filme „Bube, Dame, König, GrAs“ (1998) und „Snatch – Schweine und Diamanten“ (2000) etablierten Guy Ritchie als einen der interessantesten Newcomer des britischen Kinos. Doch während sich die Presse eher für Ritchies achtjährige Ehe mit Popstar Madonna interessierte, floppten die Nachfolger „Stürmische Liebe – Swept Away“ und „Revolver“ an den Kinokassen. Nun ist die Krise überwunden. Mit „Sherlock Holmes“ inszenierte der 41-jährige ein humorvolles und actionreiches Abenteuer, das im englischsprachigen Raum bereits mit großem Erfolg gestartet ist.
Mr. Ritchie, wie haben Sie sich der britischen Ikone Sherlock Holmes genähert?
Ich habe mich schon als Kind intensiv mit Sherlock Holmes auseinandergesetzt. Ich hatte eine unterbewusste Vorstellung von der Identität dieser Figur. Mein Holmes ist altmodisch und aktuell zugleich. Ich habe versucht, Conan Doyle gegenüber loyal zu bleiben. Auf der anderen Seite bin ich ein Filmemacher des Hier und Heute und mache moderne Filme. Ich hoffe, dass sich die unterschiedlichen Interessen, alt und neu, am Ende vereinigen lassen. Der Zeitgeist hat sich verändert und weiterentwickelt. Und bis zu einem gewissen Grad musst du als Filmemacher deinen Finger an diesen Puls legen.
Was macht die ungebrochene Faszination des Sherlock Holmes
aus?
Auf diese Frage gibt es einfache und tiefer schürfende Antworten. Das Interesse an Sherlock Holmes und an Detektiven generell gründet sich auf deren Wissbegierde, letztendlich hinterfragen sie den Sinn des Lebens. Wir interessieren uns für Detektive, weil die Neugierde und das Entdecken fundamental im menschlichen Sein verankert sind. Eine weniger tiefgründige Antwort ist: es ist einfach erregend und unterhaltsam, ihnen zuzuschauen. All diese Ebenen spielen mit hinein.
Wie beruhigend war es für Sie, die ersten Einspielergebnisse von „Sherlock Holmes“ zu hören?
Mir gefällt es, nicht so viel über die finanzielle Situation eines Filmes zu wissen. Es ist zu furchteinflößend. Man gibt doch immer sein Bestes, aber es geht nun mal auf und mal ab im Leben, schließlich ist man nur ein Mensch.
Empfanden Sie Ihr erstes Riesenbudget als Druck?
Tatsächlich gar nicht. Je älter ich werde, umso weniger fühle ich mich einem Druck ausgesetzt. Bei meinem ersten Job führte ich gemeinsam mit einem Kollegen Regie. Wir drehten ein Musikvideo für 250 Pfund. Wir beide wussten nicht wirklich, was wir da machen, aber wir hatten eine geheime Agenda. Wenn es im Desaster enden würde, würden wir den anderen dafür verantwortlich machen. Im Erfolgsfall würden wir den ganzen Ruhm ernten. Mein Partner und ich haben das ein Jahr lang recht erfolgreich so durchgezogen, dann haben wir uns getrennt und jeder hat eigene Wege beschritten. Zu dieser Zeit hatten wir genug Selbstvertrauen aufgebaut. Es war ein evolutionärer Prozess, von 250 Pfund zu 1.000, dann zu 10.000 und zu Millionen. Es sind einfach nur Nullen hinzugekommen und die Angst hat sich irgendwann verflüchtigt.
Sie sind frühzeitig von der Schule abgegangen. Wie sah Ihr Weg zum Filmemacher aus?
Es war ein Prozess der glücklichen Zufälle. Vor meinem 25-sten Lebensjahr war es mir mit dem Filmemachen nicht wirklich ernst. Ich hatte keine Ausbildung, eine Karriere im traditionellen Sinne blieb mir verwehrt. Ich war ernsthaft gehandicapt, wenn es um alles Akademische ging. (Anm.: Ritchie leidet an Dyslexie) Noch heute habe ich gewisse Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben. Ich war ein ziemlich guter Maurer und ich habe in einer Bar gekellnert, etliche Jahre lang.
Sie zeigen in Ihren Filmen für gewöhnlich eine Männerwelt. Warum?
Ich kann nur über Dinge reden, mit denen ich mich auskenne. Ich stecke im Körper eines Mannes, also fühle ich mich in dieser Welt zu Hause. Ich liebe die Welt der Subkulturen, sie steckt voller Geschichten. Ich fühle mich zu Subkulturen und zur Welt des Esoterischen hingezogen. Ich habe in der Schule absolut nichts gelernt. Womöglich habe ich deshalb eine Antipathie gegen alles Standardisierte entwickelt. Mich begannen Dinge zu interessieren, die dem Etablierten entgegenstanden.
Wären Sie daran interessiert, einen James-Bond-Film zu inszenieren?
Mir würde diese Idee gefallen. Die einzige Gefahr besteht darin, dass diese Filme so viel Geld einspielen und ich ziemlich radikale Ansichten davon habe, wie man Bond porträtieren müsste. Ich möchte nicht der Typ sein, der dem Studio am Ende noch Geld kostet.
Wird Holmes Ihr ganz persönlicher Bond, wenn er in Serie geht?
Ich weiß nicht, möglicherweise. Das Tolle daran ist, dass mich diese Arbeit nicht langweilt. Ich liebe die Schauspieler, mit denen ich arbeite. Ich liebe das Team. Die ganze Erfahrung war rundum positiv und interessant. Und es war schön, zur Abwechslung mal große und einflussreiche Freunde zu haben.
Können Sie in Ihrer Freizeit abschalten?
Natürlich. Ich schnappe meine Angelausrüstung und gehe aufs Land oder suche mir eine andere stimulierende Beschäftigung. Dabei vergesse ich alles. Ich glaube, dass ich eine sehr gesunde Balance halte, was das Filmemachen anbelangt. Für mich ist das Regie führen eine Freude, genau wie mir das Anschauen der Filme noch großen Spaß macht. Wenn ich mir meine eigenen Filme ansehe, kann ich total vergessen, dass ich daran beteiligt war.
Sie besitzen einen Pub in London. Kellnern Sie noch selbst?
Am Anfang habe ich das gemacht. Es waren sechs Leute, die sich regelmäßig in diesem Pub getroffen haben, ich war einer davon. Also waren nur noch fünf übrig, als ich ihn kaufte. Für mich wurde eine Fantasie zur Realität, als ich Besitzer eines Pubs wurde. Im ersten Monat war ich jeden Tag und jede Nacht vor Ort, habe Bier ausgeschenkt und alles gemacht.
London steht immer wieder im Mittelpunkt Ihrer Filme. Was empfinden Sie für die Stadt?
Ich liebe London und bin hier tief verwurzelt. Vergleicht man Paris mit London, dann ist Paris das Supermodel. Aber diese Stadt hat auch die Persönlichkeit eines Supermodels. London sieht manchmal gut und manchmal schäbig aus, aber es hat eine große Persönlichkeit, es hat Charakter. Paris sieht fantastisch aus, aber zumindest in meiner Erfahrung mangelt es an charakterliche Tiefe. Für London ist es ein Vorteil, nicht so attraktiv zu sein.
Die Fragen stellte André Wesche.
in Verleih von Warner Bros.
Bundesstart 28.01.2010
Mehr Infos zum Film >>
Kinotrailer von
www.filmtrailer.com
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© Nordkurier.de am 03.09.2010
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