Wannseekonferenz:

15 Menschen, die in 90 Minuten Unmenschliches tun

Was Theater kann, wie sehr es Zuschauer ins Mark trifft und wie schwer Schauspielkunst ist, das zeigt Regisseurin Isolde Wabra mit ihrer Version der „Wannseekonferenz“.

Das ergreifende Stück dauert wie die Wannseekonferenz 1942 rund 90 Minuten.
Tom Schweers Das ergreifende Stück dauert wie die Wannseekonferenz 1942 rund 90 Minuten.

Wenn das Stück schon zu Ende ist, wenn die Schauspieler ihre letzten Sätze gesprochen haben, sich der Hintergrund vom blutigen Rot ins tödliche Schwarz verfärbt, nicht erst dann, aber vor allem dann schaudert, fröstelt es den Zuschauer. Weil diese 15 Menschen, die sich in den vergangenen 90 Minuten mit ihren Plänen von der Tötung von elf Millionen Juden zu Monstern redeten, wieder in die Gesellschaft eintauchen. Genau so, wie sie am Anfang aus den Stuhlreihen im Publikumssaal aus der Masse heraus auftauchten. Es wird einem noch einmal deutlich, dass hier keine Roboter am Werk waren, selbst wenn man es denken könnte, wenn man sie lapidar und beiläufig über Leben und Tod schwätzen hört, als ginge es um die Steigerung der Produktion und des Umsatzes einer Firma.

„Die Wannseekonferenz“, die am Wochenende in Neustrelitz ihre Premiere erlebte, kombiniert unglaubliche Fabulierlust mit Feixerei und giftiger Debattiererei. Wenn dazu die Schauspieler noch ihren Cognac im bauchigen Glas schwenken und ihren Imbiss in sich hineinstopfen, wird einem speiübel. Das Stück dauert wie die Originalversammlung vom 20. Januar 1942 rund 90 Minuten. Und es reicht. Mit jeder Minute wird einem schlechter, flauer im Magen. Man schüttelt den Kopf über all die Aussagen. Da fallen Sätze wie „Was sind schon ein paar Millionen Tote, wenn ich Karriere machen kann“ oder „Die Geschichte schreibt nicht mehr der Jude, die schreiben jetzt wir – und zwar so, dass der Jude darin nicht mehr vorkommt“.

Es tut einfach weh, so sehr weh. Es ist alles abscheulich, abstoßend, grauenvoll. Etliche im Publikum verkrümeln sich in ihrem Sitz, sind fassungslos, halten sich die Hand vor den Mund. Das alles ist wahr und das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte.

Dem Zuschauer stehen die Tränen in den Augen

Um zu verstehen, was das Dokumentarstück nicht nur mit dem Publikum, sondern auch mit den Darstellern anstellt, muss man beim Schlussapplaus vor allem in das Gesicht von Johannes Stelzhammer schauen. Er verkörpert Reinhard Heydrich, den Chef der Sicherheitspolizei und des SD. Die anderthalb Stunden, die er ununterbrochen auf der Bühne steht, herrschsüchtig, kaltschnäuzig einen unmenschlichen Menschen gibt, scheinen ihm alle Kraft zu kosten. Müde, erschöpft, fast weggetreten steht er an der Rampe. Diese Rolle als Brüll- und Kampfmaschine nimmt ihn mit, macht ihn fertig. Vermutlich zerreißt es ihm innerlich das Herz – ganz so, wie dem Zuschauer über all diesen rassistischen Wahn ab und an die Tränen in den Augen stehen. Aber nur deshalb kann Stelzhammer so brillant sein. Selten besetzte das Theater Neustrelitz eine Rolle dermaßen fabelhaft.

Aus der Riege des großen 15-köpfigen Hauptensembles stechen noch weitere hervor. Alexander Mildner verkörpert einen sehr unsicheren Staatssekretär Joseph Bühler, der innerlich mit sich zu kämpfen hat und von Zweifeln zerfressen ist, aber letztlich doch nicht Nein sagt und den skrupellosen Weg mitgeht. Mildner spielt die Nervosität und Verstörtheit ununterbrochen, selbst wenn das Augenmerk der Szenen nicht auf ihm liegt. Das ist große Schauspielkunst.

Ergreifend und verstörend inszeniert

Es mag einem missfallen, dass Autor Paul Mommertz aus Wilhelm Stuckart, dem SS-Gruppenführer und Staatssekretär des Reichsinnenministeriums, eine Art Widerstandskämpfer machte. Aber Thomas Pötzsch trifft diese Zwiespältigkeit auf den Punkt. Ähnlich spiegelt sich das Können in Michael Kleinerts Ministerialdirektor Wilhelm Kritzinger. Michael Goralczyk als SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann könnte noch kantiger, aggressiver agieren. Völlig blass bleibt leider Sven Jenkel als Unterstaatssekretär Martin Luther.

Isolde Wabras Inszenierung bedeutet schwere Kost für den Zuschauer. Er weiß am Ende nicht, ob er klatschen soll. Es wäre vermutlich auch eine große Verneigung vor der Ensembleleistung, wenn er einfach aufstehen würde und gehen. So tiefgehend, ergreifend, verstörend, erschreckend und aufrüttelnd bringt Wabra „Die Wannseekonferenz“ auf die Bühne. Man muss sie gesehen haben, weil sie ins Herz sticht. Wow, das ist Theater!

Weitere Aufführungen: 21.2., 13.3., 7.5. im Landestheater Neustrelitz sowie am 28.3., 19.4., 8.5. im Schauspielhaus Neubrandenburg.

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