Musical:

Abba hallo,was für ein Musical!

„Mamma Mia“ ist nichts für Miesepeter. Diese Show lädt von der ersten bis zur letzten Minute zum Singen, Tanzen, Lachen und Fröhlichsein ein. Diesen Heidenspaß muss man miterlebt haben.

Donna und die Dynamos sind für jeden Spaß und für jede Verrücktheit zu haben: Rosie (Barbara Raunegger), Donna (Sabine Mayer) und Tanja (Betty Vermeulen, von links nach rechts).
Jens Kalaene Donna und die Dynamos sind für jeden Spaß und für jede Verrücktheit zu haben: Rosie (Barbara Raunegger), Tanja (Betty Vermeulen) und Donna (Sabine Mayer, von links nach rechts).

Endlich! Endlich! Endlich! Nach gut zwei Stunden darf der Zuschauer aufspringen, mitsingen, mittanzen, die Arme im Takt in der Luft wiegen, ausgelassen sein und vor Freude seinen Sitznachbarn umarmen. Sei’s drum, ob er ihn kennt oder nicht. Nach 120 Minuten fallen alle Hemmungen. Bei allen. Bei „Waterloo“, der allerallerletzten Zugabe des Abends, gibt es kollektives Ausrasten. Selbst die Hauptdarsteller präsentieren sich im Glitzerfummel und in Plateauschuhen. Das Theater des Westens verwandelt sich in eine Großraumdisco. Dabei hätte es zuvor schon so viele wundervolle Titel gegeben, dass es einen kaum im Sitz hält. „Mamma Mia“ reißt einen schon gleich mit der Ouvertüre mit, die in zehnsekündigen Appetithappen all die wundervollen Titel anspielt, die den Abend über noch zu hören sind.

Es geht Schlag auf Schlag. Es folgt Hit auf Hit auf Hit auf Hit, dass einem fast schwindelig wird.

„Honey, Honey, Honey“, „Money, Money, Money“, „Danke für die Lieder“ („Thank You For The Music“), „Dancing Queen“.

Genug? Nein? Dann, bitteschön!

„Unter Beschuss“ („Under Attack“), „Ich bin ich, Du bist Du“ („Knowing Me, Knowing You“), „Unser Sommer“ („Our Last Summer“).

Der Zuschauer kommt bei dieser Hitmaschine, die nun bis zum 14. Februar tagtäglich in Berlin zu sehen ist, außer Atem. „Mamma Mia“ katapultiert den Zuschauer in Lichtgeschwindigkeit zurück in die seligen 70er- und 80er-Jahre. Und alle, die sie nicht miterlebt haben, lieben sie dennoch, weil Abba im Radio sowieso ständig hoch- und runtergenudelt wird.

22 Hits – da stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis

Es ist schon kurios: Normalerweise muss sich ein Musical-Komponist bemühen, überhaupt einen Ohrwurm pro Produktion zu liefern. Beim neuen Hauptstadt-Musical bekommt der Gast für seine bis zu rund 120 Euro teure Eintrittskarte gleich 22 Hits geliefert. Wenn da mal nicht das Preis-Leistungsverhältnis stimmt! Oder um es anders auszudrücken: „Mamma Mia“ ist der Oberkracher, mit seinen bisher weltweit mehr als 54 Millionen Zuschauern vermutlich eines der erfolgreichsten, besten und – pardon – geilsten Musicals.

Dass da die Handlung leidet und etwas seicht ist – geschenkt. Donna (Sabine Mayer mit einer wundervollen kräftigen Stimme) lebt mit ihrer 20-jährigen Tochter Sophie (Lara Grünfeld als herrlich unschuldiges, verliebtes Mädchen, allerdings leider mit einem deutlich niederländischen Einschlag) auf einer kleinen griechischen Insel und betreibt dort eine Taverne. In dem Tagebuch der Mutter entdeckt Sophie, dass sie drei mögliche Väter hat. Diese Ungewissheit soll ein Ende haben, bevor sie ihre Jugendliebe Sky (Marc Früh wird von den anderen Darstellern stimmlich wie auch schauspielerisch an die Wand gespielt) heiratet. Sophie lädt die in Frage kommenden Männer Sam (Jerry Marwig als Womanizer), Harry (Cusch Jung als harmloser leicht trotteliger Hippie) und Bill (Jörg Zuchs Vaterfigur bleibt blass und geht zwischen den anderen beiden, die wahre Typen sind, unter) zur feierlichen Trauung ein. Das Rätselraten beginnt.

Zusätzlicher Schwung kommt in die Geschichte, als Donnas beste Freundinnen aus alten Tagen anreisen. Die alternde, tussige, eitle, exaltierte Tanja (Betty Vermeulen spielt, nein: lebt, diese Rolle – einfach zum Niederknien) flirtet mit einem kleinen, schnuckeligen Inselboy, dessen ungestüme Avancen sie mit einem kessen „Wenn das Mami wüsst’“ („Does Your Mother Know“) aushebelt. Die kernig Rosie (Barbara Raunegger gibt ihrer Figur eine herrliche Prolligkeit) ist sich für keinen derben Witz und keine sexistische Bemerkung zu schade.

Eine griechische Taverne als Dreh- und Angelpunkt

Das alles ist in ein ziemlich reduziertes, abstraktes Bühnenbild eingebettet. Zwei weißgekalkte Hauswände verschieben sich immer wieder anders, so dass mal eine Taverne, mal ein Schlafzimmer und mal mit wenigen Handgriffen eine Hochzeitskapelle daraus wird. Die Kulissen verlangen Fantasie vom Zuschauer. Genau das ist eines der Themen dieses Stücks, in dem es darüber hinaus noch um den Mut geht, seine Träume zu verwirklichen, um Liebe, Freundschaft, Familie und die Bedeutung der Vergangenheit für das Glück der Zukunft.

Man staunt, ja, hinter dem Musikfeuerwerk lässt sich Tiefergehendes entdecken. Und wem bei „Mich trägt mein Traum“ („I Have A Dream“) kein Schauer über den Rücken läuft oder bei „Was ist das für ein Spiel“ („What’s The Name Of The Game“) nicht nachdenklich zumute wird oder bei „Durch meine Finger rinnt die Zeit“ („Slipping Through My Fingers“) nicht schluchzt, hat keine Popmusikseele.

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