Der Wendeherbst in Neubrandenburg:

Ärzte kehrten dem Bezirk den Rücken

Im Oktober erreichte die Fluchtwelle in den Westen einen Höhepunkt. Auch viele Bürger im Nordosten nutzten die durchlässigen Grenzen von Ungarn oder die Botschaft in Prag, um in die begehrte Bundesrepublik zu fliehen. Einige Fluchtfälle taten den DDR-Behörden besonders weh.

DDR-Flüchtlinge vor der deutschen Botschaft in Prag (Foto September 1989).
Annemagret John DDR-Flüchtlinge vor der deutschen Botschaft in Prag (Foto September 1989).

Eines muss man dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) lassen. Im Gegensatz zu vielen Funktionären der SED- und Staatsführung im Bezirk Neubrandenburg analysierte die Stasi-Bezirksverwaltung die Lage im Sommer 1989 einigermaßen realistisch. Vor dem Hintergrund der „Problematik der ständigen Ausreisen von Bürgern der DDR in das Ausland sowie des ungesetzlichen Verlassens der DDR“ wies Oberstleutnant Schönfelder, Chef der zentralen Auswertungs- und Kontrollgruppe (AKG), die Leiter der Stasi-Diensteinheiten Anfang August an, Ursachen für den Flüchtlingsstrom zu analysieren. Oberstleutnant Penzlin von der Abteilung VII lieferte zwei Wochen später.

Diskussionsthema Nummer 1 unter der Bevölkerung sei die Ausreiseproblematik. Penzlin wies auf etliche Probleme hin: die wachsende Unzufriedenheit über die Versorgungslage, das „Mißverhältnis zwischen offiziellen Veröffentlichungen und der Realität“, schleichende Preiserhöhungen und die Bevorzugung der Hauptstadt mit begehrten Waren. „DDR-Bürger erwarten mehr Vertrauen und Ehrlichkeit, keine Gängeleien und den Abbau von Privilegien für bestimmte Schichten“, so Penzlin.

Die Situation war auch im Bezirk Neubrandenburg spätestens im September alarmierend. Die Zahl der Flüchtlinge stieg dramatisch an. Bis November 1989 hatten knapp 1100 Menschen aus dem Bezirk die DDR verlassen – mehr als in den Jahren 1980 bis 1988 zusammen, muss die Stasi konstatieren. Besorgniserregend: Über die Hälfte der Flüchtlinge war erst zwischen 19 und 35 Jahren alt.

Gleich sechs Friedländer hauten auf einmal ab

Dokumentiert sind die Fluchten in den Rapportprotokollen der Volkspolizeikreisämter (VPKA). Kopien gingen auch an die Stasi. Ab August finden sich fast täglich Anzeigen wegen des „Verdachts des ungesetzlichen Grenzübergangs“. In der Regel nutzten die „Täter“, so der Polizei- und Stasi-Jargon, Urlaubsreisen nach Ungarn, um zu fliehen. Oder aber die DDR-Bürger kehrten von genehmigten Westreisen nicht zurück.

Vor allem aus Industriebetrieben, Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) sowie der öffentlichen Verwaltung waren zahlreiche „Abgänge“ zu vermelden. So vermerkt das Protokoll des VKPA Neubrandenburg vom 12. Oktober lapidar die Flucht eines Neubrandenburger Ehepaars über die ungarisch-österreichische Grenze vom September 1989. Der Kfz-Elektriker und die Berufsschullehrerin des Wasseraufbereitungsbetriebes seien mit dem Auto in den Ungarn-Urlaub gefahren. „Am 19.09.1989 informierte der Herr W. seinen Vater darüber, daß er sich mit der Familie in der BRD befindet und nicht die Absicht hat, in die DDR zurückzukehren.“ Automatisch wurde eine Anzeige aufgenommen.

Spektakulär ein Vorfall vom 30. September in Friedland. Ein Mann zeigte bei der Polizei an, dass sein Sohn und mit ihm zehn weitere Friedländer – zwischen 19 und 26 Jahren – nach der Disco nicht wieder nach Hause gekommen seien. Der Mann vermutete seinen Sohn in der Prager Botschaft und fuhr in die CSSR. „Hier sah er in der BRD-Botschaft seinen Sohn und fünf Bürger aus Friedland“, heißt es im Polizeiprotokoll.

Es gab aber immer wieder auch Fluchtversuche über Polen, für das eine Visumspflicht bestand, obwohl es als „Bruderland“ galt. So versuchten drei Neubrandenburger, darunter zwei Mitarbeiter der Großbäckerei, die Staatsgrenze durch die Oder schwimmend zu überwinden. Bei Frankfurt wurden sie allerdings durch polnische Grenzer aufgegriffen.

Besonders schmerzlich für die Behörden auch im Bezirk Neubrandenburg – immer mehr Ärzte kehrten der DDR den Rücken. Nur ein Einzelfall vom September: Ein Oberarzt des Bezirkskrankenhauses (BKH) in Neubrandenburg gab vor, seinen kranken Vater in Dessau besuchen zu wollen. Wenige Tage später rief er aus Wien seine Frau an: Er werde in die BRD reisen. Anfang November verließ ein junges Ärzteehepaar aus Röbel mit zwei Kindern die DDR, zudem eine Neubrandenburger Ärztin. Laut einem Stasi-Bericht vom 15. November hatten bis dato in diesem Jahr 33 Ärzte, davon 15 Zahnärzte den Bezirk Neubrandenburg verlassen.

Gerade was die medizinische Versorgung betrifft, nahmen die Probleme aufgrund der Fluchtwelle zu. Laut den zentralen MfS-Lageberichten verließen seit Anfang Oktober Woche für Woche zwischen 30 und 50 Ärzte die DDR – mit zunehmender Tendenz. Hinzu kamen zahlreiche Krankenschwestern – allein in der ersten Novemberwoche mehr als 100.

Selbst Stasi-Leute verließen das sinkende Schiff. Mitte Oktober türmte ein Hauptmann, der von 1972 bis 1984 als Nachrichtentechniker in der Bezirksverwaltung Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) für die Stasi tätig war. 

Wie die DDR zerfiel - der Herbst 1989 im Bezirk Neubrandenburg

 

Teil 1: Der Aderlass-die Fluchtwelle erreicht auch den Nordosten

Teil 2: Die Kirche als Reformkraft - der legendäre Friedenskreis von Röbel

Teil 3: Aufruhr in Anklam - das Theater als Keimzelle des Neuen Forum

Teil 4: Eklat zum Republiksgeburtstag - die Rebellen von der FDP in Mirow

Teil 5: Kampf um die Rehabilitation - ein Kinderheim-Opfer gibt nicht auf

Teil 6: Zwischen Presse-Fest und Protest - die Wende und die Freie Erde

Teil 7: Es brodelt in der Wirtschaft - selbst im Vorzeigebetrieb RWN

Teil 8: Innenansichten aus dem MfS - ein Ex-Offizier erinnert sich

 

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