Buch-Kritik:

Alten Rätseln in Paris nachgewandert

Zu Recht genobelt: Der Roman „Gräser der Nacht“ vom neuen Nobelpreisträger Patrick Modiano ist ein kleines Meisterwerk. Der Franzose erzählt mit gelungener Vagheit von einer verschwundenen Geliebten und einem politischen Verbrechen in den 1960er Jahren.

Autor Patrick Modiano.
Ian Langsdon Autor Patrick Modiano.

Wie von langer Hand geplant. Der Franzose Patrick Modiano (69) erhält den Nobelpreis 2014, und dem deutschsprachigen Bücherfreund wird mit „Gräser der Nacht“ prompt eine Neuerscheinung unter den Christbaum gelegt, die zu den ganz feinen Romanen des großen Erinnerungsstilisten gezählt werden darf. Um der Wahrheit Genüge zu tun: Der Hanser Verlag zog die Veröffentlichung anlassgerecht um einige Monate vor. Gute Entscheidung.

Ein herbstlicher Paris-Roman in Schwarz-Grau, um dessen Verfilmrechte sich die Regisseure der Nouvelle Vague à la Malle, Chabrol und Godard in den 1960ern gezankt hätten.

Alles scheint, wenig ist. Der Schriftsteller Jean geht nach fünf Jahrzehnten melancholisch die Wege einer traurigen Liebe ab. Bistros, Bars, Häuser, Haltestellen. Damals war er als literarisch ambitionierter Schüchterling mit der beinah mystischen Dannie unterwegs. Die wechselte zwischen einigen Identitäten hin und her. In Angst und Abhängigkeit. Was zu tun haben könnte mit einer dämmrigen Gang und deren marokkanischen Verbindungen. Ein Exilpolitiker wurde erschossen. Dannie verschwand auf immer, und Jean wurde von der Polizei zu einem ungeklärten Todesfall verhört. All das geschah um 1965. Nun wandert Jean erneut durch Paris. Alte Rätsel lösen sich, nicht allzu viele.

Romancier Modiano macht sich in seinem Erzählen frei von Konventionen und Zeitzwängen. Er belässt es bei einer Konturenhaftigkeit seiner Personage, bei einem Schatten des politischen Verbrechens, der auf allem liegt und Stimmung eindrucksvoller dimmt als detailreiche Beschreibungen. Da ist eine Vagheit gelungen, bleibt die Gefahr lauernd. Was episodisch, fragil wirken könnte, durchläuft ein dünner, gleichwohl fester Faden. Meisterhaft, zu Recht genobelt.

Patrick Modiano: Gräser der Nacht. Hanser Verlag München, 2014. 176 Seiten. 18,90 Euro. ISBN 978 – 3 – 446 – 24721 – 5.

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