Theaterkritik:

Am Ende der Sehnsucht wartet die Irrenanstalt

Die "Endstation Sehnsucht" als Film machte Marlon Brando berühmt. Das Stück entfaltet seine Wirkung dank toller schauspielerischer Leistungen jedoch auch noch Jahrzehnte später im  Anklamer Theater.

Wie ein schüchternes Reh schreckt Stella (Juliane Botsch) auf, als Blanche (Birgit Lenz) an ihr Bett kommt. Foto: Theater
Wie ein schüchternes Reh schreckt Stella (Juliane Botsch) auf, als Blanche (Birgit Lenz) an ihr Bett kommt. Foto: Theater

Als erster ist Heiko Gülland aus dem New Orleans der späten 40er Jahre zurück. Er ist der erste, der in den brausenden Beifall lächelt, während die anderen noch etwas entrückt erscheinen. So als hätten sie noch gar nicht verstanden, was da eben passiert ist. In New Orleans haben sie Blanche Dubois in eine psychiatrische Anstalt gebracht. Und im Anklamer Theater haben sie die „Endstation Sehnsucht“ von Tennessee Williams gespielt.

Dass mit Blanche Dubois (Birgit Lenz) etwas nicht stimmt, ist schnell klar. Schon nach fünf Minuten ist man genervt von ihrer arroganten und affektierten Art. Sie, die einer verarmten Südstaatenfamilie entstammt, ist zu Besuch bei ihrer Schwester Stella (Juliane Botsch) in New Orleans. Dort hat sie an allem etwas auszusetzen: An der kleinen Wohnung, der Figur ihrer Schwester und vor allem an deren Ehemann, Stanley Kowalski (Torsten Schemmel). Der ist eigentlich ein ganz normaler Typ. Spielt Poker mit seinen Freunden, geht zum Bowling und trinkt gerne Mal einen. Und er liebt seine Frau. Und er hasst seine Schwägerin. Zwischen der abgehobenen Diva auf dem absteigenden Ast und dem rustikalen Vertreter des ausstrebenden Proletariats steht die arme Stella und weiß bald nicht mehr, zu wem sie halten soll. Obendrein ist sie auch noch schwanger.

Als Zuschauer wünscht man sich bald, dass Blanche die beiden doch einfach in Ruhe lassen soll und glücklich sein. Tut sie aber nicht, sie nervt und nervt und erst, als sie vom Selbstmord ihres Mannes erzählt, der eigentlich noch ein Junge war, da regt sich Mitleid und später sogar Mitgefühl. Da wünscht man sich, dass es mit Stanleys Kumpel Mitch (Felix Neander) noch was wird, der spielt zwar nicht ganz in ihrer Liga, könnte ihr aber den Halt geben, den sie so dringend bräuchte. Denn sie ist tatsächlich am Ende.

Doch daraus wird leider nichts. Stanley, der nun immer öfter ausrastet, wühlt in der Vergangenheit von Blanche und findet heraus, dass sie ihren Job als Lehrerin verloren hat, weil sie was mit einem Schüler hatte. Und auch, dass sie häufig wechselnde Beziehungen hatte. Ihr Getue, alles nur Fassade. Das erzählt er Mitch, der jetzt auch nichts mehr von ihr wissen will. Das eh nur fadenscheinige Nervenkostüm von Blanche zerreißt nun völlig. Endstation Irrenhaus.

Regisseur Oliver Trautwein, der zum ersten Mal an der Vorpommerschen Landesbühne inszeniert, belässt das Stück, das 1947 in New York uraufgeführt wurde, in seinem ursprünglichen Rahmen. Doch altbacken ist es keineswegs. Und das liegt vor allem an der „ersten Garde“ des Anklamer Theaters. Neben Birgit Lenz, Torsten Schemmel, Juliane Botsch und Felix Neander in den Hauptrollen spielen unter anderem Heiko Gülland, Paola Brandenburg und Erwin Bröderbauer mit. Genau genommen ist es allerdings schon das Stück der Birgit Lenz. So wie sie die Zuschauer mitnimmt von der blasierten Oberlehrerin zum bemitleidenswerten Geschöpf , das ist schon großartig. Doch auch wie Torsten Schemmel es schafft, das Publikum gegen Stanley Kowalski aufzubringen, bis es bei seinen Ausrastern förmlich aufstöhnt, das ist ebenfalls tolles Theater.

Und dann Stella, die überhaupt nichts von einem Rebhuhn hat, wie ihre Schwester meint, sondern eher was von einem Reh. Die möchte man am liebsten von der Bühne holen und ganz weit weg bringen, an einen besseren Ort. Irgendwohin, wo etwas anfängt.