Filmfestival :

Applaus für „Feuchtgebiete“

In der ersten Halbzeit des Filmfestivals von Locarno hat sich das deutsche Kino kraftvoll positioniert. Die Adaption des Skandal-Romans von Charlotte Roche hat Chancen auf den Goldenen Leoparden.

Carla Juri spielt die Helen in "Feuchtgebiete''.
Urs Flueeler Carla Juri spielt die Helen in "Feuchtgebiete''.

Ausgesprochen gut fällt die Halbzeitbilanz des 66. Internationalen Filmfestivals Locarno aus. Der Wettbewerb um den Hauptpreis, den Goldenen Leoparden, überzeugt mit Qualität. Starken Beifall gab es vom Großteil des Publikums und der Journalisten für den deutschen Wettbewerbsbeitrag „Feuchtgebiete“. Der Film wurde nach der Aufführung am Sonntagabend von mehr als 3500 Zuschauern bejubelt. Beim anschließenden Publikumsgespräch gab es vielfach eine geradezu enthusiastische Zustimmung. Die Adaption des bei seinem Erscheinen 2008 als Skandal gehandelten Romans von Charlotte Roche gilt Vielen als Anwärter auf den Goldenen Leoparden.

Bei einer Pressekonferenz zum Film gab es allerdings auch einige wenige Stimmen, die Roman und Film pauschal als „ekelhaft“ klassifizierten. Autorin Charlotte Roche konterte pointiert: „Vor Jahrzehnten haben Frauen öffentlich ihre Büstenhalter verbrannt, um die Emanzipation voranzutreiben. Das muss man leider immer mal wiederholen.“ Der Beifall dafür war stark.

Obsession für Hämorrhoiden, Sperma und Vaginalflüssigkeit als Flucht

Regisseur David Wnendt setzte das Porträt der 18-jährigen Helen mit sehr viel Feingefühl um. Ihre Obsession für Hämorrhoiden, Sperma und Vaginalflüssigkeit wird begreifbar als Flucht vor der Angst, von der Umwelt nicht als Persönlichkeit wahrgenommen zu werden, vor dem Schmerz des Alleinseins. Der mit Meret Becker, Christoph Letkowski und Axel Milberg auch in Nebenrollen exzellent besetzte Film fesselt zudem insbesondere als sensible Auseinandersetzung mit der Furcht vor dem Sterben. Hauptdarstellerin Carla Juri sieht den Film „als Auseinandersetzung mit universellen Themen“.

Auch außerhalb des Wettbewerbs begeistert das deutsche Kino in Locarno. Viel Beifall gab es für die hintersinnige Komödie „Vijay and I“des belgischen Regisseurs Sam Gabarski. Hauptdarsteller Moritz Bleibtreu wurde vom Publikum für seine Interpretation eines irrtümlich für tot erklärten Schauspielers stürmisch gefeiert. Der sehr humorvolle Film läuft am 5. September in den deutschen Kinos an.