Theaterkritik:

Auf holprigen Wegen durch den dunklen Wald

Das Wort Sommerspektakel ist ein großes. Dementsprechend hoch sind die Erwartungen beim Zuschauer an die Novelle „Das Wirtshaus im Spessart“, die nun bis Ende Juni im Neubrandenburger Schauspielhaus auf die Bühne kommt. Marcel Auermann zeigt die Stärken und Schwächen des Wilhelm-Hauff-Stücks auf.

Niemand weiß, was im Wald lauert. So wird der Spaziergang von Franziska (Lisa Voß, v.l.), der Zofe (Giulia Weis) und dem Baron (Michael Goralczyk) ein großes Abenteuer.
joerg metzner Niemand weiß, was im Wald lauert. So wird der Spaziergang von Franziska (Lisa Voß, v.l.), der Zofe (Giulia Weis) und dem Baron (Michael Goralczyk) ein großes Abenteuer.

Bühnenbild

Der mystische, schaurig-schöne Wald hielt schon für einige Räuber- und Gruselgeschichten her. Also muss er verwinkelt, mit mehreren Ebenen, verschiedenen Spielpunkten konstruiert sein. Rainer Fügmann stellt ein interessantes Baum- und Blätter-Skelett auf die Bühne, das nach Lust und Laune auf die Bühne ragt oder die Schauspieler zur Seite klappen. Dahinter verbirgt sich das „Wirtshaus im Spessart“ mit mehreren Zimmern und mehreren Etagen, die das typische Tür-auf-Tür-zu-klapper-polter-Spiel der Boulevardkomödie zulassen. Die hölzernen Balken bieten den Räubern, Burschen und Soldaten ein perfektes Klettergerüst. Plötzlich sind sie wieder kleine Jungs auf einem Spielplatz.

Auf der gegenüberliegenden Seite – sozusagen als Kontrapunkt – liegt das herrschaftliche Anwesen der Familie von Comtesse von Sandau. Hier geht’s edel und, naja zumindest manchmal, gesitteter zu. Dazwischen sitzt das Publikum und wird bisweilen in die Handlung mit eingebunden. Also Vorsicht bei der freien Platzwahl!

Das Bühnenbild ist für hiesige Verhältnisse wirklich gigantisch und eine Schau. Der Zuschauer der Region ist da bisweilen, sicher auch oft aus Kostengründen, eher die Welt en miniature gewohnt.

Inszenierung

Natürlich muss es bei einer Räuberpistole und einer Verwechslungskomödie drunter und drüber gehen. Der Zuschauer muss sich aber doch zurechtfinden. Und das gerade am Anfang. Zum größten Schwachpunkt der Inszenierung (Wolfgang Bordel und Andreas Flick) gehört allerdings, dass der erste Teil zu viel auf einmal möchte: in die Handlung einführen, mächtig Gas geben, ordentlich scheppern, alle Darsteller auf die Bühne bringen, viel Trubel verursachen, Witz versprühen. Das ist zu wirr, zu durcheinander, zu viel Unordnung.

Kurios: Obwohl unendlich viel auf der Bühne los ist, macht es gerade das so schwierig, in die Produktion hineinzufinden. Ja, man fühlt sich fast unwohl. Nichts gibt einem Halt. Ein bisschen weniger Tempo wäre gut. Das ändert sich nach der ersten und erst recht nach der zweiten Pause. Dann läuft es geschmeidiger. Die Pointen zünden mehr, weil sie das Publikum überhaupt erst einmal richtig realisiert.

Figuren

Leider wirkt sich die Hetze, Hast, Ruhe- und Rastlosigkeit am Anfang auch auf die Figuren aus. Sie wirken konturlos. Sie können sich nicht entwickeln, sich nicht freispielen, sich nicht dem Zuschauer vorstellen. Viele Charaktere sind völlig überzeichnet. Warum müssen Personen, die schon aufgrund der Handlung Knallköppe sind, ein Noch-mehr mitbekommen? Trauen Regisseure dem Publikum so wenig Witz zu?

Erst weit nach einer Stunde zeigt sich, dass Sven Jenkel und Manuela Wisbeck als Knoll und Funzel ein köstliches Gespann sind. Beide so naiv, dümmlich, weltfremd, kernig, burschikos, grobschlächtig und derb wie Halunken nur sein können.

Die Besten des Stücks

Michael Goralczyk als Baron von Sperling gibt ein süßes Trottelinchen im Frack ab. Sein Zylinder sitzt so auf dem Kopf, dass er zwei Segelohren freigibt und schon deshalb für Schmunzler sorgt. Noch besser gerät ihm seine andere Figur. Als Obrist von Teckel beherrscht er einen traumhaften Feldwebel-Ton, schnattert herrlich Berlinerisch. Mit seiner Mimik bricht er alles ironisch. Allein wegen ihm lohnt sich das „Wirtshaus im Spessart“.

Lisa Voß als Comtesse von Sandau beherrscht diesen fiesen, zickigen Gesichtsausdruck und spielt Wutausbrüche wie sie sein müssen – laut, gnaden- und hemmungslos. Dennoch: Die Rollen der vergangenen Spielzeiten forderten sie mehr, verlangten ihr mehr ab. Im „Wirtshaus“ kann sie nicht ihre ganze Bandbreite zeigen, dabei liegt da so viel schauspielerisches Können verborgen.

Einen, den man im Blick haben sollte

Der Messdiener watschelt immer brav Pfarrer Haug (Michael Kleinert als grandios spießiger Kirchenvertreter) hinterher, ganz züchtig, ganz verschämt, ganz duckmäuserisch, manchmal verzweifelt über die eindeutig zweideutigen Anmerkungen der verlotterten Räuber. Doch dann kommt dieser Moment, als Christoph Deuter sein Solo „Bittgebet des Pfarrers“ bekommt und singt und diese klare, glockenhelle und sichere, in keiner Sekunde brüchige Stimme erklingt. Er sticht gesanglich aus dem Ensemble hervor. Das gibt zurecht Zwischenapplaus. Erst mit Deuter kommt die Orchesterbegleitung durch Frank Obermair zu angemessener Ehre.

Fazit

Das Wort Sommerspektakel verspricht ein wenig zu viel und bezieht sich wohl eher auf die Spieldauer von drei Stunden. Zwei Pausen ist eine zu viel, auch wenn es im Hof Gratis-Getränke und -Schmalzstullen und sogar eine Feuershow gibt. Dass es sich hierbei um eine Henkersmahlzeit handeln soll, versteht der Zuschauer nicht. Dennoch: Das „Wirtshaus im Spessart“ dürfte gerade die ansprechen, die – warum auch immer – sonst etwas Berührungsängste mit dem Theater haben.

Weitere Aufführungen: 5., 6., 7., 11., 12., 13., 14., 18., 19., 20., 21., 26., 27. und 28.6. im Schauspielhaus Neubrandenburg.

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